Neuerscheinungen

Welche Geschichten gehören zur deutschen Geschichte?

English below

Am 3. Oktober wird der Tag der Deutschen Einheit begangen. Solche Jahrestage richten den Blick auf staatliche und politische Geschichte.

Bücher können daneben weitere Perspektiven sichtbar machen: Biografien, Erfahrungen und Konflikte, die in großen historischen Erzählungen unterschiedlich viel Raum erhalten.

Der 3. Oktober wird nicht nur gefeiert

Die zentralen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit finden 2026 in Bremen statt. Gleichzeitig ist der 3. Oktober auch Gegenstand von Protest und politischer Auseinandersetzung.

Bereits am 2. Oktober zogen mehrere hundert Menschen durch die Bremer Innenstadt. Die Demonstration stand unter dem Motto „Kein Frieden mit der Nation. Gegen Nationalismus, Militarisierung und Sozialabbau“. Nach Angaben der Polizei nahmen rund 700 bis 750 Menschen teil, die Veranstalter*innen sprachen von etwa 1.000. Radio Bremen berichtete, dass die Demonstration selbst ohne Ausschreitungen verlief. buten un binnen

Die Protestierenden verbanden ihre Kritik an den Einheitsfeierlichkeiten unter anderem mit Kritik an Nationalismus, militärischer Aufrüstung und Sozialabbau. Damit wird sichtbar, dass die Bedeutung des 3. Oktober gesellschaftlich unterschiedlich bewertet wird: Während die offiziellen Veranstaltungen an die staatliche Einheit Deutschlands erinnern, nutzen andere Gruppen den Tag, um nationale Selbstbilder und gegenwärtige gesellschaftliche Verhältnisse grundsätzlich zu kritisieren.

Auch diese Auseinandersetzungen gehören zur Gegenwart des 3. Oktober.

Sie führen zurück zu der Frage, die auch die Bücher in diesem Beitrag verbindet:

Welche Geschichten werden über Deutschland erzählt, welche Erfahrungen werden darin sichtbar – und aus welchen Perspektiven wird auf deutsche Geschichte und Gegenwart geblickt?

Wer sich mit unterschiedlichen Formen politischen Protests beschäftigen möchte, findet dazu in unserem Programm auch P wie Protest. Ein Widerstandswörterbuch in Bildern.

Antisemitismus in der DDR

Stalin hat uns das Herz gebrochen. Antisemitismus in der DDR und die Verfolgung jüdischer Kommunist*innen beschäftigt sich mit jüdischen Kommunist*innen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die sowjetische Besatzungszone Deutschlands zurückkehrten.

Der Band untersucht antisemitisch geprägte Verfolgungen und Verdächtigungen in der frühen DDR und verbindet politische Geschichte mit den Erfahrungen der Betroffenen.

Post/sowjetische Erfahrungen

Isolation und Ausgrenzung als post/sowjetische Erfahrung, herausgegeben von Luca Bublik, Johannes Spohr und Valerie Waldow, versammelt Texte über gesellschaftliche Zustände, in denen Isolation und Ausgrenzung eine zentrale Rolle spielen.

Die Beiträge beschäftigen sich mit historischen und gegenwärtigen Erfahrungen in Belarus, der Russischen Föderation, der DDR und der heutigen Bundesrepublik.

Schwarze Geschichte in Deutschland

The Black Diaspora and Germany des BDG Network bringt historische, wissenschaftliche, kulturelle und aktivistische Perspektiven auf Schwarze Präsenzen in Deutschland zusammen.

Der Band macht damit zugleich deutlich, dass Schwarze Geschichte nicht außerhalb deutscher Geschichte steht. Schwarze Präsenzen, Erfahrungen und gesellschaftliche Auseinandersetzungen gehören zu den Geschichten, aus denen Deutschland besteht.

Eine deutsch-nigerianische Familiengeschichte

In Also by Mail von Olumide Popoola begegnen sich Familiengeschichte, Diaspora und Erfahrungen von Rassismus in Deutschland.

Das Theaterstück folgt den deutsch-nigerianischen Geschwistern Funke und Wale und verbindet Erfahrungen in Deutschland mit Familienbeziehungen und unterschiedlichen Perspektiven auf Nigeria und Diaspora.

