Wie vermeide ich es, rassistische Artikel zu schreiben?

Von andrax, Mitarbeiter der vorwiegend weißen Wikipeda in Deutschland.

Vorbemerkung. Dieser Beitrag setzt die Lektüre des Buches von Noah Sow “Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus.” (i. F. DSW) voraus. Dieses Buch ist für mich als Mitarbeiter der Wikipedia hier der Anlass, den alltäglichen Rassismus in der Wikipedia selbstkritisch zu reflektieren. Diesen Beitrag versteht ich als den Versuch, die eigenen – meist unsichtbar gehaltenen und unbenannten – weißen Positionen, Blickweisen und Normen in der Wikipedia offen zu legen und für eine Kritik zugänglich zu machen. So notwendig mir dieser Versuch von weißer Seite auch erscheint, ihm geht wie mit dem hier vorgestellten Buch von Noah Sow immer eine Kritik von Schwarzer Seite voraus. Ich habe mich entschieden, diese Kritik von Schwarzer Seite hier sehr deutlich darzustellen und mich an dieser Kritik zu orientieren, weil ich deutlich machen möchte, dass dieser Versuch weißer Selbstreflexion eigener Privilegien nichts Selbstverständliches ist und nicht ohne die vorausgegangene Kritik von Schwarzer Seite stattfinden würde. Ein solcher Versuch instrumentalisiert somit aber in letzter Konsequenz auch diese Schwarze Kritik für sich. Auf dieses Dilemma möchte ich hier deutlich hinweisen. Anregungen, die helfen dieses Dilemma zu überwinden, sind also sehr willkommen.

Bei der Frage ” Wie vermeide ich es, rassistische Artikel zu schreiben?” beschäftige ich mich mit einem Luxusproblem für Weiße. Rassismus stört uns Weißen letztlich nicht, denn wir erleben nicht den Rassismus, wir sind nicht vom Rassismus betroffen und können das Problem jederzeit ingnorieren. Weiße müssen sich nicht fragen, ob sie rassistische Begriffe benutzen, Dinge rassistisch darstellen, Ereignisse aus einem rein weißen Blickwinkel betrachten. Ich bin weiß erzogen, das “Betriebssystem” (DSW) läuft auf Weiß TM, streng lizensiertes Betriebssystem ;) und Weiße insgesamt sind so erzogen, dass sie einfach selbstverständlich mit einem weißen Blick durch die Gegend laufen und Artikel weiß schreiben. Auch wir in Wikipedia, die es nie nötig haben kundzutun, dass sie Weiße sind und aus eine weißen Perspektive schreiben, sind mit diesen Privileg erzogen worden. Wir wollen nicht rassistisch sein, wir würden nie behaupten, dass wir rassistisch schreiben, wir bestimmen immer selbst, ob etwas rassistisch ist oder nicht. Denn wir maßen uns, ohne uns das bewusst zu machen, immer die Expertenposition an, (selbst) zu entscheiden, was rassistisch ist oder nicht. Noah Sow nennt das in ihrem Buch Deutschland Schwarz Weiß “Herrenrechte”.

Fangen wir mit der Schreibweise Schwarz und weiß an:
Benennung
“Du nennst deine Freundin auch nicht Fotze.” Noah Sow in Deutschland Schwarz Weiß über weiße Ignoranz.

Noah Sow weist mit dieser Bemerkung darauf hin, dass es Worte gibt, die sich nicht gehören, weil sie unwürdig sind, beleidigen und verletzen. Solange es noch Rassismus gibt, sind nur zwei Worte akzeptabel und “akademisch korrekt”: Schwarze, großgeschrieben, weil es keine adjektivische Beschreibung ist, sondern eine politisch gewählte Selbstbezeichnung von http://en.wikipedia.org/wiki/Person_of_color” rel=”external”>People of Color [http://en.wikipedia.org/wiki/Person_of_color], die kolonial geprägte und damit rassistische Bezeichnungen ablehnen. Wird von „Unterpigmentierten“ (so heißt es ironisch bei Noah Sow in DSW) geschrieben und gesprochen, so ist der Begriff für diese Gruppe weiß - kleingeschrieben und (je nach Philosophie) kursiv – oder Weiße kursiv oder anderweitig hervorgehoben: „Weiße“. Hier geht es darum, dass der Begriff eine kritisch gemeinte Konstruktion ist und keine rassistische Beschreibung, die unreflektiert auf ein körperliches Merkmal wie die Hautfarbe abhebt. Übrigens werden auch Begriffe, die durch „Rasse“theorien geprägt wurden, in Anführungsstiche gesetzt (vgl. dazu u.a. Susan Arndt (Hg.): AfrikaBilder und insb: Eggers et. al. Mythen, Masken, Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland). Also: „Rasse“, „Z-Wort“, das M-Wort und alle sonstigen rassistischen Konstruktionen typographisch markieren, falls es notwendig ist, diese zu verwenden. Das sind also die akademisch korrekten Schreibweisen und diesen Standard sollten wir solange respektieren, bis das Wissen aus der Zeit der Versklavung und aus der noch anhalten Zeit, in der „Rassen“theorien produziert werden, so gründlich kritisch aufgearbeitet worden ist, dass es keinen Schaden mehr anrichten kann. Aber von anderen die weltverändernden Erfindungen wissen wir, wie lange so etwas dauern kann. Wer hat übrigens das Rad erfunden? Wie oft wurde das Rad modernisiert? Also „Rasse“ in Anführungszeichen und modernisierte Begriffe für „Rasse“, z.B. „Ethnie“ ebenfalls.

Struktureller Rassismus / Weißsein

Rassismus lässt sich nicht auf – psychologisch begründete – Vorurteile reduzieren, sondern ist ein gesellschaftliches Phänomen. Es gibt eine gesellschaftliche Gruppe, die Vorteile/Privilegien daraus zieht, dass einen andere Gruppe rassifiziert wird.
Wie das funktioniert beschreiben Schwarze Wissenschaftler_innen anhand der untersuchten Kategorie “Weißsein”. Dazu gibt es einen ausführlichen – phasenweise sehr umkämpften Artikel – “Weißsein” in der Wikipedia.

An dieser Stelle möchte ich jedoch ein paar Zitate aus der Zeitschrift diskus zu Weißsein anführen:

“Weiße Privilegien sind an Weiß-Sein geknüpft. Mit Weiß-Sein ist keine Farbe gemeint – Weiß-Sein ist ein Konzept. Ein Konzept, welches in Jahrhunderten europäischer Expansion, Kolonialismus und Sklaverei entstanden ist. … Weiß-Sein ist eine Differenzkonstruktion: Weiß-Sein ist all das, was nicht-Schwarz ist, es konstruiert sich als Gegensatz. Weiß-Sein braucht daher das Schwarz-Sein, um existieren zu können. Schwarz ist das Markierte, das Bestimmbare, das Sichtbare; Weiß dagegen ist kaum zu fassen, es scheint auf keine spezifische Identität, auf keine klar bestimmbaren Qualitäten zu verweisen. Es ist scheinbar keine Farbe und doch alle Farben in einem, eine Leerstelle und doch universell, alles und nichts zugleich. Weiß-Sein erzeugt das Andere, entzieht sich aber selbst der Definition durch Andere.

