Und selbst Raumschiff Cosinus von Tanja Abou stellt für jüngere Leser*innen die Frage, wer eigentlich dafür sorgt, dass alles funktioniert.
Vom Berliner Club bis zum Raumschiff:
Arbeit organisiert einen großen Teil unseres Lebens.
Darüber zu sprechen, wie sie verteilt, bezahlt, anerkannt und verändert wird, bleibt deshalb eine gesellschaftliche Frage.
Who Works – and Under What Conditions?
October 7 is the World Day for Decent Work.
In 2026, particular attention is being paid to young workers and their experiences of low wages, insecure employment and precarious working conditions.
But “decent work” cannot be understood through an employment contract alone.
Who works? Who decides? Which work is paid? Which work remains invisible? And what happens when workers organise?
Shshshshift, edited by ( ) s-p-a-c-e, brings together conversations with workers from Berlin’s queer club and rave culture and explores labour between passion, exhaustion, precarity and commercialisation.
Wohnen, Reichtum und der Kampf um soziale Sicherheit
Zum World Habitat Day 2026: über Vergesellschaftung in Berlin, den Rechtsruck, Klassismus und Antifaschismus, unsichtbare Arbeit, Vermögensungleichheit, Antirepression – und darüber, warum unabhängiges Publizieren gerade jetzt wichtig ist.
Am 5. Oktober ist World Habitat Day. 2026 steht der internationale Aktionstag unter dem Motto „Adequate Housing for All“ – angemessener Wohnraum für alle. UN-Habitat stellt damit die globale Wohnungskrise und das Recht auf angemessenen Wohnraum ins Zentrum.
Für edition assemblage ist die Wohnungsfrage seit Langem mehr als eine Frage von Häusern und Wohnungen. Sie berührt Eigentum und Einkommen, Arbeit und Migration, Klassismus und Verdrängung, Stadtentwicklung und demokratische Mitbestimmung.
Davon erzählen Bücher wie Welches Zuhause? von nous – konfrontative Literatur. Die zehn Erzählungen stellen Wohnungsnot, Gentrifizierung und die Profitlogik auf dem Wohnungsmarkt aus der Perspektive Betroffener ins Zentrum.
Das Haus gehört UNS ALLEN! von Tanja Tschöke dokumentiert Hausbesetzungen und selbstverwaltete Gemeinschaftsprojekte in Hannover und zeigt, wie Aktivismus Stadtentwicklung verändern kann.
Umkämpftes Wohnen richtet den Blick auf Organisierung und Kämpfe um Wohnraum. Arbeit! Wohnen! verbindet die Wohnungsfrage mit Migration, Arbeitsverhältnissen und städtischen Konflikten.
In Berlin bekommt diese Frage gerade eine neue Aktualität.
Berlin nach der Wahl: Wohnen ist eine Machtfrage
Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 20. September 2026 wurde Die Linke mit 25,7 Prozent der Zweitstimmen stärkste Kraft. Gleichzeitig legte auch die AfD zu und erreichte 16,3 Prozent. Die amtlichen Wahlergebnisse dokumentieren damit zwei sehr unterschiedliche politische Entwicklungen.
Gerade deshalb lohnt ein genauer Blick auf die Motive hinter dem Berliner Ergebnis.
Unter den Wähler*innen der Linken nannten laut infratest dimap Wohnen und soziale Sicherheit als besonders wichtige Themen ihrer Wahlentscheidung. Auch bei der Frage nach politischen Kompetenzen wurde der Linken insbesondere bei bezahlbarem Wohnraum und sozialer Gerechtigkeit Kompetenz zugeschrieben. Die Tagesschau hat die Ergebnisse der Nachwahlbefragung aufbereitet.
Berlin beweist damit nicht, dass eine einzelne sozialpolitische Forderung die extreme Rechte einfach „stoppen“ kann. Dafür ist schon das gleichzeitige Wachstum der AfD ein Gegenbeleg.
Das Ergebnis zeigt aber etwas anderes:
Konkrete Antworten auf soziale Fragen können Menschen für demokratische politische Alternativen mobilisieren.
Und die Wohnungsfrage ist dafür ein besonders anschauliches Beispiel.
Vergesellschaftung: ein demokratischer Auftrag, der noch immer offen ist
Der Konflikt ist älter als diese Wahl.
Beim Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ stimmten 2021 57,6 Prozent der Teilnehmenden mit Ja. Der Beschluss zur Erarbeitung eines Gesetzes für die Vergesellschaftung der Wohnungsbestände großer privater Wohnungsunternehmen wurde damit angenommen. Die Ergebnisse dokumentiert das Land Berlin.
Fünf Jahre später ist diese Forderung noch immer nicht umgesetzt.
Die Berliner Linke hat 2026 angekündigt, die Umsetzung des Volksentscheids zu einem zentralen Punkt möglicher Koalitionsverhandlungen zu machen. Nach ihrem Beschluss zur Vergesellschaftung sollen vergesellschaftete Wohnungsbestände gemeinwirtschaftlich und nicht profitorientiert durch eine Anstalt des öffentlichen Rechts (AöR) verwaltet werden. Belegschaft, Mieter*innen und Stadtgesellschaft sollen an der Verwaltung beteiligt werden.
Das ist noch keine umgesetzte Politik. Es ist eine politische Forderung und Gegenstand kommender Auseinandersetzungen und Verhandlungen.
Als edition assemblage sind wir solidarisch mit Mieter*innen, Initiativen und sozialen Bewegungen, die für bezahlbares Wohnen, gegen Verdrängung und für demokratische Kontrolle über zentrale Lebensbereiche kämpfen.
Uns geht es dabei nicht um Loyalität zu einer Partei.
Uns interessiert die grundsätzlichere Frage:
Was geschieht, wenn soziale Konflikte als soziale Konflikte sichtbar werden – statt diejenigen gegeneinander auszuspielen, die selbst von Unsicherheit, Armut oder Ausgrenzung betroffen sind?
Soziale Fragen nicht den Rechten überlassen
Der Blick nach Sachsen-Anhalt macht deutlich, warum darauf keine einfache Antwort möglich ist.
Bei der Landtagswahl im September erreichte die AfD dort 43,8 Prozent der Zweitstimmen. Der Landesverband Sachsen-Anhalt wird vom dortigen Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft.
Gleichzeitig zeigen Nachwahlbefragungen, dass materielle Sorgen auch unter AfD-Wähler*innen verbreitet sind. Sorgen um steigende Preise und den eigenen Lebensstandard werden deutlich.
Das heißt gerade nicht, dass Armut Menschen rechts macht.
Eine aktuelle Auswertung von SOEP-Daten kommt sogar zu dem Ergebnis, dass Sorgen um Migration für die Unterstützung der AfD wesentlich erklärungskräftiger sind als sozioökonomische Benachteiligung.
Aber es wäre ebenso falsch, soziale Unsicherheit, steigende Lebenshaltungskosten und Erfahrungen von Kontrollverlust aus der Analyse herauszuhalten.
Politisch entscheidend ist auch, wie Krisen erklärt werden.
Werden steigende Mieten als Konflikt um Eigentum und Verteilung verstanden?
Oder werden gesellschaftliche Probleme nationalistisch und rassistisch umgedeutet und andere Menschen zu Schuldigen erklärt?
Hier beginnt für uns auch eine notwendige Kritik innerhalb antifaschistischer und linker Zusammenhänge.
„Nach unten treten ist kein Antifaschismus“
Die queere Poverty-Class Akademikerin, Social-Justice-Trainerin und Kinderbuchautorin Tanja Abou (Raumschiff Cosinus Der Bordcomputer hat die Schnauze voll) interveniert nach der Wahl in Sachsen-Anhalt gegen ein auch in großen Teilen der Linken vertrautes Stereotyp: den angeblich typischen rechten Wähler (häufig männlich dargestell) als arm, ungebildet, „prollig“, irgendwo im Plattenbau oder auf dem Dorf. Dazu gehörten die stilistischen Klischees: Rauchen, Trinken, Übergewichtig – die nur im Kontext von „arm“ und „prolig“ als negativ gewertet werden.
Abou relativiert damit rechte Einstellungen nicht.
Im Gegenteil: Sie schreibt ausdrücklich, dass rechte, rassistische, antisemitische, antifeministische und autoritäre Positionen kritisiert werden müssen.