Von Also by Mail zur Reihe Witnessed

Also by Mail ist der zweite Band der englischsprachigen Buchreihe Witnessed, die edition assemblage in Kooperation mit Sharon Dodua Otoo herausgibt.

Die Reihe versammelt fiktionale und nichtfiktionale Arbeiten Schwarzer Autor*innen mit Bezug zu Deutschland. Theater, Fotografie, Kurzgeschichten, Lyrik und andere Formen schaffen Raum für unterschiedliche Perspektiven auf Schwarzes Leben, Diaspora, Familie, Erinnerung, Kunst, Rassismus, Widerstand und Zugehörigkeit.

Gerade im Zusammenhang mit dem 3. Oktober erweitert die Reihe damit die Frage danach, wer Deutschland erzählt und welche Erfahrungen Teil dieser Geschichte sind.

Mehr über die Reihe, ihre Entstehung und die einzelnen Bücher gibt es in unserem eigenen Blogbeitrag:

→ [Witnessed: Black Perspectives on Germany – in English]

Alle Bücher der Reihe findet ihr außerdem auf der Witnessed-Seite bei edition assemblage.

Der 3. Oktober kann damit auch Anlass sein, danach zu fragen, welche Erfahrungen in Erzählungen über Deutschland sichtbar werden – und welche zusätzlichen Perspektiven Bücher eröffnen können.


English below

Which Stories Are Part of German History?

October 3 is the Day of German Unity. Such anniversaries often focus attention on state and political history.

Books can place additional perspectives alongside these narratives: biographies, experiences and conflicts that receive different degrees of visibility in larger historical accounts.

October 3 Is Not Only Celebrated

The central celebrations for the Day of German Unity are taking place in Bremen in 2026. At the same time, October 3 is also a subject of protest and political debate.

On October 2, several hundred people marched through central Bremen under the slogan “Kein Frieden mit der Nation. Gegen Nationalismus, Militarisierung und Sozialabbau” (“No Peace with the Nation. Against Nationalism, Militarisation and Social Cuts”). Police reported around 700 to 750 participants, while organisers put the number at around 1,000. Radio Bremen reported that the demonstration itself passed without rioting. buten un binnen

The protesters connected their criticism of the Unity Day celebrations with criticism of nationalism, military build-up and social cuts. Their protest illustrates that October 3 is interpreted in different ways: while the official events commemorate German state unity, other groups use the date to question national narratives and contemporary social and political conditions.

These debates are also part of the present-day meaning of October 3.

They lead back to the question connecting the books in this article:

Which stories are told about Germany, which experiences become visible within them – and from whose perspectives are German history and the present viewed?

Readers interested in different forms of political protest can also explore P wie Protest. Ein Widerstandswörterbuch in Bildern from our programme.

Antisemitism in East Germany

Stalin hat uns das Herz gebrochen examines the experiences of Jewish communists who returned to the Soviet occupation zone after the Second World War.

The volume looks at antisemitic persecution and suspicion in the early GDR and connects political history with the experiences of those affected.

Post/Soviet experiences

Isolation und Ausgrenzung als post/sowjetische Erfahrung, edited by Luca Bublik, Johannes Spohr and Valerie Waldow, brings together texts on societies in which isolation and exclusion play a fundamental role.

The contributions engage with historical and contemporary experiences in Belarus, the Russian Federation, the GDR and present-day Germany.

Black history in Germany

The Black Diaspora and Germany, edited by the BDG Network, brings together historical, academic, cultural and activist perspectives on Black presence in Germany.

The volume also makes clear that Black history does not exist outside German history. Black presence, experiences and social struggles are part of the histories that constitute Germany.

A German-Nigerian family story

In Also by Mail by Olumide Popoola, family history, diaspora and experiences of racism in Germany intersect.

The play follows the German-Nigerian siblings Funke and Wale, connecting experiences in Germany with family relationships and different perspectives on Nigeria and diaspora.

From Also by Mail to the Witnessed series

Also by Mail is the second volume in the English-language Witnessed book series, published by edition assemblage in cooperation with Sharon Dodua Otoo.