Alles – Aussehen, Verhaltensweisen, Charakterzüge, Gegenstände etc. – wird einer der beiden Kategorien Schwarz oder Weiß zugeordnet. Es gibt eine sehr klare Hierarchie, in der Weiß(es) oben und Schwarz(es) unten steht. Zwischen Weiß und Schwarz gibt es also eine Machtbeziehung. Das, was Schwarz ist, wurde und wird von Weißen definiert, sie haben die Definitionsgewalt. Weiß-Sein ist eine Normsetzung, explizit oder implizit. Die explizite Normsetzung markiert Weiß-Sein bewusst und stuft es als höherwertig ein. Die implizite Normsetzung steht der expliziten diametral entgegen und wurzelt in der Tendenz, Weiß-Sein überhaupt nicht wahrzunehmen. (»Ich finde mein Weiß-Sein unwichtig.« »Ich mache da keinen Unterschied, wir sind doch alle gleich.«) Positive Hervorhebungen von Weiß-Sein sollen als rassistisch zurückgewiesen werden, das Selbstbild ist ein liberales, aufgeklärtes oder auch linkes …” (Otto Busse: weiss-sein, in diskus 3/2004)

Bücher, die gut erklären, wie Rassismus sich auch als gesellschaftliche Struktur verstehen lässt und damit zu weißen Wissensproduktinen wie in dem weißen Club Wikipedia führen, findet ihr [[hier]].

Ihr könnt euch auch ein Video anschauen: hier (braune mob / via metanationale.org).

“Deutschland ist nicht rassistisch.” Breiter weißer Konsens

Was ist überhaupt rassistisch? Wer kann die Frage überhaupt beantworten? Was tun wir, um uns diese Frage nicht zu stellen oder gar stellen zu lassen?

Rassismus ist eine Definitionssache? Wer hat die Position Rassismus zu definieren? Wer hat die Macht Rassismus zu definieren und wer hat legitimer Weise die Macht zu sagen: “das ist rassistisch”?

Rassismus ist nichts Schönes. Seine Sprache ist es verletzend. Wenn ich dir den Finger breche, habe dann ich oder hast nur du das Recht zu sagen: “Das tut weh”. Habe ich das Recht zu sagen: “Stell dich nicht so an, dass kann doch nicht so weh tun”? Richtig. In Wikipedia entscheiden Weiße, ob etwas rassistisch ist oder nicht. Sie zitieren weiße Autor_innen zur Bestätigung, ohne dass sie deren weiße Blickrichtung deutlich hervorheben. Wir müssen also genauer hinschauen und vor allem Expert_innen befragen. Merken: Expert_innen sind immer jene, die eine antirassistische Ausbildung haben oder schon ihr Leben lang erfahren haben, was Rassismus ist. In diesem Land sind das Hunderttausende. Sie werden übrigens Schwarze Deutsche genannt. Bei Noah Sow könnt ihr nachlesen, dass nicht alle weißen Afrikareisenden bereits Experten sind. Zumindest nicht dafür, Rassismen zu erkennen. So manche Veranstaltung gegen Rassismus wurde bereits durch den kulturell hierzulande ausgeprägtem Aberglauben an Promis zu einem Etikettenschwindel.

Würden wir in der Wikipedia einen Artikel über Intelligenztest von Menschen unterschiedlicher Hutgröße oder Schuhgröße akzeptieren? Aber warum akzeptieren wir Tausende von Artikeln, die aus einer weißen Perspektive immer irgendetwas über Menschen zu sagen haben, deren körperliche Merkmale uns Weißen seit der Sklaverei besonders auffallen. Wurde die Versklavung nicht abgeschafft?

Sprache und die Art der Darstellung haben Auswirkungen wie das Fingerbrechen. Denn Rassismus ist Gewalt. Das sollte schon als Definition grundsätzlich reichen: Gewalt. Rassismus tut jemande/n weh. Zunächst nicht mehr und nicht weniger. Natürlich können und müssen viele nicht damit umgehen, dass sie andere Gewalt an tun. Ahnen wir, dass wir aus Gewohnheit eine Sprache benutzen, die andere rassistisch verletzt, so ist klar, dass wir uns dagegen wehren. Wir wollen es nicht wahrhaben. Wir entwickeln zahlreiche Abwehrstrategien. Die reicht von Einwenden wie “gegenüber meinen Schwarzen Freunden darf ich sogar rassistische Witze machen und sie N-Wort nennen”, bis hin zu möglichst unverständlichen und abgehobenen Definitionen, was Rassismus “wirklich” ist. Rassismus ist, wenn Weiße Schwarze anders als Weiße behandeln. (Wenn du jetzt denkst, dass du ein Opfer des Rassismus bist, weil du als Weißer von einem Schwarzen nicht so behandelt wurdest wie er andere Schwarze behandelt, dann hast du das Gesagte verstanden: In dir regt sich deine Abwehr, dich mit deinem Rassismus beschäftigen zu müssen, aber es ist schon passiert: du erkennst deine Position als Weiße/r)

Rassistische Sprache und rassistische Darstellungen verletzen Menschen jedoch auf sehr vielfältige Arten und Weisen, die sich nur Weiße nicht bewusst machen (müssen) und ohne Nachteile ignorieren können. Weil wir es gelernt haben, in einer Dominanzkultur zu leben, die bestimmt, was wir wahrnehmen müssen und was wir ignorieren können. Dabei fällt uns nicht auf, dass wir “Unterpigmentierten” nie uns selbst in Schubladen stecken, sondern immer nur jene, denen wir wegen ihre “Schuhgröße” (vgl. DSW) irgendwelche Eigenschaften absprechen oder zusprechen. Oder gibt es einen Artikel in der Wikipeda “Weißeuropa”? Wie häufig fanden wird den Begriff “Schwarzafrika” in der Wikipedia?

In Deutschland gibt es – wenn wir die Medien lesen – keinen Rassismus, sondern Rassismus ist nur eine Sache des Rechtsextremismus. Das ist auch in der weißen deutschen Wikipedia so. Kann ich auch rassistisch sein, wenn ich kein Nazi-Skin bin oder ein Parteibuch der NPD habe? Natürlich kann ich das. Wer weiß und damit rassistisch erzogen wird, auf dem ist das Betriebsystem bereits fest installiert. Und so ein Betriebsystem kann man nur schwer verlernen. Klar aber ist, in der Wikipedia sollte keine weißes Betriebssystem installiert werden. Allerdings: Wer rassistische Begriffe benennt, bekommt es mit der geballten Wut der weißen Mehrheit zu tun: “Vergleich mich nicht mit einem Nazi …”, ist eine Standard Abwehrreaktion mit Konsequenzen, die zum Ausschluss aus der Wikipedia-Communitiy führen können. Wenn Windows so bequem ist, warum dann auf Linux umsteigen.

Rassismus wird in Deutschland – und das in allen Medien – immer dem “Rechtsextremismus”, als den dortigen vermeinlichen Randgruppen zu geschoben. Rassismus ist somit – für uns Weißen – nichts Alltägliches und hat mit dem Verhalten von Wikipedianern, Lehrern, Polizisten, Richtern oder Wissenschaftlern nach weißen Wahrnehmungsmustern nichts zu tun. Wir wissen oder können wissen, dass dem nicht so ist. “Dass sich rechtsextremes, rassistisches und demokratiefeindliches Gedankegut aber sehr wohl quer durch die Gesellschaft zieht, belegen jüngere Studien eindeutig.” (Noah Sow, DSW. 33) Tatsächlich haben wir als Weiße alle ein Problem mit dem Rassismus, schon allen, weil wir ihn nicht wahrnehmen müssen. “Eine Tat aus purem “persönlichem” Rassismus ist keine rechtsextremistische Tat und kann daher nicht rechtsextremistischen Bewegungen zugeordnet werden, sondern beruht ausschließlich auf die privaten rassistischen Einstellungen des Täters.” (Noah Sow, DSW. 33) Wenn wir rassistische Artikel schreiben, dann liegt das vor allem daran, dass wir unsere eigen Einstellung nicht bewusst machen. Windows ist einfach bequemer. Rassismus ist es für Weiße auch. Nur für Weiße.

Wir können als Weiße getrost davon ausgehen, dass wir rassistische Artikel schreiben. Und zwar geschieht das solange, wie wir uns nicht bewusst machen, in welcher privilegierten Position wir uns als Weiße befinden.