Ihr Einwand richtet sich dagegen, diese politischen Positionen über soziale Herkunft oder Habitus zu erklären.
Wenn Faschismus mit mangelnder Bildung, Armut, bestimmten Körpern, Kleidung, Sprache oder einem vermeintlich „prolligen“ Lebensstil verbunden wird, entsteht schnell das Bild des falschen Menschen, der stellvertretend für das politische Problem steht.
Die gebildete und materiell abgesicherte Mitte kann sich dann selbst beruhigt aus dem Problem herausdefinieren.
Abou erinnert außerdem daran, dass solche sozialen Sortierungen eine deutsche Geschichte haben.
Menschen wurden während des Nationalsozialismus als sogenannte „Asoziale“ verfolgt, unter anderem weil sie arm oder wohnungslos waren, als „arbeitsunwillig“ galten oder nicht in die Vorstellung einer disziplinierten und gesellschaftlich „nützlichen“ Person passten. Viele Betroffene wurden nach 1945 jahrzehntelang nicht als NS-Verfolgte anerkannt.
Ihr entscheidender Unterschied lautet:
Eine politische Haltung zu kritisieren ist etwas anderes, als Menschen wegen ihres Körpers, ihrer Sprache, ihrer Kleidung, ihrer Bildung, ihres Berufs, ihrer Wohnung oder ihres Lebensstils abzuwerten.
Das eine ist politische Auseinandersetzung.
Das andere ist Klassismus.
Klassismuskritik gehört auch in linke Zusammenhänge
Dazu gibt es in unserem Programm zahlreiche Anknüpfungspunkte.
Klassenfahrt erzählt in persönlichen Geschichten, Comics und Interviews von Klassismus, Geld, Gesundheit, Scham, Sexualität und Zugängen. Das Buch macht sichtbar, wie Klassenherkunft gesellschaftliche Teilhabe weiterhin strukturiert.
Faul, Frech, Dreist von Christian Baron und Britta Steinwachs untersucht die mediale Figur des angeblich faulen Erwerbslosen und die Diskriminierung von Erwerbslosigkeit.
Und Francis Seeck zeigt in Recht auf Trauer, dass Klassismus selbst im Tod fortwirkt: Wer bekommt eine würdige Bestattung, einen Namen und einen Ort der Erinnerung – und wer nicht?
Diese Bücher widersprechen einer Vorstellung von Antifaschismus, die gesellschaftliche Abwertung einfach nach unten weiterreicht.
Queere Prekarität und Klasse zusammendenken
Auch Bite back! Queere Prekarität, Klasse und unteilbare Solidarität verbindet Klassismuskritik ausdrücklich mit queeren und trans* Perspektiven. Der Band setzt dort an, wo in linken Debatten über Klasse queere und trans* Erfahrungen fehlen – und umgekehrt in Debatten über Identität und Intersektionalität Klasse zu wenig berücksichtigt wird. Steigende Mieten, prekäre Arbeitsverhältnisse und Altersarmut werden dabei gemeinsam mit Rassismus, Sexismus und Transfeindlichkeit betrachtet. Im Zentrum steht die Frage, wie Solidarität in der Differenz entstehen kann und was eine queere, trans und intersektionale Klassenpolitik bedeuten könnte. Edition Assemblage
Herausgegeben wurde der Band von Lia Becker, Katharina Pühl und Atlanta Ina Beyer. Mit Beiträgen von Nađa Bobičić, Jutta Brambach, María do Mar Castro Varela, Yishay Garbasz, Kes Otter Lieffe, Inga Nüthen, Jennifer Ramme, Francis Seeck und Tarek Shukrallah. Edition Assemblage
Das passt besonders gut zu unserem Zusammenhang: Klassismus lässt sich nicht isoliert betrachten. Wohnungsnot, prekäre Arbeit und materielle Unsicherheit treffen Menschen unterschiedlich – abhängig auch von Rassismus, Geschlecht, Trans*feindlichkeit, Aufenthaltsstatus und anderen gesellschaftlichen Machtverhältnissen. Bite back! setzt dem keine Konkurrenz verschiedener Diskriminierungsformen entgegen, sondern die Frage nach unteilbarer Solidarität.
Leistung, Neoliberalismus und rechte Verschiebung
Auch die Bücher von Sebastian Friedrich helfen, diese Zusammenhänge genauer zu betrachten.
Rassismus in der Leistungsgesellschaft analysiert die sogenannte Sarrazin-Debatte und ihre gesellschaftlichen Folgen. Im Zentrum steht die Verbindung rassistischer Normalisierung mit Elite-, Leistungs- und Nützlichkeitsdenken.
Der gemeinsam mit Patrick Schreiner herausgegebene Band Nation – Ausgrenzung – Krise untersucht, wie Krisen nationalistisch gedeutet und soziale Konflikte in Fragen nationaler Zugehörigkeit verwandelt werden.
Dass die extreme Rechte selbst versucht, soziale Fragen zu besetzen, ist ebenfalls nicht neu.
Andreas Kemper untersuchte bereits 2013 in Rechte Euro-Rebellion die damals neue AfD, ihre marktliberalen und konservativen Netzwerke und ihre politischen Strategien.
Hendrik Puls zeigt in Antikapitalismus von Rechts, wie die extreme Rechte soziale Fragen nationalistisch umdeutet.
Kurze Weltgeschichte des Faschismus fragt wiederum nach den historischen und gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen faschistische Bewegungen entstehen und Herrschaft gewinnen können.
Bini Adamczak: Welches Versprechen macht der Faschismus?
Auch Bini Adamczak verbindet die Rückkehr faschistischer Bewegungen mit der Krise gesellschaftlicher Verhältnisse.
Adamczak setzt bei einer bekannten Erzählung an: Nach 1990 galt die repräsentative kapitalistische Demokratie vielen als endgültiger Sieger der Geschichte.
Doch die Geschichte war nicht zu Ende.
Rechtsnationalistische und faschistische Bewegungen kehrten zurück.
Adamczak fragt deshalb nicht nur danach, wie sie aussehen oder welche Propaganda sie benutzen.
Sie stellt die schwierigere Frage:
Was sind die Risse in den gesellschaftlichen Verhältnissen, aus denen sie hervorgehen? Und welches Versprechen geben sie ihren Anhänger*innen?
In ihrem Essay verbindet sie die Rückkehr des Faschismus mit der Krise der kapitalistischen Weltwirtschaft und einer Legitimationskrise des Neoliberalismus.
Das neoliberale Versprechen des individuellen Erfolgs – wer sich nur genug anstrengt, kann es schaffen – verliert an Glaubwürdigkeit, wenn gesellschaftliche Krisen für sehr viele Menschen gleichzeitig erfahrbar werden.
Damit verschiebt sich die Frage von:
Was stimmt mit diesen Menschen nicht?
zu:
Was stimmt mit gesellschaftlichen Verhältnissen nicht, in denen autoritäre Versprechen wieder attraktiv werden können?
Faschistische und ökologische Krise zusammendenken
Bini Adamczak verbindet diese Analyse außerdem mit der ökologischen Krise.
In einem Interview mit analyse & kritik formulierte sie bereits 2018 zwei Gefahren für linke Politik: die ökologische und die faschistische.
Die ökologische Krise verbindet sie mit dem Wachstumszwang kapitalistischer Ökonomien, die faschistische Gefahr mit der Notwendigkeit einer neuen Klassenpolitik.
Diese Verbindung bedeutet nicht, Klimakrise und Faschismus gleichzusetzen.
Sie stellt vielmehr die Frage, wie gesellschaftliche Krisen politisch bearbeitet werden.
Wer trägt ihre Kosten?
Wer darf auf Sicherheit hoffen?
Wer wird ausgeschlossen?
Und welche gesellschaftlichen Antworten können Solidarität an die Stelle von Konkurrenz und Abwertung setzen?