The series brings together fictional and non-fictional works by Black authors with connections to Germany. Theatre, photography, short stories, poetry and other forms create space for different perspectives on Black life, diaspora, family, memory, art, racism, resistance and belonging.

In the context of October 3, the series therefore adds another dimension to the question of who gets to narrate Germany and which experiences are understood as part of its history.

You can read more about the series, its development and its books in our dedicated blog article:

→ [Witnessed: Black Perspectives on Germany – in English]

You can also explore all books in the series on the Witnessed page at edition assemblage.

October 3 can therefore also be an occasion to ask which experiences become visible when Germany is narrated – and what additional perspectives books can offer.

Protest hat viele Formen

Am 2. Oktober wird der Internationale Tag der Gewaltlosigkeit begangen.

Für uns ist das auch ein Anlass, genauer auf Protest zu schauen. Denn Protest und Widerstand bestehen aus sehr unterschiedlichen Praktiken. Nicht jede politische Aktion ist gewaltfrei, und nicht jede Form des Widerstands lässt sich unter denselben Begriff fassen.

Ein Wörterbuch des Protests

P wie Protest. Ein Widerstandswörterbuch in Bildern, herausgegeben von Anna Sabel und dem Verband binationaler Familien und Partnerschaften, versammelt 32 Protestformen.

Dazu gehören Boykott, Schweigemarsch und Lichterkette. Die einzelnen Begriffe werden mit konkreten historischen und gegenwärtigen Protestgeschichten verbunden – unter anderem mit antikolonialem Widerstand, Protest gegen rassistische Gewalt und migrantischer Selbstorganisierung.

Das Buch macht damit auch für jüngere Leser*innen sichtbar, wie vielfältig Protest sein kann.

Wann wird Regelbruch politisch?

Ungehorsam! Disobedience!, herausgegeben von Andreas Kahrs, Lea Steinert und Friedrich Burschel, beschäftigt sich mit Theorie und Praxis kollektiver Regelverstöße.

Die Beiträge fragen nach Begründungen und Streitpunkten rund um zivilen Ungehorsam und danach, welche politischen Praktiken überhaupt unter diesem Begriff verstanden werden.

Wie werden politische Aktionen bewertet?

Zur Theorie politischer Aktionen von Christiane Leidinger nähert sich dem Thema aus der Protest- und Bewegungsforschung.

Umzingelung, Sabotage, Kiss-in, Sternmarsch oder Besetzung: Das Buch untersucht, wie solche Handlungen beschrieben und klassifiziert werden – und aus welcher Perspektive diese Bewertungen entstehen.

Diese Bücher geben keine gemeinsame Anleitung für „richtigen“ Protest.

Sie laden dazu ein, genauer zu fragen:

Welche Formen kann Protest annehmen? Wer entscheidet, welche Handlungen als legitim gelten? Und aus welcher Perspektive sprechen wir über Widerstand?


English below

Protest Takes Many Forms

October 2 is the International Day of Non-Violence. The United Nations describes it as an occasion to disseminate the message of non-violence through education and public awareness.

For us, it is also an opportunity to take a closer look at protest. Protest and resistance take many different forms. Not every political action is non-violent, and not every form of resistance can be described using the same terms.

A dictionary of protest

P wie Protest. Ein Widerstandswörterbuch in Bildern, edited by Anna Sabel and the Verband binationaler Familien und Partnerschaften, brings together 32 forms of protest.

They include boycotts, silent marches and human chains. The book connects these forms with concrete histories of resistance, including anti-colonial struggles, protests against racist violence and migrant self-organisation.

When does breaking the rules become political?

Ungehorsam! Disobedience!, edited by Andreas Kahrs, Lea Steinert and Friedrich Burschel, examines the theory and practice of collective rule-breaking.

The contributions explore the arguments, conflicts and different understandings surrounding civil disobedience.

How are political actions judged?

In Zur Theorie politischer Aktionen, Christiane Leidinger approaches political action from the perspective of social movement and protest research.

Encirclements, sabotage, kiss-ins, marches and occupations: the book asks how political actions are described and classified – and from whose perspective.

These books do not offer a single guide to the “right” form of protest.

Instead, they encourage us to ask:

What forms can protest take? Who decides which actions are considered legitimate? And from whose perspective do we talk about resistance?

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