Woran erkenne ich Rassismus?
Als weißer erkenne ich ganz selten Rassismus. In der Regel muss ich darauf hingewiesen werden. Ja, von denen, denen wir gerade den Fingergebrochen haben. Meist können wir das aber auch völlig schadlos ignorieren. “Ich bin ja kein Nazi!”, sondern was?

Fangen wir damit an: Wenn ich nicht möchte, dass mir jemand meinen Finger bricht, dann sollte ich das auch nicht bei anderen tun.

Also:

* Wenn ich als Individuum in dieser Gesellschaft angesehen werden möchte, und nicht als eine Person, auf die alle Eigenschaften einer Gruppe projeziert werden, dann betone ich nicht einseitig bei einem Artikel über ein Ereignis wer welche Hautfarbe hat. ‘Mein Drogendealer ist weiß und ich kenne keine anderen Dealer, aber ich betone nirgends, dass er weiß ist’ (vgl. DSW). Wikipedia Artikel betonen aber genauso wie unser Medien, dass es sich um einen jüdischen Sportler handelt, um einen afrikanischen Professor, um einen südländischen Philosophen. Ja nicht ganz so, aber wir wissen ja genau, wann für uns eine Mensch und eine Ereignis interessant ist und wir lassen uns dann leicht verführen, den “Schwarzfahrer” bei seiner Hautfarbe zu benennen, was uns bei der Darstellung unseres Häuptlings nicht passieren würde. ” Der halb-graue Herr Köhler …” Wer würde das schreiben und wer würde dabei an Hautfarbe denken? Richtig. Und deshalb ist es unwichtig, ob Herr Ackermann eine Synagoge oder einen Puff besucht, weil er weiß ist. Wenn es wichtig ist, dann ist es nur wichtig, weil es um das Individuum Herr Ackermann, Michael Jackson … geht. Zum Thema Jackson. Warum ist es für Weiße von Interesse, dass Jackson einen weißen Teint liebt und unwichtig, dass Boris Becker, dass Claus Kleber regelmäßig ins Sonnenstudio geht? – Erkannt? “Als weiße Deutsche haben Sie derzeit unter anderem von Geburt an die folgenden Privilegien: als Individuum betrachtet zu werden.” (Noah Sow, in DSW))

* Wenn ich als vollberechtigtes Mitglied der Gesellschaft angesehen werden möchte, sollte ich anderen in der Gesellschaft nicht aufgrund ihres Kopftuches oder ihre Hautfarbe sexuelle, geistige oder andere Fähigkeiten zu sprechen oder absprechen. Niemand unter den Weißen käme auf die Idee, aufgrund dessen, dass ich Kleidung vom H&M trage Weiße als Wirtschaftsterroristen zu bezeichnen, die planen Gewerkschaftsbüros in Bangladesh in die Luft zu sprengen. Niemand käme auf die Idee Weiße erziehen zu wollen, nur weil einzelne Weiße sich nicht duschen. Schon gar nicht, weil sie Weiße sind. “Als weiße Deutsche haben Sie derzeit unter anderem von Geburt an die folgenden Privilegien: … als vollwertiges Mitglied der Bevölkerung betrachtet zu werden.” (Noah Sow, in DSW))

* Um automatisch nicht als “fremd” in dieser Gesellschaft betrachtet zu werden, muss sich niemand von uns Weißen morgens das Gesicht weiß schminken, nur weil der Sommersprossen hat. Der Bundesgrenzschutzbeamte fragt nicht nach deinem Ausweis, weil du Sommersprossen hast oder du dir den Reißverschluss deiner Hose nicht zu gezogen hast. Schwarz Deutsch passiert das aber ständig. Die D-Cops achten dabei sicher nicht auf Indizien, wie ein nicht ordentlich in der Hose verstautes Hemd, sondern auf die Hautfarbe. (“Verdachtsunabhängige Prüfung”, aha) In Deutschland ist die Fahndungstechnik des Racial Profiling im Gegensatz zu vielen anderen Ländern noch völlig selbstverständlich. Und das in einem Land, in dem es so genannte Landfahrerkarteien und Gelbe Sterne gab. Was fällt uns dann in der Wikipedia auf, wenn wir rassistische Kriminalitätsstatistiken benutzen? Wenn Menschen in unserer Gesellschaft besonders wenig kontrolliert werden, weil sie Sommersprossen haben oder andere nicht weiter beachtetet Merkmale von Weißsein, wozu dienen dann diese Statistiken. Wenn wir den Rassenwahn dieses Profiling kennen, warum benutzen wir dann diese Erhebungen oder warum schreiben wir nicht kritisch über die deutsche Polizeiarbeit? Warum erscheinen dir Schwarze Deutsche als weniger deutsch als Menschen mit der Schuhgröße 45? Gibt es Statistiken über den Schulbesuch oder den Kirchenbesuch von Menschen, die nur halb-blaue oder halb-grüne Augen haben? Warum gibt es die nicht und warum wären diese Erhebungen für die Arbeit an Wikipedia-Artikeln genauso unwichtig, wie die Kriminalitätsstatistiken, die auf rassistische Fahndungstechniken beruhen? “Als weiße Deutsche haben Sie derzeit unter anderem von Geburt an die folgenden Privilegien: … nicht automatisch als “fremd” betrachtet zu werden.” (Noah Sow, in DSW)

Ich zitiere hier noch eine Auswahl von weißen Privilegien, die zahlreiche wissenschaftliche Bücher (siehe unten) deutlich machen, aber von uns kaum beachtet werden, und die Noah Sow in einer für die Bedürfnisse der Diskutierenden in der Wikipeda heufig geforderten alltagsverständlicher Sprache in “Deutschland Schwarz Weiß” verdeutlicht. (Vgl. in der Wikipedia die Forderung nach dem in Wikipedia heißt das OMA-Test oder Laientest) Unter den kursiv gesetzte Sow-Zitaten gebe ich dazu Anmerkungen, die unsere weißen Wikipedia-Artikel und unsere Diskussionen über diese Artikel betreffen.

Als weiße Deutsche haben Sie derzeit unter anderem von Geburt an die folgenden Privilegien:

* nicht rechtfertigen zu müssen, weshalb Sie in Ihrem eigenen Land leben oder weshalb Sie überhaupt in Ihrer Form und Farbe existieren (Noah Sow, in DSW)
Die Frage: Woher kommst du? Sie spielt bei Artikeln über die weiße Gesellschaft keine Rolle. Ansonsten wird in den Artikeln über alles eine Einordnung, Kategoriesierung und Benennung gefordert. Akzeptiert werden dabei nicht die Begriffe und Kategorien, die Menschen aus ihrer Erfahrung mit dem Rassismus selbst gewählt haben, sondern vorzugsweise von weißen männlichen christlichen Professoren. Dabei ist es oft völlig egal, aus welchem Jahrhundert diese weiße Expertenbeurteilung stammte und selten finden sich große Unterschiede zwischen weißen Profis heute und aus der deutschen Kolonialgeschichte.)