Was sich in der Krise befindet, ist die kapitalistische Demokratie. Die Wurzeln dieser Krise reichen Jahrzehnte zurück. Der Neoliberalismus hat die Fragmentierung der Gesellschaft vertieft. Viele Errungenschaften einer institutionalisierten Solidarität wie Arbeitslosen-, Kranken-, Rentenversicherung, Flächentarifverträge wurden ausgehöhlt. »Du allein kannst es schaffen« lautete die Parole. Die Weltwirtschaftskrise vor zehn Jahren hat gewaltsam in Erinnerung gerufen, dass diese Parole für die Mehrheit nicht stimmt. Auf die Frage nach Wegen aus der Individualisierung gibt es eine rechte und eine linke Antwort. Die rechte Antwort bietet einem Teil der Bevölkerung an, seinen Lebensstandard zu halten auf Kosten von Schwächeren. Was hier angerufen wird, sind Loyalität und Korpsgeist. Die linke Antwort richtet sich an alle, die unterdrückt sind, und geht als universelle noch darüber hinaus. Sie lautet Solidarität.
Adamczaks Begriff von Solidarität ist dabei ausdrücklich konkret. Sie verweist etwa auf Kämpfe gegen die Verdrängung eines bestimmten Ladens oder einer bestimmten Nachbarschaft, aus denen größere solidarische Strukturen entstehen können.
Damit sind wir wieder bei der Wohnungsfrage.
Eine Mieterin schickt Vonovia eine Rechnung
Ende 2025 veröffentlichte die taz ein Interview mit einer Berliner Mieterin, die Vonovia die Arbeit in Rechnung stellte, die sie über Jahre leisten musste, um ihre eigenen Rechte durchzusetzen.
Beschwerde-E-Mails schreiben. Heiz- und Betriebskostenabrechnungen prüfen. Sich in rechtliche Fragen einarbeiten. Anwaltstermine organisieren.
Nach ihrer Schätzung waren es in besonders intensiven Phasen mehr als 30 Stunden pro Woche. Ihre Rechnung an Vonovia: 500.000 Euro.
Adamczak erweitert die Idee spielerisch und zugleich grundsätzlich.
Was wäre, wenn wir Supermärkten die Arbeit an Selbstbezahlkassen berechnen würden?
Reiseanbietern die eigene Recherche und Onlinebuchung?
Banken die Zeit für Identitätsprüfungen und Authentifizierungsverfahren?
Social-Media-Unternehmen die Arbeit, die Nutzer*innen durch Content, Vernetzung und Interaktion leisten?
Und schließlich dem Kapital all jene gesellschaftlich notwendigen Arbeiten, die unbezahlt verrichtet werden?
Aus einem konkreten Mietkonflikt wird damit eine größere politische Frage:
Welche Arbeit bleibt unsichtbar, obwohl Unternehmen, Institutionen und Eigentümer*innen von ihr profitieren?
Gerade beim Wohnen ist diese Arbeit alltäglich.
Wohnungssuche, Antragstellung, Kontrolle von Nebenkosten, Reparaturmeldungen, Widersprüche, Kommunikation mit Hausverwaltungen, Anwält*innen und Behörden oder die Organisierung der eigenen Hausgemeinschaft kosten Zeit.
Wohnen produziert Arbeit.
Und ein Teil dieser Arbeit wird auf diejenigen ausgelagert, die gleichzeitig Miete bezahlen.
Hier schließt auch Sie nennen es Leben, wir nennen es Arbeit aus unserem Programm an: Welche Tätigkeiten sind gesellschaftlich notwendig, obwohl sie außerhalb klassischer Erwerbsarbeit unsichtbar bleiben?
Wie fühlt es sich an, reich zu sein?
Adamczak beschäftigt sich immer wieder auch mit der anderen Seite sozialer Ungleichheit: Reichtum.
Die Frage ist persönlich formuliert.
Ihre politische Dimension ist enorm.
Denn Reichtum und Armut sind nicht nur unterschiedliche Gefühle oder Lebensstile. Sie beruhen auf sehr unterschiedlichen Zugängen zu Eigentum, Einkommen, Sicherheit und gesellschaftlicher Macht.
Aktuelle Daten zu Erbschaften machen die Größenordnung sichtbar.
2025 wurden in Deutschland 141,1 Milliarden Euro an steuerlich erfasstem Vermögen durch Erbschaften und Schenkungen übertragen. Das Statistische Bundesamt weist darauf hin, dass Vermögensübertragungen innerhalb der Freibeträge in dieser Statistik nicht vollständig erfasst werden.
Eine Analyse des DIW Berlin zeigt gleichzeitig, wie stark große Erbschaften konzentriert sind.
Das ist für die Wohnungsfrage relevant.
Wer Immobilien oder anderes großes Vermögen erbt, startet unter völlig anderen Bedingungen als jemand, dessen Einkommen weitgehend für Miete, Energie und Lebenshaltung aufgebraucht wird.
Deshalb ist die Frage „Wer kann sich Wohnen leisten?“ nicht von den Fragen zu trennen:
Wer besitzt? Wer erbt? Wer arbeitet? Und wie wird gesellschaftlicher Reichtum verteilt?
Antirepression und die aktuelle Debatte um Elif Eralp
Die Wochen nach der Berliner Wahl haben noch eine andere Debatte sichtbar gemacht.
Die frühere Mitgliedschaft der Berliner Linken-Politikerin Elif Eralp in der Roten Hilfe wurde zu einem großen Medienthema.
Nach Angaben ihrer Partei war Eralp während ihres Jurastudiums passives Mitglied und trat 2025 wegen politischer Differenzen aus. Die Mitgliedschaft war öffentlich angegeben.
Die Rote Hilfe wird vom Berliner Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuft. Zugleich wird auch darauf hingewiesen, dass nicht alle Mitglieder selbst verfassungsfeindliche Ziele verfolgen.
Der Jurist und Journalist Ronen Steinke widersprach der Skandalisierung deutlich.
Er bezeichnete den Umgang mit Eralp als „Hexenjagd“ und verwies auf den rechtsstaatlichen Kern von Strafverteidigung:
„Ein Rechtsstaat ist nur dann fair, wenn es eine Strafverteidigung gibt im Strafprozess.“
Für edition assemblage ist diese antirepressionssensible Perspektive wichtig.
Menschen, Gruppen, Initiativen und soziale Bewegungen brauchen Informationen darüber, welche Rechte sie haben und wie sie sich mit rechtsstaatlichen Mitteln gegen Ermittlungen, staatliche Eingriffe und Repression verteidigen können.
Das gilt ebenso für Menschen und Initiativen, die rechten Bedrohungen ausgesetzt sind.
Auch Autor*innen der edition assemblage haben in die aktuelle Debatte eingegriffen.
Felicia Ewert, Autorin von Trans. Frau. Sein., kritisiert die Skandalisierung von Eralp in einem eigenen Statement als antikommunistische „Red Scare“-Erzählung.
Das ist Felicia Ewerts eigene politische Einordnung.
Wir machen sie sichtbar, weil Autor*innen unseres Programms selbst Teil gesellschaftlicher Auseinandersetzungen sind.
Ihre Aussagen sind dabei nicht automatisch identisch mit einer einheitlichen Verlagsposition.
Das ist uns gerade bei kontroversen Fragen wichtig.
Solidarität heißt nicht Kritiklosigkeit
Eine antirepressionssensible solidarische Perspektive bedeutet für uns nicht, antisemitische oder autoritäre Strukturen innerhalb linker Zusammenhänge zu relativieren.
Im Gegenteil.
Kritik an Antisemitismus muss auch dort möglich sein, wo er in linken Parteien, Bewegungen oder politischen Milieus auftritt.
Die Untersuchung der Bertelsmann Stiftung von 2025 zeigt dabei ein komplexes Bild.
Antisemitische Einstellungen finden sich in unterschiedlichen politischen Lagern. Je nachdem, welche Form von Antisemitismus abgefragt wird, unterscheiden sich die Ergebnisse erheblich.
Bei einem klassischen antisemitischen Stereotyp lag die Zustimmung unter befragten Linke-Wähler*innen beispielsweise unter derjenigen bei AfD-, CDU/CSU- und SPD-Wähler*innen.
Bei einem israelbezogenen NS-Vergleich war die Zustimmung unter den befragten Linke-Wähler*innen dagegen besonders hoch.
Solidarische Antirepressionsarbeit und Kritik am Knast und Antisemitismuskritik sind für uns deshalb keine Gegensätze.
Menschen müssen ihre Rechte gegenüber staatlichen Eingriffen verteidigen können.
Menschen müssen vor rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt geschützt werden.
