Kein Platz für Nazis auf der Frankfurter Buchmesse. Marginalisierte Stimmen hörbar machen.

21. Oktober 2021

English below

Eigentlich hätten Encarnación Gutiérrez Rodríguez und Pinar Tuzcu ihr gerade erschienenes Buch „Migrantischer Feminismus – in der Frauen:bewegung in Deutschland (1985-2000)“ auf der Buchmesse vorstellen wollen. Aufgrund der erneuten Teilnahme (neu)rechter Verlag und der Weigerung der Messeleitung sich mit den Absagen von vielen Autor:innen of Color adäquat auseinander zu setzen, sagen auch sie ihren Besuch dort ab. Die Veranstaltung wird nun im Rahmen der Frankfurter Gegenbuchmasse stattfinden. Samstag, 18.30h im ExZess (Leipziger Str.91). Kommt vorbei!

Es folgt ein Verlagsstatement, das gerne geteilt und weitergeleitet werden darf:

Kein Platz für Nazis auf der Frankfurter Buchmesse. Marginalisierte Stimmen hörbar machen.

Wie wollen wir leben?”, ist das Motto der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Eine Antwort auf diese Frage liefert die Messe bislang nicht, jedoch einen Vorschlag, wie sich ihr genähert werden soll: indem wir einander zuhören.
Mit der Entscheidung (neu)rechten Verlagen wie zum Beispiel dem Oikos Verlag und dem Jungeuropa- Verlag1 einen Platz auf der Messe einzuräumen, angeblich, um die Meinungsfreiheit und die Gesellschaft Deutschlands auch auf der Messe abzubilden, sehen wir Hass zur Meinung erklärt und Gewalt gegen marginalisierte Menschen legitimiert.
Es wird in Kauf genommen, dass Vertreter_innen (neu)rechter Verlage ihr extrem rechtes, gewalttätiges Umfeld mitbringen. So wird für Menschen, die alltägliche rassistische und antisemitische Gewalt erfahren und denen dringend zugehört werden muss, eine Teilnahme an der Messe zum Sicherheitsrisiko.
Nicht erst seit den Anschlägen in Hanau, in Halle und den Morden des NSU ist es für ein gesellschaftliches Zusammenleben unabdingbar, die Stimmen der Menschen zu verstärken, die alltäglicher rassistischer und antisemitischer Gewalt auf der Straße, im Netz und auf der Buchmesse ausgesetzt sind. Spätestens mit dem Statement der Autorin Jasmina Kuhnke, in dem sie die Drohungen gegen sie erläutert und ankündigt ihre Messeauftritte abzusagen2, hätte die Messeleitung eine klare anti-diskriminierende Haltung einnehmen müssen. Denn hier handelt es sich nicht um Meinungsfreiheit, sondern um direkte rassistische Diskriminierung. Da die Messe sich öffentlich bekennt keine Diskriminierung zu tolerieren, sollte sie das Fernbleiben von Autor:innen und Verleger:innen, die Rassismus in Deutschland erfahren, nicht hinnehmen und von ihrem Hausrecht Gebrauch machen.
Der Ausschluss des nationalsozialistischen Druffel-Verlags von der Buchmesse 1958, unter anderem mit der Begründung, die Anwesenheit des Verlages sei eine „Zumutung“ für die „zahlreichen ausländischen Besucher“, zeigt, dass ein konsequentes Einschreiten gegen menschenverachtende Einstellungen möglich ist.3
Wir fordern die Messeleitung auf, sich nicht mit Diversitätsfloskeln zu schmücken, sondern aktiv zu gewährleisten, dass marginalisierte Menschen an den Debatten teilnehmen können und ihnen zugehört wird. Es ist die Aufgabe der Messeleitung, sich gegen Rassismus und Antisemitismus zu positionieren, aber auch die der gesamten Buchbranche, sich solidarisch zu zeigen und das alljährliche Hofieren neurechter Verlage nicht kommentarlos geschehen zu lassen. Wir erklären uns solidarisch mit allen, die sich fragen, ob und wie sie an der Buchmesse geschützt vor Nazis teilnehmen können!

3 https://twitter.com/NKrawinkel/status/1450351195390889984

English

Münster, October 21st 2021

Our authors Encarnación Gutiérrez Rodríguez and Pinar Tuzcu had wanted to present their recently
published book „Migrant Feminism – in the Women‘s:Movement in Germany (1985-2000)“ at the
book fair. Due to the renewed participation of (neo)right-wing publishers at the fair and the refusal of
the fair‘s management to adequately deal with the events, they also cancel their visit there. The event
will now take place apart from the Book Fair on Saturday, 6.30pm at ExZess (Leipziger Str.91). Come
by!
Here is a statement we wrote. Please feel free to share and repost.

No Room for Nazis at the Frankfurt Book Fair. Making Marginalized Voices Heard.

„How do we want to live?“ is the motto of this year‘s Frankfurt Book Fair. So far, the fair does not
provide an answer to this question, but a suggestion on how to approach it: by listening to each
other.
With the decision to make room for (neo)right publishers such as Oikos Verlag and Jungeuropa
Verlag at the fair, supposedly in order to guarantee freedom of expression and represent the plurality
of opinions within the German society, we see hate declared as opinion and violence against
marginalized people legitimized. It is tolerated that representatives of new-right publishers bring
their extreme right-wing, violent, environment with them. Thus, for people who already fear racist
and anti-Semitic violence every day and who urgently need to be listened to, participation in the
fair becomes a security risk.
Not only since the attacks in Hanau, in Halle and the murders of the NSU, it is indispensable for
our social coexistence to amplify the voices of people who are exposed to everyday racist and anti-
Semitic violence – on the streets, on the internet and at the book fair. With the statement of the
author Jasmina Kuhnke, in which she explains the threats against her and announces to cancel her
appearances at the fair, the fair management should have taken a clear anti-discriminatory stance.
Because here it concerns not freedom of opinion, but direct racist discrimination. Since the fair
publicly professes not to tolerate discrimination, it should not accept the absence of authors and
publishers who experience racism in Germany and therefore make use of its domestic authority.
The exclusion of the National Socialist Druffel publishing house from the 1958 book fair on the
grounds that the publisher‘s presence was an „imposition“ on the „numerous foreign visitors“,
shows that it is possible to intervene consistently against inhuman attitudes.
We call on the fair management not to adorn itself with diversity phrases, but to actively ensure
that marginalized people can participate in the debates and are listened to. It is the task of the fair
management to take a stand against racism and anti-Semitism, but also that of the entire book
industry to show solidarity and not to let the annual courting of new-right publishers happen without
comment. We declare our solidarity with all those who wonder whether and how they can
participate in the book fair protected from Nazis!

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