* sich und Ihre Gruppe selbst benennen zu dürfen (Noah Sow, in DSW)

* alle Menschen, die nicht weiß sind, benennen, einteilen und kategorisieren zu dürfen (Noah Sow, in DSW)
Uns ist erlaubt, was Schwarzen und People of Color nicht erlaubt wird: Wir entscheiden, ob und wer Bayer oder Deutscher ist und wer “Farbiger”, “Afrikaner”, “Jude” genannt wird. Wir entscheiden, ob wir einer Ethnie angehören oder andere vom “Volk” xy oder “Stamm” zx stammen. Wir entdecken die “Indianer” und wir nennen sie “Indianer”. Wir unterscheiden in unseren Artikeln nicht, ob und warum Bezeichnete sich selbst mit einem rassistischen Begriff benennen und ob und warum wir diese Menschen mit einem solchen rassistischen Begriff benennen. Entstand ein Begriff aus eine kolonialen und damit rassistischen Tradition, so nehmen sich Weiße dennoch das Recht heraus, den Vorwurf des Rassismus abzuwehren, in dem sie darauf verweisen, ihre Schwarzen Freunde fänden rassistische Witze durch aus komisch und sie hätten sich gar nicht beschwert. Ja, sie würden sich ja sogar selbst so – wenn auch ironisch – nennen. Noah Sow gibt uns bei diesen Ausreden den Tipp, uns auch mal ab und zu bei unseren Schwarzen Freunden zu bedanken, wenn wir rassistische Witze machen dürfen. Sie gibt auch zu Bedenken, dass es endlose Diskussionen erzeugt, wenn man Weiße auf rassistische Begriff anspricht. Es ist also auch die Frage, ob Schwarze sich diese Diskussionen überhaupt zu muten möchten, gerade oder weil es Freunde sind. Es könne sich aber auch um ein Schwarzes Stockholmsyndrom handeln, bei dem die Betroffenen bereits unsere Geiseln sind. Was ist wenn ein Lehrer, ein Chef oder sonst jemand aus seiner Machtposition einer Schwarzen Schülerin etc. fragt: Findest du es rassistisch, wenn ich dir in deinen Afro-Look kraule, findest du es rassistisch, wenn ich dich Dunkelhäutig nennen …

* dass Ihre Anwesenheit als normal und selbstverständlich betrachtet wird (Noah Sow, in DSW)
Werden wir nach unser Herkunft, Ethnie, musikalischen Fähigkeiten … gefragt, nur weil wir aus Bottrop kommen? Warum existieren hier in der Wikipedia soviel Artikel über den “Stamm” x und y? Wie kennzeichnen wir begrifflich, sprachlich …, dass es sich hier nicht um etwas “Normales” und “Selbstverständliches” handelt?

* sich benehmen zu können, als spiele Ihre eigene ethnische Zugehörigkeit keine Rolle (Noah Sow, in DSW)
Wann interessiert uns bei einer Vergewaltigung, einem Mord, einer Mondlandung … die Hautfarbe und wann nicht?

* jede andere Kultur nachäffen oder sich in Teilen aneignen zu können, ohne dafür von der Mehrheitskultur ausgegrenzt zu werden (ausgelacht vielleicht .. ausgegrenzt aber nicht) (Noah Sow, in DSW)
Als blauäugige Ghanareisende kann du hier mit Dreadlocks prima antirassistische Vorträge halten und niemand fasst dich in deine Haare. Es käme kein weißer Anthropologe und würde untersuchen, warum du plötzlich Batik-Klamotten anziehst. Kein weißer Intelligenzforscher würde deinen IQ untersuchen wollen, kein Journalist würde dich oben ohne ablichten wollen, nur weil …

* bestimmen zu dürfen, inwiefern die Errungenschaften und Meinungen aller Menschen, die nicht weiß sind, relevant sind, selbst wenn diese Menschen viel gebildeter sind als Sie (Noah Sow, in DSW)
Ich erinnere mich nicht nur an die Löschdiskussion um das [[N-Wort]] (2004, 2005, 2006, 2007, 2008 …)…, oder die Frage, ob die Schwarzen Vorfahren von Beethoven in der Wikipedia erwähnt werden dürfen – der Artikel ist natürlich blinz-weiß.

* aufzuwachsen, ohne dass Sie rassistisch beleidigt werden können (Noah Sow, in DSW)
Interessanter Weise fühlen sich jedoch viele Wikipedianer diffamiert, ausgegrenzt, ja rassistisch angegangen, wenn sie auf ihre rassistischen Artikel und Ausdrücke angesprochen werden.

* in der Gesellschaft, in der Sie sich bewegen, öffentlich anonym bleiben zu können, wenn Sie wollen (Noah Sow, in DSW)
Es gibt in der Wikipedia kaum jemand, der sich als Weißer vorstellt und das reflektiert und kundtut, es sei denn, er will hier seinen besonderen Stolz auf sein Weißsein bekunden. Wir wissen, dass wir als Weiße fast ausschließlich unter uns sind in diesem Projekt. Auch wenn hier viele schreiben, die sicher nicht zu der weißen Mehrheitsgesellschaft gehören, so werden sie nicht nur als randständig behandelt, sie müssen sich auch möglichst anonym und unsichtbar und weiß verhalten, wenn sie anerkennt werden wollen.

* nie darüber nachdenken zu müssen, ob Verdächtigungen oder Kontrollen vielleicht aufgrund Ihres vermeintliche anderen Aussehens erfolgen (Noah Sow, in DSW)
Siehe oben: Rassistische Fahndungsmethoden. Das gilt auch hier für Themen, die für Weiße unüblich sind oder uns Unterpigmentierten fremd erscheinen. Ein Artikel über eine deutsch-türkische Wissenschaftlerin findet sich schneller in der Löschdiskussion wieder, wie der Artikel über ein deutsch-türkisches Pornosternchen. Autor_innen mit für Weiße kritische Themen werden auffällig beobachtet. Ihre Themen gelten als “exotisch”, “anders”, “fremd” und damit ganz schnell als p.o.v. Diese Autor_innen müssen sich endlose Prozedere der “Qualitäts”-Kontrolle gefallen lassen und müssen weit besser und ausgiebiger recherchieren, formulieren, diskutieren als Rassenkundler, Hundehalter, Ethnologen, Sex-Shop-User …

* Fremden Ihre Herkunft nicht erklären zu müssen (Noah Sow, in DSW)
Sie oben. Wenn die Dinge und Ereignisse nicht in die weiße, männliche, christliche Norm hier hineinpasst, so werden sie als exotisch, fremd, anders, randständig oder gar als “unrelevant” behandelt. Übertragen auf die Arbeit mit “fremden” Themen hier heißt das auch, dass Autor_innen, die Themen behandeln, die nicht der weißen Norm entsprechen, sich ständig rechtfertigen müssen.

* auf Rassismus nicht reagieren zu müssen (Noah Sow, in DSW)
Die Wikipedia ist voll mit rassistischen Artikeln, rassistischen Begriffen, rassistischen Aussprüchen und Kommentaren, ohne dass sich daran etwas über die Jahre verändert. Vielen fällt gar nichts auf, vielen fällt es aber auf. Wir Weißen haben den Luxus einfach wegzuschauen, weiterzugehen und es zu ignorieren, dass Schwarze Menschen verletzt werden. Damit steigen unsere Privilegien. Wir können weiter munter weiße Artikel schreiben und weißes Wissen anhäufen, während sich kritische und betroffen Geister durch die weißen Abfälle wühlen und sich dabei einem Spießrutenlauf aussetzen müssen.

Darüber kenne ich mich aus?

Wer schreibt über wen? Wer kann ein Experte genannt werden und wer nicht? Denk an das Beispiel mit dem Fingerbrechen. Wenn ich dir den Finger gebrochen habe, dann bis du der Experte, um zu beschreiben, ob, wie, wann und warum dir der Finger weh tut. Nicht ich bin der Experte. Wenn Schwarze sagen, wir nennen uns selbstbestimmt Schwarze und wenn ihr das N-Wort benutzt, so tut uns das weh, dann sind sie die Experten. Nicht du. Schon gar nicht eine weißer Professor. Nicht wir haben die Erfahrung gemacht, dass es uns verletzt, wenn uns jemand F. nennt, sondern die “Blondine”, die wir in Wikipedia auch nicht alle “Blondchen”, “Baby” oder sonst wie nennen. Auch wenn du deine Freundin “F.” nennst, und sie dir nicht ständig dabei eine reinhaut, dann ist das noch kein Argument zu behaupten, dass “F.” ein im Allgemeinen oder im Besonderen angemessener Begriff wäre. (Vgl. DSW) Beim N-Wort habe ich mich hier in der Wikipedia jahrelang mit Menschen auseinandersetzen müssen, die ganze Doktorarbeiten anführten, um zu behaupten, dass das N-Wort kein rassistischer Begriff sei. Das ist der beste Beweis dafür, dass die deutsche Wikipedia nicht nur eine männliche, sondern vor allem eine fast durch und durch weiße Veranstaltung ist. Zusammengetragen wird zu 99,8% weißes Wissen und es wird nirgends benannt, dass dieses Wissen ausgesprochen weißes Wissen ist. Hingegen wird Wissen, dass uns in diesem Expertentum hinterfragen könnte immer markiert als “randständiges” oder sogar nicht “relevantes” Wissen.