Und antisemitische, rassistische und autoritäre Strukturen müssen auch in den eigenen politischen Zusammenhängen kritisierbar bleiben.
Warum unabhängiges Publizieren wichtig ist
Die aktuellen Auseinandersetzungen zeigen zugleich, wie schnell politische Konflikte auf einzelne Personen, Schlagzeilen und kurze Nachrichtenzyklen reduziert werden.
Kritische Medien und journalistische Recherche sind unverzichtbar.
Aber unabhängiges Publizieren kann etwas leisten, das im schnellen Nachrichtentakt häufig schwer möglich ist:
Zusammenhänge über längere Zeiträume sichtbar machen.
Widersprüche stehen lassen.
Historische Erfahrungen erinnern.
Stimmen aus sozialen Bewegungen dokumentieren.
Und Diskussionen führen, ohne sie auf eine Person oder den nächsten Aufreger zu reduzieren.
Gerade unsere Autor*innen zeigen, dass emanzipatorische Öffentlichkeit keine einheitliche Stimme sein muss.
Tanja Abou kritisiert Klassismus auch innerhalb antifaschistischer Diskurse.
Felicia Ewert interveniert gegen eine aus ihrer Sicht antikommunistische Skandalisierung.
Bini Adamczak fragt nach den gesellschaftlichen Bedingungen, die autoritären und faschistischen Versprechen wieder Attraktivität verleihen – und verbindet diese Frage mit Kapitalismus, sozialer Ungleichheit, ökologischer Krise und Solidarität.
Sebastian Friedrich untersucht, wie neoliberales Leistungsdenken, Rassismus und rechte Verschiebungen miteinander verbunden sein können.
Andere Bücher unseres Programms kritisieren Antisemitismus in linken Zusammenhängen oder vermitteln Wissen über staatliche Repression.
Diese Unterschiede wollen wir nicht glätten.
Unabhängiges Publizieren bedeutet für uns auch, Räume für genau solche Auseinandersetzungen offenzuhalten.
Zurück zum World Habitat Day: Wem gehört die Stadt?
Am Ende führt vieles zurück zur scheinbar einfachen Frage nach dem Wohnen.
Wer kann in einer Stadt bleiben?
Wer wird verdrängt?
Wer besitzt Wohnungen?
Wer zahlt Miete?
Wer erbt Immobilien und Vermögen?
Wer leistet unbezahlte Arbeit, um überhaupt zu seinem Recht zu kommen?
Wer wird als „leistungsfähig“, „vernünftig“ oder gesellschaftlich „nützlich“ bewertet – und wer nicht?
Und wie werden die daraus entstehenden Konflikte politisch erklärt?
Die Bücher unseres Programms geben darauf keine einzige gemeinsame Antwort.
Das ist ihre Stärke.
Welches Zuhause? erzählt Wohnungsnot aus der Perspektive Betroffener.
Unsere Bücher über Klassismus, Neoliberalismus, Antifaschismus, Antisemitismuskritik und Antirepression erweitern diese Perspektive.
Wohnen ist mehr als ein Dach über dem Kopf.
Es geht darum, wer bleiben kann und wer verdrängt wird.
Wer besitzt und wer bezahlt.
Wer arbeitet und wessen Arbeit unsichtbar bleibt.
Wer über Sicherheit verfügt und wer jeden Monat neu darum kämpfen muss.
Und schließlich darum, ob soziale Unsicherheit in Solidarität, demokratische Organisierung und Veränderung übersetzt werden kann – oder in Abwertung, Ausgrenzung und autoritäre Antworten.
Der World Habitat Day ist für uns deshalb nicht nur ein Anlass, Bücher über Wohnen zu empfehlen.
Er ist ein Anlass, die Wohnungsfrage als soziale und demokratische Frage zu stellen – und die unterschiedlichen Stimmen sichtbar zu machen, die seit Jahren an ihr arbeiten.
Der Titel „Wir sind die Guten“ stellte eine unbequeme Frage an die eigene politische Selbstgewissheit: Schützt eine antifaschistische, antirassistische oder linke Selbstverortung automatisch davor, antisemitische Denkweisen zu reproduzieren?
Die Beiträge beschäftigten sich unter anderem mit Antisemitismus in antifaschistischen Zusammenhängen, mit Kontinuitäten nach dem Nationalsozialismus sowie mit dem Verhältnis der radikalen Linken zu Israel und Palästina. Ein zentraler Impuls war, Antisemitismus in den eigenen politischen Zusammenhängen überhaupt besprechbar zu machen, statt ihn ausschließlich beim politischen Gegner zu suchen.
Bini Adamczak und die verlorenen Möglichkeiten der Russischen Revolution
Am 7. November 1917 übernahmen die Bolschewiki in Petrograd die Macht. Ein Ereignis, das das 20. Jahrhundert tief prägen sollte und bis heute mit Hoffnungen auf gesellschaftliche Befreiung ebenso verbunden ist wie mit der Geschichte autoritärer Herrschaft.
Mehr als hundert Jahre später scheint die Geschichte abgeschlossen. Wir wissen, was auf 1917 folgte: Bürgerkrieg und Gewalt, die zunehmende Einschränkung politischer Freiheiten, die Herrschaft Stalins, Terror und Verfolgung – und schließlich, 1991, das Ende der Sowjetunion.
In gestern morgen beginnt Bini Adamczak nicht 1917, sondern später – bei der Erfahrung des Scheiterns. Von dort bewegt sich der Text rückwärts durch die Geschichte der kommunistischen Bewegung: von 1939 zurück zu 1917.
Das verändert den Blick.
Wer die Geschichte der Russischen Revolution vom späteren Stalinismus aus betrachtet, läuft leicht Gefahr, ihr Ende bereits in ihren Anfang einzuschreiben: als hätte 1917 zwangsläufig zu dem führen müssen, was später geschah.
Adamczak interessiert sich dagegen für die Möglichkeiten, die unterwegs verloren gingen. Für Momente, in denen Geschichte noch nicht entschieden war. Für Wünsche, Beziehungen und Formen gesellschaftlicher Organisation, die begonnen wurden, aber nicht fortgesetzt werden konnten.
Es geht damit nicht darum, Gewalt oder autoritäre Entwicklungen zu relativieren. Im Gegenteil: Erst wenn das Scheitern ernst genommen wird, lässt sich fragen, was eigentlich gescheitert ist – und welche Hoffnungen mit ihm verloren gingen.
Der schönste Tag
Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman Vom womöglichen Gelingen der Russischen Revolution Bini Adamczak
Der Anarchist Alexander Berkman wurde gemeinsam mit Emma Goldman und anderen politischen Gefangenen aus den USA deportiert und kam 1920 in Sowjetrussland an. Für Berkman schien sich zunächst ein lang gehegter revolutionärer Wunsch zu erfüllen.
Doch seine Begeisterung hielt nicht lange.
Die Entwicklung der bolschewistischen Herrschaft und insbesondere die gewaltsame Niederschlagung des Kronstädter Aufstands 1921 führten bei Berkman und Goldman zu einem tiefen Bruch mit der sowjetischen Regierung. Beide verließen Russland und kritisierten dessen autoritäre Entwicklung.
Nicht nur mit der Frage: Warum scheiterte die Revolution?
Sondern auch:
Wie hätte sie gelingen können?
Gab es historische Momente, in denen andere Entscheidungen möglich gewesen wären? Andere Bündnisse? Andere Formen, gesellschaftliche Produktion und politische Macht zu organisieren? Hätte sich eine egalitäre, libertäre und solidarische Verbindung von Räten entwickeln können?
Geschichte ist nicht nur das, was geschehen ist
Solche Fragen wirken zunächst spekulativ. Geschichte lässt sich schließlich nicht zurückdrehen.
Doch der Blick auf nicht verwirklichte Möglichkeiten verändert auch den Blick auf die Gegenwart.
Denn wer Geschichte ausschließlich vom Ergebnis her betrachtet, lässt gesellschaftliche Veränderungen schnell unvermeidlich erscheinen. Was sich durchgesetzt hat, sieht im Rückblick leicht so aus, als hätte es sich durchsetzen müssen.
Adamczaks Bücher widersetzen sich dieser Vorstellung.
Sie suchen in der Vergangenheit nicht nach einer Blaupause für die Zukunft. Sie suchen nach abgebrochenen Versuchen, nach Niederlagen, Widersprüchen und Möglichkeiten.
