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erschienen
Buchcover „(dis)worlding“ – Berliner Techno-Subkultur, queer, Raving und kritische Theorie
(dis)worlding
Liminale Praktiken der Differenz, Realitäten des fremden Anderen und post-queere Narrationsräume in den Berliner Techno-Subkulturen ( ) s-p-a-c-e (Hg.) Deutsch
Paperback (Fadenheftung), 772 Seiten
140 x 210mm
978-3-96042-211-2 / 2-973
68,00 Euro
Erscheinungstermin: 26.04.2026
Deutsch
Paperback (Fadenheftung), 772 Seiten
140 x 210mm
978-3-96042-211-2 / 2-973
68,00 Euro
Erscheinungstermin: 26.04.2026

Inhalt

Wie sich Clubkultur und widerständige queere Orte durch den Diskurs und den Einfluss einer neoliberalen Mittelschicht verändern.

Raving entfaltet sich als eine eindringliche und counterintuitive Praxis des (Dis)sense, der verschmierten Differenz, der Grenzgebiete, der Produktion von Ambiguität. Sie verweigert sich binären Gegensätzlichkeiten, welche über systemisch bedingte Kategorisierungen abstrakte Sinnhaftigkeit erzeugen und diese als Definitionsmacht von Realität ausspielen. Diese Praxis der Teilhabe und des Engagements öffnet vielmehr situativ und temporär einen kollektiven körperlichen Erfahrungsraum. Sie bezieht sich dabei auf unsere Subjektivität und löst diese gleichzeitig auf. 



Diesen verengten und intensivierten Raum der anderen sozialen Beziehungen, der über physische Annäherung und psychische Entfremdung (inter)subjektive Handlungsfähigkeit erweitert, wollen wir nicht als verständliches Narrativ greifbar machen, einem kulturellen Kanon zuführen, nach Innen/Außen kontextualisieren oder vermittelnd zur Disposition stellen. Wir wollen keine Bedeutung produzieren, sondern die unmittelbare Erfahrung des Dissoziierens und Verbindens beschreiben. Wir widersetzen uns beharrlich und in stetiger Wiederholung der systemischen Realität, durch ein Verschieben der Differenz des Anderen und Fremden. 


Unsere eigene (inter)subjektive Eingeschriebenheit in eine lokale queere Subkultur von Techno manifestiert sich in diesem Dokument der Verausgabung und Erschöpfung.


Herausgeber*innen

( ) s-p-a-c-e — [ ] s-p-a-c-e ist eine unabhängige, nicht-normative und post-queere, non-disziplinäre und communityorientierte kollektive Praxis, die sich aus der Beteiligung von kontinuierlich Schreibenden (aktuell: xan egger und Mascha Naumann) und unterschiedlichen unregelmäßig partizipierenden Kollaborateur*innen ergibt. Mehr Infos

Leseprobe / Cover

Textauszug aus dem Buch (dis)worlding:

Die hegemoniale und techno-subkulturelle Gegenwart Berlins ergibt sich aus einer Nachwende-Narration der Vereinigung, die sich in wiederholten Verdichtungen außergewöhnlicher Umstände zwischen wechselnden (macht)politischen Verhältnissen und demografischen Verschiebungen ereignet. Ein urbaner Körper in Bewegung zwischen Stabilität und Instabilität, der sich immer wieder de- und rekonstruiert, kollabiert und neu konstituiert. Ein Raum gesellschaftlicher, kultureller, ökonomischer und symbolischer Brüche und Übergänge, der in zyklischen Wiederholungen aus unterschiedlichen Perspektiven umworben, eingenommen, abgelehnt, vereinnahmt, besetzt, umgedeutet und überschrieben wird. Politisch geht es dabei – dem straighten Denken der heteronormativen Hegemonialität folgend – um Mehrheitsbildung durch Ausschluss, während sich die Realitäten von Raving der Differenz zum Anderen bewusst und unbewusst, nach innen wie außen öffnen. Jede Erschütterung sensibilisiert das Bewusstsein, fördert Selbstregulierung, Intersubjektivität und Resilienz. Jede Verschiebung wirkt subjektiv und kollektiv, lokal und global, irl und online. Performative Handlungen und repräsentatives Image hingegen verpuffen aktionistisch und münden in eine weitere individualistische Beschleunigung der Verhältnisse.
Die sogenannte Clubkultur Berlins, die sich vielmehr als Sozietät des Anderen begreifen lässt, erweist sich als Verdichtung und Verschiebung dieser Entwicklungen. Ihr körperliches Erfahrungswissen gerät zunehmend unter den Einfluss technofeudaler virtueller Räume und zirkuliert als symbolisches Kapital global. Sie ist nicht nur ein relevanter Standort- und Wirtschaftsfaktor, sondern zugleich ein dissozialer Glitch in der Zeit, eine Faltung im Kontinuum, ein Bruch in kulturellen Verhältnissen und eine Gegenöffentlichkeit für marginalisierte Gruppen. Eine umtriebige queere Community prägt die Techno-Subkulturen und sucht darin Zuflucht vor dominanten Verhaltensweisen und Machtmechanismen der heteronormativen Gesellschaft. Clubs können für marginalisierte Subjekte Räume von Zugehörigkeit, Befreiung und Anderssein zugleich sein und bieten weit mehr als bloße hedonistische Freizeitgestaltung. Raving erscheint als situatives, temporäres und repetitives (Dis)worlding: ein queeres Welt-Verfremden, ziviler Ungehorsam und Courage der Ränder, ambige Differenz, Akkumulation von Dissonanz und Annäherung an das Fremde. Es ist ein kollektives Dissoziieren von Welt, eine vorübergehende Verschiebung von Wahrnehmung, Körper, Zeit und Realität. Doch diese Räume nicht-normativer Körperlichkeit wirken heute zunehmend ausdifferenziert, homogenisiert, hegemonialisiert und kommerzialisiert.
Während queere Räume Orte kollektiver Freiheit und geteilter Verantwortung sein sollten, zeigt sich ein wachsendes Bedürfnis nach Sicherheit und Regulierung. Begriffe wie Diversität, Awareness oder Inklusion werden aus kultur- und bildungspolitischen Debatten übernommen, erschöpfen sich in der Praxis jedoch häufig in dominanzkulturellen Reflexen der Meinungs- und Deutungshoheit. Eine gebildete Mittelschicht reproduziert bestehende Verhältnisse durch Vorschreibungen, Schuldzuweisungen und unterkomplexe Lösungsansätze. Diese unterdrücken Selbstreflexion und zielen auf Kontrolle und Policing – im Sinne eines neoliberalen Outsourcings von Verantwortung und der Übertragung von Fürsorgearbeit auf die Betroffensten selbst. Die dissoziale Realität von Raving wird dabei kulturalisiert und intellektualisiert, um für eine internationale mobile Mittelschicht ein Bild trügerischer Sicherheit und politischer Korrektheit zu stabilisieren – notfalls durch strukturelle Regulierung und Machtausübung.
Wir wollen soziale und kulturelle Differenz nicht als Konflikt begreifen, der durch Kommunikation oder Konfrontation aufzulösen ist, sondern als ein Driften in die Lebensrealitäten des Anderen – als ein Ent- und Umwelten der eigenen subjektiven Realität und ein Attuning mit dem Fremden. Aus unserer eigenen Eingeschriebenheit heraus fühlen wir uns einer negativen Theorie verpflichtet: einer Praxis, die darauf abzielt, Definitionen und konzeptionelle Raster durch gesteigerte Komplexität zu deformieren, Systeme zu überlasten und Rahmungen kontinuierlich zu verschieben. Es geht darum, Differenzen und Ambiguitäten sozialer Realität erfahrbar zu machen, auf Momente körperlichen Vertrauens und der Akzeptanz des Anderen aufzubauen und multidimensionale Perspektiven zu eröffnen. Wir agieren aus einem Innenraum heraus – nicht, um auszustellen oder zu vermitteln, nicht, um zu idealisieren oder zu romantisieren, sondern um die Binaritäten kultureller, ökonomischer, sozialer und symbolischer Machtstrukturen in den Berliner Sub- und Ravekulturen lustvoll zu überschreiben.
Dabei werden die systemischen Grenzen identitätspolitischer Repräsentation sichtbar: Wer wird ermächtigt? Was bedeutet es, eine Stimme zu haben, wenn im Wettbewerb um Aufmerksamkeit niemand mehr zuhört? Für die gesellschaftliche Sozietät gilt ebenso wie für die situative Verdichtung im Rave: Je mehr wir Differenz unterdrücken, desto bedrohlicher erscheint sie – desto eruptiver kehrt sie aus dem Unbewussten zurück. In einer hyper-awaren, digital vernetzten Gesellschaft des straighten Denkens, die jede Bewegung registriert, kommentiert und skandalisiert, entsteht eine Spirale aus Angst und Wut, in der sich alle fortwährend als Opfer markieren. So werden systemische Verhältnisse maskiert – und Widerständigkeit wird zunehmend unmöglich.

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Pressestimmen

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