Nicht “relevant” ist alles, was uns dazu bewegen könnte, unsere Privilegien und damit unsere weiße Position zu benennen.

Die Herkunft spielt keine Rolle?
Weil wir weiß sind, werden wir dafür bewundert, wenn wir aus Abenteuerlust in die Weltreisen und die Wikipedia voll schreiben mit “unseren” Erfahrungen. Wir lesen “weiße” Bücher, von “weißen” Wissenschaftlern, Exspediteuren und Forschern, die – obwohl schon weit vor ihnen Menschen den “weißen Fleck” erkundet, belebt und erforscht haben – nun die Dinge so benennen, beschreiben und erklären, wie es ihnen aus ihrer “weißen” Perspektive nützlich und sinnvoll erscheint. Uns fällt in der Wikipedia nicht auf, dass es wichtig ist darzustellen, wer dieses Wissen produziert hat: Es waren Weiße, die ihr Wissen festgehalten haben. Keine fragt wozu, aus welcher Perspektive, mit welchen Motiven. Niemanden fällt auf, dass die Grundlage extrem rassistische ist. Im Gegenteil, objektiv ist immer nur die weiße – aber nie als weiß benannte – Perspektive. Andere Perspektiven gelten als befangen und nicht objektiv. Merke: wer Rassismus anspricht gilt als befangen, wer rassistische Wissensarchive unreflektiert benutzt, gilt als objektiv. Das ist so. Du wirst es an unglaublich vielen Artikeln in der Wikipeda feststellen können. Versuche es – als weißer wird es dir allerdings sehr viel Arbeit und Einfühlungsvermögen kosten und du wirst sehr viel übersehen. Wir schreiben keine rassistischen Artikel? Wissen wir was rassistische Artikel sind? Wen und was können wir dazu überhaupt befragen? Und jetzt andersherum:
Weil sie Schwarz sind, wird ihnen nicht Abenteuerlust, sondern wirtschaftliche Interessen unterstellt, wenn (mit Sicherheit mutigere) Schwarze Menschen hier in Europa Schutz suchen. Sie gelten nicht als mutig, interessant, wichtig und als Expert_innen ihrer eigenen Welt und Erfahrung.
Noah Sow malt in ihrem Buch ein Szenario aus. Was geschieht in 50 Jahren, wenn die Klimakatastrophe zu schlägt und weite Teile Europas überschwemmt werden? Welche Länder nehmen dann die weißen Europäer auf, werden sie aufgenommen und wie werden sie empfangen werden? Wir werden wir weißen Europäer_innen uns fühlen, wenn wir dort so behandelt und abgeschoben werden, wie die Flüchtlinge heute hier in Europa, mit Mauern und Lagern vor den Grenzen … ? Falls wir dann tatsächlich von ihnen so behandelt werden, wie wir People of Color heute behandeln.

Was kann ich machen, wenn ich noch immer nicht weiß, was Rassismus ist?

Noah Sow empfiehlt in Deutschland Schwarz Weiß einen Test, der von der Soziologin Judith H. Katz entwickelt wurden ist:

“Schreiben Sie auf ein Blatt Papier eine Liste, wie Sie sich eine rassistische Gesellschaft vorstellen würden. Fragen Sie sich: Wenn diese Gesellschaft rassistisch ist … Welche Gruppen gäbe es dann? Wer dürfte was und wer dürfte was nicht? Wer würde die Entscheidungen treffen? Wer würde wobei benachteiligt und bevorzugt? Wie würde der Besitz verteilt werden? Welche Gruppe würde die Chefs und Vorstände welcher Institutionen (Banken, Schulen, Universitäten, Polizei, Regierung usw.) stellen, und was würden diese mit der ganzen Macht unternehmen? Welche Gruppe hätte was genau unter Kontrolle? Wer würde bestimmen, welche Inhalte und Zustände offiziell anerkannt werden und welche nicht? Wer müsste wem Rede und Antwort stehen? Welche Gruppe müsste sich vor welcher Gruppe nicht erklären und rechtfertigen? Wie wäre die Gesellschaft hierarchisch geordnet, oder welche Arten von Unterdrückung würden in ihr vorkommen? Würde die rassistische Gesellschaft, die Sie erfinden, selbst zugeben, dass sie rassistisch ist, oder würde sie behaupten, nur alles so zu organisieren, wie es zum Wohl der Öffentlichen Ordnung oder einfach “besser” oder “normal” sei?

… Ergänzen Sie die Liste immer, wenn ihnen etwas Neues einfällt.” Noah Sow

Anspruch dieses Textes
Die Frage: “Wie vermeide ich es, rassistische Artikel zu schreiben?” könnte in der Wikipedia ein eigenständiger Ratgeberseite werden. Vgl. mit “Wie schreibe ich einen guten Artikel?”[ http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wie_schreibe_ich_gute_Artikel], “Wikipedia ist kein …” [http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wikipedia_ist_kein_…] etc. Ich habe diese Ratgeberseite noch nicht angelegt, weil ich nicht glaube, dass eine solche Seite lange geduldet wird. (Wir erinnern uns: Wer hat die Macht etwas zu dulden und wer ist rassistischen Texten ausgeliefert und muss sie erdulden?)

Zum Umgang mit diesem Text

Die Diskussionen um diesen Text hier und in der Wikipedia werde ich ebenso öffentlich machen. Wenn ihr also zu diesem Text Stellung beziehen wollt und euch äußert, so werde ich das auch öffentlich dokumentieren. Das ergibt sich für mich auch aus den Erfahrungen im Umgang vergleichbarer Texte in der Wikipedia, die dann plötzlich gelöscht oder entstellt werden. (Ich erinnere an die Löschversuche und die Monate lange sperre des Diderot-Clubs oder an Artikel, wie N-Wort oder Arbeitskult, die auf immer verschwanden)

Danksagung
Eigentlich habe ich es schon seit Monaten – mal wieder – aufgegeben mich zu dem Thema Rassismus und Weiße Wikipedia zu äußern und schreiben in diese Streikphasen nur noch sporadisch. Ich verdanke es neben der unten aufgeführten Literatur aktuell der Lektüre von Noah Sow Deutschland Schwarz Weiß: der alltägliche Rassismus (2008) und der Teilnahme an der Fachtagung Rassismus – Wissen(schaft) – Universität [http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=11759], mich auch hier wieder mutig zu fühlen, mich als Weißer mit meinen und unseren Privilegien zu positionieren, um eine Initiative gegen den Rassismus in der Wikipedia wieder aufzunehmen.