Und damit nach einer Zukunft, die einmal denkbar war.
7. November 1917
Der Jahrestag der Oktoberrevolution ist deshalb nicht nur ein Anlass, auf ein historisches Ereignis zurückzublicken.
Er kann auch Anlass sein, anders nach Geschichte zu fragen.
Was war 1917 offen?
Welche gesellschaftlichen Hoffnungen verbanden Menschen mit der Revolution?
Wann wurden Möglichkeiten verschlossen?
Wer traf diese Entscheidungen – und welche Alternativen gab es?
Und was bedeutet es für politische Bewegungen heute, sich nicht nur an Siege zu erinnern, sondern auch an jene Zukünfte, die nicht verwirklicht wurden?
Aber sie stellen eine Frage, die weit über die Russische Revolution hinausweist:
Wenn Geschichte anders hätte verlaufen können – welche Möglichkeiten erscheinen dann auch in unserer Gegenwart wieder offen?
Historische Daten zum Weiterlesen Diese Geschichte hat viele Daten:
7. November 1917 – Oktoberrevolution: Die Bolschewiki übernehmen in Petrograd die Macht. Der 7. November entspricht dem 25. Oktober nach dem damals in Russland geltenden julianischen Kalender.
19. Januar 1920 – Berkman und Goldman erreichen Sowjetrussland: Nach ihrer Deportation aus den USA kommen Alexander Berkman und Emma Goldman an der russisch-finnischen Grenze an. Für Berkman ist die Ankunft zunächst mit großer revolutionärer Hoffnung verbunden. PBS
1. März 1921 – Kronstadt: Bei einer großen Versammlung in Kronstadt werden Forderungen nach neuen Sowjetwahlen sowie nach Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit beschlossen. Marxists Internet Archive
5. März 1921 – Vermittlungsversuch: Alexander Berkman, Emma Goldman und andere schlagen der sowjetischen Führung eine Kommission zur friedlichen Beilegung des Konflikts in Kronstadt vor. Der Vorschlag bleibt ohne Folgen. Marxists Internet Archive
7.–17. März 1921 – Niederschlagung von Kronstadt: Am 7. März beginnt der militärische Angriff; am 17. März wird Kronstadt eingenommen. Für Berkman und Goldman wird die Niederschlagung zu einem entscheidenden Bruch mit der bolschewistischen Regierung. Marxists Internet Archive
23. August 1939 – Deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt: NS-Deutschland und die Sowjetunion unterzeichnen den sogenannten Molotow-Ribbentrop-Pakt. Ein geheimes Zusatzprotokoll sieht unter anderem die Aufteilung von Einflussgebieten in Osteuropa vor. Der historische Horizont von gestern morgen reicht bis in dieses Jahr.
Bini Adamczak bei edition assemblage
Bini Adamczaks Arbeit taucht im Programm von edition assemblage nicht nur in ihren beiden eigenen Büchern auf. Sie ist auch in Sammelbänden und kollektiven Zusammenhängen vertreten.
Gerade History is unwritten erweitert die Frage dieses Beitrags: Wie lässt sich Geschichte emanzipatorisch erzählen, ohne sie als abgeschlossene und widerspruchsfreie Erzählung zu behandeln? Der Sammelband versammelt Beiträge zu linker Geschichtspolitik und kritischer Wissenschaft.
Auch »etwas fehlt« knüpft an die hier gestellte Frage an. Der von der jour fixe initiative berlin herausgegebene Band verbindet theoretische, historische und aktuelle Diskussionen über Utopie, Kritik und gesellschaftliche Alternativen.
kitchen politics
Bini Adamczak war außerdem Gründungsmitglied des Kollektivs kitchen politics, das bei edition assemblage die Reihe Kitchen Politics – Queerfeministische Interventionen herausgibt.
Bini Adamczaks Verbindung zu kitchen politics ist dabei als Geschichte des Kollektivs zu verstehen. Ihre Rolle als Gründungsmitglied bedeutet nicht automatisch, dass sie an jedem später erschienenen Band der Reihe als Autorin oder Herausgeberin beteiligt war.
Wir nehmen den Blick ins All zum Anlass für eine etwas andere Frage:
Was kann Science-Fiction, wenn sie nicht nur von Technik und Weltraumreisen erzählt, sondern auch davon, wie wir miteinander leben und arbeiten wollen?
Cpt_Cosmo und Wuschel treffen dort auf den Unflugdrachen Nimb und lernen später den streikenden Bordcomputer MICZ kennen. Aus den unterschiedlichen Wesen entsteht eine Raumschiffgemeinschaft und Wahlfamilie.
Es gibt Konflikte und Gespräche, Streit und Streik – und gemeinsames Kakao-Trinken.
Wer sorgt dafür, dass alles funktioniert?
Hinter der Science-Fiction-Geschichte steht eine sehr irdische Frage:
Wie wird Arbeit verteilt?
Wer übernimmt welche Aufgaben?
Und welche Anerkennung bekommen diejenigen, die dafür sorgen, dass alles funktioniert?
Das Buch verzichtet außerdem auf geschlechtseindeutige Pronomen und Bezeichnungen.
Science-Fiction muss nicht vorhersagen, wie die Zukunft aussehen wird.
Sie kann Räume schaffen, in denen ausprobiert wird, wie sie anders aussehen könnte.
Who Makes Sure Everything Works?
World Space Week begins on October 4.
We are taking the journey into space as an opportunity to ask a different question:
What can science fiction do when it tells us not only about technology and space travel, but also about how we want to live and work together?
Am 3. Oktober wird der Tag der Deutschen Einheit begangen. Solche Jahrestage richten den Blick auf staatliche und politische Geschichte.
Bücher können daneben weitere Perspektiven sichtbar machen: Biografien, Erfahrungen und Konflikte, die in großen historischen Erzählungen unterschiedlich viel Raum erhalten.
Der 3. Oktober wird nicht nur gefeiert
Die zentralen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit finden 2026 in Bremen statt. Gleichzeitig ist der 3. Oktober auch Gegenstand von Protest und politischer Auseinandersetzung.
Bereits am 2. Oktober zogen mehrere hundert Menschen durch die Bremer Innenstadt. Die Demonstration stand unter dem Motto „Kein Frieden mit der Nation. Gegen Nationalismus, Militarisierung und Sozialabbau“. Nach Angaben der Polizei nahmen rund 700 bis 750 Menschen teil, die Veranstalter*innen sprachen von etwa 1.000. Radio Bremen berichtete, dass die Demonstration selbst ohne Ausschreitungen verlief. buten un binnen
Die Protestierenden verbanden ihre Kritik an den Einheitsfeierlichkeiten unter anderem mit Kritik an Nationalismus, militärischer Aufrüstung und Sozialabbau. Damit wird sichtbar, dass die Bedeutung des 3. Oktober gesellschaftlich unterschiedlich bewertet wird: Während die offiziellen Veranstaltungen an die staatliche Einheit Deutschlands erinnern, nutzen andere Gruppen den Tag, um nationale Selbstbilder und gegenwärtige gesellschaftliche Verhältnisse grundsätzlich zu kritisieren.
Auch diese Auseinandersetzungen gehören zur Gegenwart des 3. Oktober.
Sie führen zurück zu der Frage, die auch die Bücher in diesem Beitrag verbindet:
Welche Geschichten werden über Deutschland erzählt, welche Erfahrungen werden darin sichtbar – und aus welchen Perspektiven wird auf deutsche Geschichte und Gegenwart geblickt?
Der Band untersucht antisemitisch geprägte Verfolgungen und Verdächtigungen in der frühen DDR und verbindet politische Geschichte mit den Erfahrungen der Betroffenen.
Die Beiträge beschäftigen sich mit historischen und gegenwärtigen Erfahrungen in Belarus, der Russischen Föderation, der DDR und der heutigen Bundesrepublik.
Schwarze Geschichte in Deutschland
The Black Diaspora and Germany des BDG Network bringt historische, wissenschaftliche, kulturelle und aktivistische Perspektiven auf Schwarze Präsenzen in Deutschland zusammen.
Der Band macht damit zugleich deutlich, dass Schwarze Geschichte nicht außerhalb deutscher Geschichte steht. Schwarze Präsenzen, Erfahrungen und gesellschaftliche Auseinandersetzungen gehören zu den Geschichten, aus denen Deutschland besteht.
Eine deutsch-nigerianische Familiengeschichte
In Also by Mail von Olumide Popoola begegnen sich Familiengeschichte, Diaspora und Erfahrungen von Rassismus in Deutschland.
Das Theaterstück folgt den deutsch-nigerianischen Geschwistern Funke und Wale und verbindet Erfahrungen in Deutschland mit Familienbeziehungen und unterschiedlichen Perspektiven auf Nigeria und Diaspora.
Von Also by Mail zur Reihe Witnessed
Also by Mail ist der zweite Band der englischsprachigen Buchreihe Witnessed, die edition assemblage in Kooperation mit Sharon Dodua Otoo herausgibt.
Die Reihe versammelt fiktionale und nichtfiktionale Arbeiten Schwarzer Autor*innen mit Bezug zu Deutschland. Theater, Fotografie, Kurzgeschichten, Lyrik und andere Formen schaffen Raum für unterschiedliche Perspektiven auf Schwarzes Leben, Diaspora, Familie, Erinnerung, Kunst, Rassismus, Widerstand und Zugehörigkeit.
Gerade im Zusammenhang mit dem 3. Oktober erweitert die Reihe damit die Frage danach, wer Deutschland erzählt und welche Erfahrungen Teil dieser Geschichte sind.
Mehr über die Reihe, ihre Entstehung und die einzelnen Bücher gibt es in unserem eigenen Blogbeitrag:
Der 3. Oktober kann damit auch Anlass sein, danach zu fragen, welche Erfahrungen in Erzählungen über Deutschland sichtbar werden – und welche zusätzlichen Perspektiven Bücher eröffnen können.
English below
Which Stories Are Part of German History?
October 3 is the Day of German Unity. Such anniversaries often focus attention on state and political history.
Books can place additional perspectives alongside these narratives: biographies, experiences and conflicts that receive different degrees of visibility in larger historical accounts.
October 3 Is Not Only Celebrated
The central celebrations for the Day of German Unity are taking place in Bremen in 2026. At the same time, October 3 is also a subject of protest and political debate.
On October 2, several hundred people marched through central Bremen under the slogan “Kein Frieden mit der Nation. Gegen Nationalismus, Militarisierung und Sozialabbau” (“No Peace with the Nation. Against Nationalism, Militarisation and Social Cuts”). Police reported around 700 to 750 participants, while organisers put the number at around 1,000. Radio Bremen reported that the demonstration itself passed without rioting. buten un binnen
The protesters connected their criticism of the Unity Day celebrations with criticism of nationalism, military build-up and social cuts. Their protest illustrates that October 3 is interpreted in different ways: while the official events commemorate German state unity, other groups use the date to question national narratives and contemporary social and political conditions.
These debates are also part of the present-day meaning of October 3.
They lead back to the question connecting the books in this article:
Which stories are told about Germany, which experiences become visible within them – and from whose perspectives are German history and the present viewed?
The volume also makes clear that Black history does not exist outside German history. Black presence, experiences and social struggles are part of the histories that constitute Germany.
A German-Nigerian family story
In Also by Mail by Olumide Popoola, family history, diaspora and experiences of racism in Germany intersect.
The play follows the German-Nigerian siblings Funke and Wale, connecting experiences in Germany with family relationships and different perspectives on Nigeria and diaspora.
From Also by Mail to the Witnessed series
Also by Mail is the second volume in the English-language Witnessed book series, published by edition assemblage in cooperation with Sharon Dodua Otoo.
The series brings together fictional and non-fictional works by Black authors with connections to Germany. Theatre, photography, short stories, poetry and other forms create space for different perspectives on Black life, diaspora, family, memory, art, racism, resistance and belonging.
In the context of October 3, the series therefore adds another dimension to the question of who gets to narrate Germany and which experiences are understood as part of its history.
You can read more about the series, its development and its books in our dedicated blog article:
October 3 can therefore also be an occasion to ask which experiences become visible when Germany is narrated – and what additional perspectives books can offer.
Am 2. Oktober wird der Internationale Tag der Gewaltlosigkeit begangen.
Für uns ist das auch ein Anlass, genauer auf Protest zu schauen. Denn Protest und Widerstand bestehen aus sehr unterschiedlichen Praktiken. Nicht jede politische Aktion ist gewaltfrei, und nicht jede Form des Widerstands lässt sich unter denselben Begriff fassen.
Ein Wörterbuch des Protests
P wie Protest. Ein Widerstandswörterbuch in Bildern, herausgegeben von Anna Sabel und dem Verband binationaler Familien und Partnerschaften, versammelt 32 Protestformen.
Dazu gehören Boykott, Schweigemarsch und Lichterkette. Die einzelnen Begriffe werden mit konkreten historischen und gegenwärtigen Protestgeschichten verbunden – unter anderem mit antikolonialem Widerstand, Protest gegen rassistische Gewalt und migrantischer Selbstorganisierung.
Das Buch macht damit auch für jüngere Leser*innen sichtbar, wie vielfältig Protest sein kann.
Wann wird Regelbruch politisch?
Ungehorsam! Disobedience!, herausgegeben von Andreas Kahrs, Lea Steinert und Friedrich Burschel, beschäftigt sich mit Theorie und Praxis kollektiver Regelverstöße.
Die Beiträge fragen nach Begründungen und Streitpunkten rund um zivilen Ungehorsam und danach, welche politischen Praktiken überhaupt unter diesem Begriff verstanden werden.
Umzingelung, Sabotage, Kiss-in, Sternmarsch oder Besetzung: Das Buch untersucht, wie solche Handlungen beschrieben und klassifiziert werden – und aus welcher Perspektive diese Bewertungen entstehen.
Diese Bücher geben keine gemeinsame Anleitung für „richtigen“ Protest.
Sie laden dazu ein, genauer zu fragen:
Welche Formen kann Protest annehmen? Wer entscheidet, welche Handlungen als legitim gelten? Und aus welcher Perspektive sprechen wir über Widerstand?
English below
Protest Takes Many Forms
October 2 is the International Day of Non-Violence. The United Nations describes it as an occasion to disseminate the message of non-violence through education and public awareness.
For us, it is also an opportunity to take a closer look at protest. Protest and resistance take many different forms. Not every political action is non-violent, and not every form of resistance can be described using the same terms.
A dictionary of protest
P wie Protest. Ein Widerstandswörterbuch in Bildern, edited by Anna Sabel and the Verband binationaler Familien und Partnerschaften, brings together 32 forms of protest.
They include boycotts, silent marches and human chains. The book connects these forms with concrete histories of resistance, including anti-colonial struggles, protests against racist violence and migrant self-organisation.
When does breaking the rules become political?
Ungehorsam! Disobedience!, edited by Andreas Kahrs, Lea Steinert and Friedrich Burschel, examines the theory and practice of collective rule-breaking.
The contributions explore the arguments, conflicts and different understandings surrounding civil disobedience.
How are political actions judged?
In Zur Theorie politischer Aktionen, Christiane Leidinger approaches political action from the perspective of social movement and protest research.
Encirclements, sabotage, kiss-ins, marches and occupations: the book asks how political actions are described and classified – and from whose perspective.
These books do not offer a single guide to the “right” form of protest.
Instead, they encourage us to ask:
What forms can protest take? Who decides which actions are considered legitimate? And from whose perspective do we talk about resistance?
English below Am 1. Oktober beginnt in Großbritannien der Black History Month. 2026 steht er unter dem Motto „Honouring Our Communities“. Der Black History Month UK ist ein britischer Aktions- und Erinnerungsmonat. Wir nehmen seinen Beginn nicht zum Anlass, um auf Bücher aufmerksam zu machen, die Schwarze Geschichte und Gegenwart in Deutschland aus unterschiedlichen Perspektiven dokumentieren und erzählen.
Denn Schwarze Geschichte in Deutschland ist weder eine Fußnote der deutschen Geschichte noch ausschließlich eine Geschichte des Rassismus. Sie ist Sozialgeschichte, Kulturgeschichte und Bewegungsgeschichte. Sie ist Literatur-, Familien- und Diasporageschichte.