Kurze Erklärungen

Themen, die wir uns erlernen müssen, wenn wir es vermeiden rassistische Artikel in der Wikipedia erkennen wollen und es rassistische Artikel in der Wikipedia vermeiden wollen:

* Sprache und Gewalt:
http://www.m-strasse.de/speech_and_violence/introduction/index.html

* Weißsein
http://www.m-strasse.de/whiteness/index.html

* Was sind unsere Vermeidungs- und Abwehrstrategien
http://www.m-strasse.de/strategies_of_avoidance/introduction/index.html

*Zu Rassismus schweigen und Rassismus verschweigende Bezeichnungen
http://www.m-strasse.de/strategies_of_avoidance/silence/index.html

* Rassifizierte werden beleidigt: Rassismus als Problem derer darstellen, die durch ihn angegriffen und marginalisiert werden.
http://www.m-strasse.de/strategies_of_avoidance/blaming/index.html

* Selbst-Marginalisierung
„Auch wenn sich Weiße mit den Zusammenhängen zwischen Rassismus und Weißsein auseinandersetzen, kann es dennoch vorkommen, dass vielzählige Abwehrstrategien weiter benutzt werden. Eine Haltung, die wir problematisieren möchten, ist der Wunsch sich über einen Kampf gegen Rassismus als selbst marginalisiert wahrzunehmen und zu stilisieren.“
http://www.m-strasse.de/strategies_of_avoidance/self_victimisation/index.html

* Farbenblindheit: Universalismus – „Wir sind doch alle gleich.“
http://www.m-strasse.de/strategies_of_avoidance/universalism/index.html

* Gegenstrategien
„Die Auseinandersetzung mit den Zusammenhängen zwischen Weißsein und Rassimus ist ein langer Weg, der meist mit einem Leugnen der eigenen Beteiligung an Rassismus beginnt.“
http://www.m-strasse.de/strategies_of_avoidance/counter_strategies/index.html

Literatur
* Noah Sow (2008): Deutschland Schwarz weiß: der alltägliche Rassismus. C. Bertelsmann Verlag. (Pressestimmen [http://www.deutschlandschwarzweiss.de/pressestimmen.html])

*Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (Hg.) (2005): ”Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland”, Münster, ISBN 3-89771-440-X (Rezension h-soz-kult [http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=7792&count=1028&recno=17&type=rezbuecher&sort=datum&order=down&epoche=22]), (Radio FSK: Interview mit Susan Arndt [http://www.freie-radios.net/portal/content.php?id=15497])

* Grada Kilomba: Plantation Memories. Episodes of Everyday Racism. Münster, 2008. ISBN 978-3-89771-485-4. [http://www.gradakilomba.com/Table%20of%20Contents.pdf Table of Contents]

* Susan Arndt, Antje Hornscheidt (Hrsg.): Afrika und die deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Unrast Verlag, Münster 2001, ISBN 3-89771-424-8.

Aktuelle Literatur zum Thema auf dieser Website: Literatur Weißsein

[aktualisiert Andrax, Juli 2011]

Diskussion:

62 Antworten auf „Wie vermeide ich es, rassistische Artikel zu schreiben?“
RSS Feed Trackback

andrax 06. Juli 2009 um 19:58 Uhr

Gepostet im Wikipedia-Portal Diskussion:Diskriminierung:
Den o.g. Diskussionsbeitrag habe ich extern publiziert, da ich mir nicht sicher bin, ob der Beitrag in dieser Community länger ungelöscht publiziert werden könnte. Über Diskussionen zu dem Beitag freu ich mich natürlich immer.

Herzliche Grüße, — andrax 6. Jul. 2009 (CEST)
Hubertl 06. Juli 2009 um 22:29 Uhr

Sehr gut, sehr war. Genau das, was ich mir überlege, wenn ich aus weißer Sicht beurteile, was rassistisch ist, zu sein hat, und dass ich mich bemühe es nicht zu sein.

Aktuell findet ähnliches gerade in der Frage des Kreuzzeichens in Biografischen Artikeln statt. Hier wird von einer – durch Betriebssystem gedrillten – Mehrheit festgelegt, dass das Kreuz kein christliches Symbol ist.

Nicht im Geringsten. Das hat irgendwas mit Dolchen und – wenn größer – wahrscheinlich mit Schwertern zu tun. Aber nichts mit Kreuzen.

Und deshalb können ja Juden und Moslems gar nicht betroffen sein, wenn sie dann postmortem zwangsgetauft werden.

Aber einmal einen praktizierenden Juden oder Moslem zu fragen, das käme natürlich niemanden in den Sinn. So rassistisch sind wir schon, dass wir gar keinen kennen, den wir fragen könnten. Demzufolge müssen wir schon selbst die Antwort geben, denn die ist ja in jedem fall korrekt, weil nicht rassistisch.

lb Grüße

Hubertl
Nur nochmal nachgefragt 06. Juli 2009 um 22:52 Uhr

Was ist jetzt die konkrete Begründung dafür, dass beim Schreiben über weiße Menschen, weiße Positionen und so weiter das Adjektiv „weiß“ kursiv geschrieben werden soll, dies aber bei schwarzen Menschen, schwarzen Positionen und so weiter für das Adjektiv „schwarz“ nicht gilt? Und warum soll das Adjektiv „schwarz“ entgegen allen Regeln der Grammatik der deutschen Sprache groß geschrieben werden und das Adjektiv „weiß“ hingegen klein?
Fake 07. Juli 2009 um 1:09 Uhr

Anmerkung unrast: Dieser Beitrag war nachvollziehbar ein Fake und wurde gelöscht. Dazu folgender Kommentar von Schwarze Feder (Mitarbeiter der Wikipedia.de): hier
andrax 07. Juli 2009 um 15:21 Uhr

Reaktionen auf einen Fake (s.o.) sind nicht notwendig. Daher habe ich diesen Beitrag zurückgezogen. andrax
Administrator 07. Juli 2009 um 19:44 Uhr

Folgene Richtigstellung von Schwarze Feder zu dem oben geposteten Fake-Kommentar „Hervorragende Arbeit, Andrax. Weiter so. Hoffentlich schlagen die Wikipedia-Faschisten nicht zu. LG“ erreicht uns per Email:

Hallo andrax

Der obige Beitrag ist nicht von mir. Ich würde nicht von Wikipedia-Faschisten sprechen.

Es handelt sich um das gleiche Problem wie beim Nazipedia-Blog, wo ebenfalls jemand in meinem Namen schrieb, um mich bei Wikipedia-Admins und anderen in ein bestimmtes Licht zu rücken.

Der Witz an der Geschichte: du hast den falschen „Schwarzen Feder“ nicht so verstanden, wie er verstanden werden wollte: nämlich dass ich vermeintlich mit „Wikipedia-Faschisten“ Wikipedia-Admins meinte. Sondern du hast es auf die reale Rechte wie JF und Volkmar Weiss bezogen. Pech für mein Klon.

Schade allerdings, dass ich hier mit dem ersten Beitrag nicht inhaltlich einsteigen kann, sondern direkt auf einen Angriff reagieren muss, bevor ich mich überhaupt zu Wort meldete.

L.G. – Schwarze Feder

Liebe Schwarze Feder, wir werden den o.g. Fake als Fake markieren.
Brummfuss (unterpigmentiert) 08. Juli 2009 um 23:53 Uhr

Der Beitrag arbeitet gut heraus, worin das eigentliche Problem liegt und warum es wirklich so schwer ist, nicht-rassistische und gleichberechtigte Artikel zu schreiben – oder dieses Problem dem durchschnittlichen „Administrator“ zu vermitteln. Im weiteren Sinne, insbesondere der Abschnitt „Was kann ich machen…“ legt er auch gut dar, wo das Problem mit der „deutschen Wikipedia“ (darauf legen man Wert: „deutschsprachige Wikipedia“ nennt sie sich) ist, und warum diese sich nicht zu einer echten Enzyklopädie entwickeln wird können, sondern in Teilen sich im Sinne von Bildung, Aufklärung und Emanzipation sogar eher schädlich sein wird.

Der Text wäre sehr gut als Grundlage für entsprechende Bearbeitungshilfen in der WP und vielleicht sogar als Grundsatz verwendbar, aber ich bin bei dem Niveau der de.WP wenig optimistisch, dass das Erfolg haben könnte.
Jay 09. Juli 2009 um 9:35 Uhr

Hiho.

Schöner Artikel. Werde ihn bei Gelegenheit Menschen empfehlen, die sich unabsichtlich sexistisch äußern und/oder nicht verstehen, was Sexismus im Alltag bedeutet. Finde man kann deinen Artikel auch prima auf dieses Thema anwenden.

Ansonsten würde ich mich gerne „Nur nochmal nachgefragt“s Frage anschließen, da ich das auch noch nicht verstanden habe.
Fake 09. Juli 2009 um 10:20 Uhr

Dieser Beitrag war nachvollziehbar ein Fake und wurde gelöscht.
andrax 10. Juli 2009 um 9:16 Uhr

@Nur nochmal nachgefragt
Zur Schreibweise: Schwarz / weiß …

Darauf kann ich tausend Antworten geben. Eigentliche Antworten kann ich aber nur auf ein formuliertes Problem geben. Wo liegt genau das Problem?

Reichen folgende Antworten?

* Das sind die akademisch korrekten Schreibweisen. Warum sollte bei diesem Thema diese Antwort nicht reichen?
Auf der angesprochenen Fachtagung, bei der es ja explizit um Rassismus, Wissen, Wissenschaft, Universität (sie Link oben) ging, waren diese Schreibweisen Standard. Verwiesen wird dabei vor allem auf das Standardwerke Mythen, Masken, Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland; Plantation Memories; AfrikaBilder; Afrika und die deutsche Sprache; auf Wissenschaftler_innen wie Grada Kilomba, Susan Arndt (Sie die oben angegebene Literatur) … sowie auf die politischen Debatten in den Communitys.

* Mir fällt zu der Frage eine Antwort von Philipp Khabo Köpsell von der Rap/Poetry Formation „New Night Babies“ und der „Blaque ReinneCarnation“ auf Fragen zum alltäglichen Rassismus bei Weißen dazu ein:
„tolerate confusion“ – d.h., wenn wir Weiße mit der Perspektive von People of Color konfrontiert werden, sind wir verunsichert. Es ist dann entscheidend, was wir mit dieser Verunsicherung anfangen. Besonders „tolerante“ Weiße reagieren auf Confusion, sehr schnell mit fiesen Formen des Rassismus..

* Eine ganz einfache Antwort wäre:
Weil es bei der Benennung nie um die Hautfarbe geht, aber sehr wohl darum, was die sprachliche Markierung von Menschen anhand körperlicher Merkmale mit Rassismus zu tun hat.

Ich denke, es ist also nicht uninteressant, wenn wir uns fragen, wann wir bei akademisch vorgegebenen Schreibweisen den Expert_innen plötzlich nicht mehr trauen und wann wir akademische Schreibweisen völlig unhinterfragt übernehmen.
Nur nochmal nachgefragt 10. Juli 2009 um 16:21 Uhr

Die Antwort „Das sind die akademisch korrekten Schreibweisen“ und „Auf der angesprochenen Fachtagung, bei der es ja explizit um Rassismus, Wissen, Wissenschaft, Universität (sie Link oben) ging, waren diese Schreibweisen Standard.“ finde ich ehrlich gesagt wenig befriedigend. Das kann nämlich auch bedeuten, dass jemand im akademischen Bereich diese Schreibweise für korrekt *hält* und gerade dabei ist, sie als „akademisch korrekt“ zu etablieren. Auch die im Text enthaltene Begründung, die eine Schreibweise sei „eine politisch gewählte Selbstbezeichnung“ und die andere „eine kritisch gemeinte Konstruktion … und keine rassistische Beschreibung“, sind wenig überzeugend. Ketzerisch gefragt: Warum kann nicht, wenn „es bei der Benennung nie um die Hautfarbe geht, aber sehr wohl darum, was die sprachliche Markierung von Menschen anhand körperlicher Merkmale mit Rassismus zu tun hat“, nicht in beiden Fällen eine im Schriftbild identische „kritisch gemeinte Konstruktion“ verwendet werden?

Es sollte doch eine nachvollziehbare Begründung dafür geben, warum für schwarze und für weiße Menschen unterschiedliche Schreibweisen verwendet werden sollen. Ehrlich gesagt kann ich nämlich nicht erkennen, was an den im Text vorgeschlagenen Schreibweisen anti-rassistisch sein soll bzw. wodurch diese Schreibweisen irgendwie dazu beitragen, Rassismus in Schrift und Sprache zu beseitigen. Überspitzt gesagt liesse sich doch sogar im Gegenteil behaupten, dass durch unterschiedliche Schreibweisen die unterschiedliche Wahrnehmung der beiden betroffenen Menschengruppen weiter erhalten bleibt. Verweise auf schwarze Menschen groß zu schreiben und Verweise auf weiße Menschen klein aber kursiv, impliziert doch im Schriftbild, dass die einen anders seien als die anderen.
Nur nochmal nachgefragt 10. Juli 2009 um 16:29 Uhr

Und als Nachtrag meine Antwort auf die Frage, „wann wir bei akademisch vorgegebenen Schreibweisen den Expert_innen plötzlich nicht mehr trauen und wann wir akademische Schreibweisen völlig unhinterfragt übernehmen“:

Ich hinterfrage diese „akademisch vorgegebenen Schreibweisen“ (und traue in diesem Punkt nicht den entsprechenden Experten), weil keine nachvollziehbare Begründung angegeben ist für etwas,

-was meinem eigenen Sprach- und Schreibgefühl widerspricht,

-was im alltäglichen Schriftverkehr nicht nicht mal in Publikationen wie den linken Tageszeitungen, die ich kenne und die ich für antirassistisch halte, zu finden ist

-was, wie schon erwähnt, zumindestens teilweise den Regeln der Grammatik der deutschen Sprache widersprich.
andrax 13. Juli 2009 um 14:55 Uhr

@Nur nochmal nachgefragt

Was sind dann eigentlich deine Probleme? Ich höre kein Wort dazu, ob Rassismus und Sprache für dich ein Problem darstellen.

Die Sozilogin Judith H. Katz fragt ja eben: „Fragen Sie sich: Wenn diese Gesellschaft rassistisch ist … Welche Gruppen gäbe es dann? Wer dürfte was und wer dürfte was nicht?“ (s. im Beitrag)

Nach deinem Statement sind auch weiße (du hast das nicht erwähnt) „antirassistische“ Medien nicht rassistisch, wenn sie sich bei ihrer Schreibweise an einer von Weißen konstruierten Norm orientieren.

Also: Gleichbehandlungen sind je nach Position derer, die andere „gleich behandeln“ völlig unterschiedliche Handlungen.

Du forderst eine „Gleichbehandlung“ bei der Schreibweise. Du hinterfragst dann aber nicht mehr, ob wir in einer Gesellschaft leben, in der alle alle anderen gleichbehandlen. Aus der Sicht einer weißen Norm – das ist eines ihrer Markenzeichen – bestimmt diese Perspektive immer universell, was objektiv ist und universell ist. (Vgl. Grada Kilomba: Plantation Memories. Episodes of Everyday Racism. Aus der Rezension „…Kilomba bezeichnet dies als Abwehrstrategie, die einem wiederkehrenden Muster gehorcht: Rassismus wird als ein persönliches Problem des Schwarzen Subjektes umzudeuten versucht, und das Weiße Subjekt leugnet seine Verantwortung, erneut eine koloniale Szenerie aufgeführt zu haben.“)