Schwarze Präsenzen in Deutschland
Der zweisprachige Sammelband The Black Diaspora and Germany. Deutschland und die Schwarze Diaspora gibt Einblicke in Erfahrungen der Schwarzen Diaspora in Deutschland und in ihre internationalen Verbindungen. Die Beiträge reichen vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart und bewegen sich zwischen Sozialgeschichte, Literatur, Kunst, Popkultur, Wissenschaft und Aktivismus.
Das Buch fragt dabei auch nach der Position Schwarzer Akteur*innen im Kulturbetrieb und nach den Beziehungen zwischen Black German Studies, Critical Whiteness Studies und etablierten Wissenschaftstraditionen.
Deutsch-nigerianische Familiengeschichte
Eine andere Form findet Also by Mailvon Olumide Popoola. Das Theaterstück erzählt von den deutsch-nigerianischen Geschwistern Funke und Wale, die nach dem Tod ihres Vaters nach Nigeria reisen.
Dabei treffen Familiengeschichte, unterschiedliche Erwartungen und Erfahrungen von Diaspora aufeinander. Zugleich geht es um rassistische Erfahrungen in Deutschland und um die Frage, wie unterschiedliche Lebensorte, Zugehörigkeiten und Generationen miteinander verbunden sind. Also by Mail ist der zweite Band der von Sharon Dodua Otoo herausgegebenen Reihe Witnessed. Die englischsprachige Reihe versammelt fiktionale und nichtfiktionale Arbeiten Schwarzer Autor*innen mit Bezug zu Deutschland und macht diese Perspektiven zugleich für ein internationales englischsprachiges Publikum zugänglich. Wer von Also by Mail aus weiterlesen möchte, findet in der Reihe sehr unterschiedliche Zugänge zu Schwarzem Leben, Erinnerung, Kunst, Diaspora, Widerstand und Zugehörigkeit.
Racialised Faces in white Creative Spacesrichtet den Blick auf die Kultur- und Kreativwirtschaft. Kreativschaffende Bi_PoC berichten in persönlichen und analytischen Texten von ihren Lebensrealitäten, von Ausschlüssen und von Strategien im Umgang mit rassistischen Strukturen.
Das Buch stellt nicht die Frage, wie über rassifizierte Menschen gesprochen wird, sondern schafft Raum für Perspektiven von Menschen, die selbst von Rassismus betroffen sind.
Diese drei Bücher erzählen deshalb keine einheitliche „Schwarze Geschichte“. Sie zeigen unterschiedliche historische, biografische, wissenschaftliche und künstlerische Perspektiven.
Und genau das ist entscheidend: Schwarze Geschichte besteht nicht aus einer einzigen Erzählung.
Black History Is Present: Books for Black History Month UK
October 1 marks the beginning of Black History Month in the UK. We are taking this as an opportunity to highlight books from our programme that tell stories of Black history and the Black present in Germany from a range of perspectives.
Black History Is Present
October 1 marks the beginning of Black History Month in the UK. In 2026, the month is held under the theme “Honouring Our Communities.”
Black History Month UK is a British month of remembrance, celebration and action. We are not taking its beginning as an opportunity to simply transfer a British tradition to Germany. Instead, it offers a moment to highlight books from our programme that document and tell stories of Black history and the Black present in Germany from a range of perspectives.
Because Black history in Germany is neither a footnote to German history nor solely a history of racism.
It is social history, cultural history and the history of social movements. It is literary history, family history and diasporic history.
The contributions range from the eighteenth century to the present and move between social history, literature, art, popular culture, academia and activism.
The book also examines the position of Black actors within cultural production as well as the relationships between Black German Studies, Critical Whiteness Studies and hegemonic academic traditions.
It brings together academic analyses, historical perspectives, interviews and contributions connected to political and cultural activism.
The play follows the German-Nigerian siblings Funke and Wale, who travel to Nigeria after the death of their father.
Family history, different expectations and experiences of diaspora meet questions of belonging. At the same time, the play addresses experiences of racism in Germany.
The family story does not simply serve as an illustration of an abstract political debate. Instead, social questions emerge from the relationships, conflicts and experiences of the characters themselves.
Also by Mail is the second volume in the Witnessed book series, edited by Sharon Dodua Otoo in cooperation with edition assemblage.
The English-language series brings together fictional and non-fictional works by Black authors with connections to Germany, while also making these perspectives accessible to an international English-speaking readership.
Those who want to continue reading after Also by Mail will find very different approaches to Black life, memory, art, diaspora, resistance and belonging throughout the Witnessed series.
In personal and analytical texts, Bi_PoC cultural workers write about their realities, experiences of exclusion and strategies for navigating racist structures.
The book deliberately brings perspectives to the foreground that are frequently rendered invisible within cultural institutions and creative industries. Its contributions reflect critically on power relations, access to resources and participation, while creating space to imagine a more equitable and racism-critical future.
Rather than asking how racialised people are spoken about, the book creates space for people affected by racism to articulate their own perspectives.
Not One Black History, but Many Perspectives
These books do not tell a single Black history.
They bring together different historical, biographical, academic, artistic and diasporic perspectives.
And that distinction matters.
Black history is not one story.
It is made up of many histories, experiences, perspectives and forms of knowledge – and it is part of Germany’s past and present.
Literatur, Fotografie, Theater, Kurzgeschichten und Lyrik: Die Reihe Witnessedschafft Raum für Schwarze Perspektiven auf Deutschland – auf Englisch und damit auch für ein internationales Publikum. Herausgegeben wird die Reihe von Sharon Dodua Otoo in Kooperation mit edition assemblage.
Wer erzählt von Schwarzem Leben in Deutschland?
Wer über Deutschland spricht, spricht aus einer Perspektive.
Wer über Schwarzes Leben in Deutschland spricht, ebenfalls.
Die Buchreihe Witnessed setzt genau hier an. Sie versammelt englischsprachige fiktionale und nichtfiktionale Arbeiten Schwarzer Autor*innen, die in Deutschland leben oder gelebt haben. Herausgegeben wird die Reihe von der Autorin und politischen Aktivistin Sharon Dodua Otooin Kooperation mit edition assemblage.
Der Name der Reihe ist dabei programmatisch: Witnessed – bezeugt, beobachtet, erfahren.
Im Mittelpunkt stehen nicht Erzählungen über Schwarze Menschen, sondern unterschiedliche Arbeiten, in denen Schwarze Autor*innen, Künstler*innen und Kulturschaffende selbst Perspektiven auf Deutschland, Diaspora, Familie, Rassismus, Kunst, Erinnerung, Zugehörigkeit und Widerstand entwickeln.
Zugleich ist Englisch eine bewusste Verbindung über Deutschland hinaus: Die Reihe macht diese Literatur auch einem internationalen englischsprachigen Publikum zugänglich.
Das Buch fragt nach der Situation Schwarzer Kulturschaffender in Deutschland – aber bleibt nicht bei Diskriminierung und Ausschluss stehen. Im Zentrum steht vielmehr die Frage, welche Visionen Schwarze Künstler*innen und Kulturschaffende für egalitärere Gesellschaften, kulturelle Räume und künstlerische Praktiken entwickeln.
Damit war bereits beim Auftakt ein wichtiges Motiv der Reihe gesetzt: Schwarze Perspektiven werden nicht auf Erfahrungen von Rassismus reduziert. Es geht ebenso um Kunst, Handlungsmacht, Zukunft und die Möglichkeit, gesellschaftliche Räume selbst zu gestalten.
Familie, Diaspora und Rassismus: Also by Mail
Also by Mailvon Olumide Popoola erschien ebenfalls 2012 als zweiter Band der Reihe.
Das Theaterstück begleitet die deutsch-nigerianischen Geschwister Funke und Wale nach dem Tod ihres Vaters. Ihre Reise nach Nigeria bringt unterschiedliche familiäre Erwartungen, Erfahrungen von Diaspora und Fragen von Zugehörigkeit zusammen.
Gleichzeitig erzählt das Stück von rassistischen Erfahrungen in Deutschland.
Die Familiengeschichte wird damit nicht zur Illustration einer abstrakten Debatte. Vielmehr entstehen gesellschaftliche Fragen aus den Beziehungen, Konflikten und Erfahrungen der Figuren selbst.
Der Band versammelt Schwarz-Weiß-Porträts Schwarzer Frauen, die in Deutschland leben und arbeiten. Mawakhas Fotografien reichen von individuellen Porträts bis zu Bildern von Begegnungen und Gemeinschaft.
Entscheidend ist dabei die Umkehr des Blicks: Die porträtierten Frauen sind nicht lediglich Gegenstand einer Betrachtung. Fotografien und Texte schaffen einen Raum, in dem sie selbst den Blick erwidern und Fragen stellen.
Ein kollektives Selbstporträt – von und für Schwarze Menschen.
Rassistische Gewalt und Erinnerung: The Most Unsatisfied Town
The Most Unsatisfied Townvon Amy Evans ist ein Theaterstück, das auf der Geschichte von Oury Jalloh basiert.
Im Mittelpunkt steht Laurence, der in Deutschland Asyl beantragt hat und versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Als ein Freund verschwindet und später tot aufgefunden wird, verändert sich sein Blick auf den Ort, den er bereits als neues Zuhause betrachtet hatte.
Der Band verbindet Theater mit Fragen nach Grenzen, Erinnerung, rassistischer Gewalt und gesellschaftlicher Verantwortung.
Viele Geschichten statt einer Schwarzen Erfahrung
2015 erschien Winter Shorts, herausgegeben von Clementine Ewokolo Burnley und Sharon Dodua Otoo.
Die Anthologie versammelt Kurzgeschichten verschiedener Autor*innen, die alle während des Winters in einem deutschsprachigen Land spielen.
Manche Geschichten sind komisch, manche dramatisch, manche traurig. Gerade diese Unterschiedlichkeit ist wichtig.
Denn Winter Shorts widerspricht der Vorstellung, es gebe eine einzige Schwarze Erfahrung, eine einzige Form von Diaspora oder eine einzige Geschichte, die Schwarzes Leben in Deutschland repräsentieren könnte.
Der Gedichtband beschäftigt sich mit Zugehörigkeit, „home“ und Selbstverständnis aus der Perspektive einer Deutschen afrikanischer Herkunft. Die Gedichte bewegen sich zwischen Afrikanischsein, Arabischsein und Schwarzsein und fragen danach, wie Identitäten angenommen, neu gedacht und selbst definiert werden können.
Die Reihe öffnet sich damit noch deutlicher für poetische und autobiografische Formen.
Der Band verbindet Berlin und die USA und richtet den Blick auf Women of Color, die als Pädagoginnen, Künstlerinnen, Aktivistinnen und Wissenschaftlerinnen arbeiten.
Dabei knüpft das Buch ausdrücklich an Schwarze radikale Traditionen und an Personen wie W. E. B. Du Bois, Martin Luther King Jr., Angela Davis und Audre Lorde an, deren Denken und Arbeiten mit Erfahrungen in Berlin verbunden waren.
Im Zentrum stehen Widerstand und Solidarität – aber auch deren Widersprüche. Was bedeutet Solidarität zwischen unterschiedlichen Positionierungen? Wie entstehen Beziehungen über Grenzen hinweg? Und wie können unterdrückende Erzählungen zurückgewiesen und verändert werden?
Die Reihe geht weiter
Aktuell führt edition assemblage auf der Witnessed-Seite auch First Rain Poetry von Stefanie-Lahya Aukongo als Teil der Reihe.
Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die von Beginn an zu Witnessed gehört: Die Reihe ist nicht auf ein Genre festgelegt.
Sachtexte stehen neben Theater.
Fotografie neben Kurzgeschichten.
Lyrik neben transnationalen Gesprächen.
Was die Bücher miteinander verbindet, ist keine einheitliche Ästhetik und keine vermeintlich einheitliche Schwarze Erfahrung.
Es ist der Raum für unterschiedliche Schwarze Perspektiven mit Bezug zu Deutschland – und die Möglichkeit, diese auch jenseits des deutschsprachigen Literaturbetriebs zugänglich zu machen.
Witnessed: Black Perspectives on Germany – in English
Literature, photography, theatre, short stories and poetry: the Witnessed series creates space for Black perspectives on Germany – in English, making them accessible to an international audience as well. The series is edited by Sharon Dodua Otoo in cooperation with edition assemblage.
Who tells stories about Black life in Germany?
Anyone who speaks about Germany speaks from a particular perspective.
The same is true when speaking about Black life in Germany.
The Witnessed book series begins precisely here. It brings together English-language fiction and non-fiction by Black authors who live or have lived in Germany. The series is edited by author and political activist Sharon Dodua Otoo in cooperation with edition assemblage.
The name of the series is programmatic: Witnessed – observed, experienced, borne witness to.
At its centre are not stories about Black people, but a wide range of works in which Black authors, artists and cultural workers themselves develop perspectives on Germany, diaspora, family, racism, art, memory, belonging and resistance.
English also creates a deliberate connection beyond Germany: the series makes this literature accessible to an international English-speaking audience.
It begins with big visions
The first volume in the series was published in 2012:
The book examines the situation of Black cultural workers in Germany – but it does not stop at discrimination and exclusion. Instead, its central question is what visions Black artists and cultural workers develop for more egalitarian societies, cultural spaces and artistic practices.
From the very beginning, this established an important theme of the series: Black perspectives are not reduced to experiences of racism. The focus is equally on art, agency, the future and the possibility of shaping social spaces.
Family, diaspora and racism: Also by Mail
Also by Mail by Olumide Popoola was also published in 2012 as the second volume in the series.
The play follows the German-Nigerian siblings Funke and Wale after the death of their father. Their journey to Nigeria brings together different family expectations, experiences of diaspora and questions of belonging.
At the same time, the play explores experiences of racism in Germany.
Family history does not become an illustration of an abstract debate. Instead, social questions emerge from the relationships, conflicts and experiences of the characters themselves.
The volume brings together black-and-white portraits of Black women who live and work in Germany. Mawakha’s photographs range from individual portraits to images of encounters and community.
What matters here is the reversal of the gaze: the women portrayed are not simply objects of observation. The photographs and texts create a space in which they themselves return the gaze and pose questions.
A collective self-portrait – by and for Black people.
Racist violence and memory: The Most Unsatisfied Town
At its centre is Laurence, who has applied for asylum in Germany and is trying to build a new life. When a friend disappears and is later found dead, his view of the place he had already begun to think of as a new home changes.
The book connects theatre with questions of borders, memory, racist violence and social responsibility.
Many stories instead of a single Black experience
In 2015, Winter Shorts, edited by Clementine Ewokolo Burnley and Sharon Dodua Otoo, was published.
The anthology brings together short stories by different authors, all of them set during winter in a German-speaking country.
Some of the stories are funny, some dramatic, some sad. It is precisely this diversity that matters.
Winter Shorts challenges the idea that there could be one single Black experience, one single form of diaspora or one single story capable of representing Black life in Germany.
The poetry collection explores belonging, “home” and self-understanding from the perspective of a German woman of African descent. The poems move between Africanness, Arabness and Blackness and ask how identities can be embraced, reimagined and self-defined.
With this volume, the series opens itself even more clearly to poetic and autobiographical forms.
The book connects Berlin and the United States and focuses on Women of Color working as educators, artists, activists and scholars.
It explicitly draws on Black radical traditions and on figures such as W. E. B. Du Bois, Martin Luther King Jr., Angela Davis and Audre Lorde, whose thinking and work were connected to experiences in Berlin.
Resistance and solidarity are central themes – but so are their contradictions. What does solidarity mean between people with different positionalities? How do relationships emerge across borders? And how can oppressive narratives be rejected and transformed?
The series continues
The Witnessed page at edition assemblage currently also lists First Rain Poetry by Stefanie-Lahya Aukongo as part of the series.
This continues a development that has shaped Witnessed from the beginning: the series is not tied to a single genre.
Non-fiction stands alongside theatre.
Photography alongside short stories.
Poetry alongside transnational conversations.
What connects these books is neither a uniform aesthetic nor the idea of a supposedly uniform Black experience.
It is the space they create for diverse Black perspectives connected to Germany – and the possibility of making these perspectives accessible beyond the German-language literary world.
Witnessed at edition assemblage
The series currently includes the following titles on our website:
In einem kurzem Video mit Auszügen aus dem Buch „Mosaik der Resilienzen“ werden zentrale Gedanken, Hintergründe und die Motivation des Buches transparent.
Der Film bietet einen Einblick in das Buch und macht einige Leitideen erlebbar.