Die Tatsache, dass du nicht mehr über unterschiedliche Erfahrungen von Menschen in einer rassistischen Gesellschaft redest, sondern diese Unterschiede sprachlich einebnen möchtest („Gleichbehandeln“), obwohl es darum geht, wie Rassismus durch Sprache Menschen verletzt und ausblendet, deutet daraufhin, dass du dieses weiße Privileg (“ Wer dürfte was und wer dürfte was nicht?“) aus einer weißen Norm heraus verteidigen möchtest. Ein Gespräch über Rassismus macht aber nur Sinn, wenn man seine eigene Position in einer rassistischen Gesellschaft kritisch reflektiert und seine Position auch benennt und Konsequenzen daraus zieht. Abwehr, durch vermeintliche „Objektivität“ („Gleichbehandlung“) dient aber dazu, rassistische Erfahrungen der anderen Gruppe auszublenden. Weiße – eben auch antirassistische Weiße können sich den Luxus erlauben, Rassismus auszublenden. Andere Gruppen sollten auch das Recht dazu haben, aber sie haben in einer rassistischen Gesellschaft – zu der auch eine rassistische Sprache gehört – noch nicht einmal die Wahl Rassismus auszublenden. Sie werden alltäglich damit konfrontiert. Und sei es dadurch, dass sie in einer antirassistischen Zeitung über „objektive“ Schreibweisen belehrt werden.
Nur nochmal nachgefragt 13. Juli 2009 um 16:43 Uhr

Ich kann ehrlich gesagt bis zu dem Punkt folgen, dass eine Schreibweise von „Weiße“ oder „weiße Menschen“ in kursiv oder Anführungszeichen oder einer anderen Form der Hervorhebung dazu beiträgt, von einer unreflektierten und je nach Perspektive als rassistisch empfundenen Beschreibung über das körperliche Merkmal Hautfarbe zu einer kritisch gemeinten Abstraktion zu kommen.

So weit, so gut.

Mein Problem beginnt an dem Punkt, dass dies nur für „Weiße“, aber nicht für „Schwarze“ gelten soll, für die stattdessen eine politisch gewählte Selbstbezeichnung zu verwenden ist. Deshalb nochmal die Frage:

Was ware falsch/ schlecht(er)/ rassistisch daran, in beiden Fällen eine im Schriftbild identische „kritisch gemeinte Konstruktion“ zu verwenden, beispielsweise „Weiße“ und „Schwarze“ oder „weiße Menschen“ und „schwarze Menschen“ gleichermaßen kursiv oder in Anführungszeichen zu schreiben?

Es wäre hilfreich für mein Verständnis, wenn Du die Antwort ohne weitere Ausführungen nur auf diese Frage beschränken würdest:

Es wäre falsch/ schlecht(er)/ rassistisch (unzutreffendes bitte streichen), weil …
andrax 13. Juli 2009 um 17:58 Uhr

Daran sehe ich nichts Falsches. Mir wäre beim Lesen allerdings nicht unbedingt nachvollziehbar, warum eine Hervorhebung von „schwarz“ der selbstbestimmten Schreibweise Schwarz vorgezogen wird. „Weiße“ in Anführungsstriche zu setzen, passt allerdings zu dem weißen Phänomen, zwar alles aus der weißen Perspektive zu betrachten, aber diese spezielle, dominante und als Norm konstruierte Perspektive nicht beim Namen nennen zu wollen. Es ließe sich so lesen: „Eigentlich gibt es ja keine Hautfarben, deshalb ist es konsequent, auch weiß sprachlich nicht zu benennen.“ Deine Schreibweise wäre also dann sicher rassistisch konnotiert, wenn es dem Schreiber darum geht, mit dieser Schreibweise eine nicht vorhandene gesellschaftliche Gleichheit zu behaupten. Solange es Rassismus gibt, werden wir wohl mit eindeutigen Schreibweisen leben müssen, die auf die rassistischen Verhältnisse hinweisen und sie nicht durch eine Pseudo-Gleichheit verleugnen. Wie denkst du, mit welcher Schreibweise man dem Problem des realexistierenden Rassismus gerecht wird? Wer könnte Experte für die Beantwortung dieser Frage sein? Was motiviert Weiße in einer rassistischen Gesellschaft, ihre eigene Position möglichst unbenannt, farblos und nicht angreifbar zu halten?
Hybscher 14. Juli 2009 um 9:30 Uhr

Andrax, antworte doch nicht auf Nur noch mal nachgefragt, das ist doch sowieso Rosa Liebknecht. Und vielen Dank für deine Stimme bei meiner Adminwahl. Ich sehe, wer meine Freunde sind. Venceremos, Hybscher
andrax 14. Juli 2009 um 10:18 Uhr

@Hybscher

vielleicht, damit es nicht nur für Insider verständlich ist, was du damit meinst:
Rosa Liebknecht. – Es ist aus den leidvollen Erfahrungen nachvollziehbar, dass du „Mal nachgefragt“ mit der Person in der Wikipedia verbindest, die wohl wie auch einige andere dafür steht, „links anzutäuschen und dann zuzuschlagen …“ (Rosa Liebknecht Zoo). „Rosa Liebknecht“ steht aber nicht nur für extrem rechte „User“ in der Wikipedia, die sich dadurch tarnen, dass sie sich lange nicht positionieren, sondern die scheinbare „Neutralität“ von Wikipedia dazu missbrauchen, um z.B. Rassismen zu relativieren. Aber damit entsprechen sie auch dem ganz normalen Erscheinungsbild des Alltagsrassismus und finden über Jahre Gehör, gerade auch bei Administratoren, die zu jung sind oder ganz einfach gerne Checker spielen, aber sich nicht auf inhaltliche Auseinandersetzungen einlassen können. Vor diesem Hintergrund geht an „Mal nachgefragt“ die Bitte, sich zu positionieren. Denn eine Auseinandersetzung um Rassismus in der Wikipedia kann nur gelingen, wenn die Beteiligten auch deutlich machen, ob und wie sie mit ihrem Statement etwas gegen Rassismus beitragen wollen.
Nur nochmal nachgefragt 15. Juli 2009 um 22:24 Uhr

@Andrax:

Wie verträgt sich „Daran sehe ich nichts Falsches“ mit dem Statement „Solange es noch Rassismus gibt, sind nur zwei Worte akzeptabel und „akademisch korrekt““ in Deinem Text?

Und was erwartest Du an Positionierung? Die Aussage, dass ich Rassismus in jeder Form doof finde und rundrum ablehne? Ich finde Rassismus in der Tat doof und lehne ihn rundrum ab. Reicht das? Ich sehe nur nicht, wie die von Dir vorgeschlagenen Schreibweisen in akademischen, enzyklopädischen, journalistischen, politischen oder wie auch immer inhaltlich gearteten Texten zur Vermeidung oder Verringerung von Rassismus in Sprache und Schrift beitragen.

@Hybscher: Der erste Versuch ist sowas von falsch, aber zwei haste noch :) .
andrax 20. Juli 2009 um 18:22 Uhr

@“Nur nochmal nachgefragt“

Erbsenzählen und dein lapidares Lippenbekenntnis, aber kein eingehen auf gestellte Fragen, sorry das reicht nicht für ein ernsthaftes Gespräch über Rassismus in der Wikipedia. Ich verstehe deine Haltung als einen Versuch, den Rassismus in der Wikipedia weiter abzusichern.
Rosenkohl 20. Juli 2009 um 23:14 Uhr

Hallo Herr Andrax,

danke für Deinen ausführlichen Text. Zunächst einmal teile ich das Anliegen, daß die Artikel in der Wikipedia von einem nicht rassistischen Standpunkt aus verfaßt werden müßen. Beispiele fallen mir auch eine ganze Liste ein, Dein Text mag zu einem Anlaß werden, innerhalb Wikipedia auf Änderungen hinzuwirken.

Habe aus diesem Anlaß noch einmal den Artikel http://www.redaktion-bahamas.org/auswahl/web56-2.htm „Autobiography of an Ex-White Man, Warum Rasse keine gesellschaftliche Konstruktion“ ist von Walter Benn Michaels aus bahamas 56/2008 angeschaut, der eine Gegenposition einnimmt. Michaels lehnt die Rede von der gesellschaftlichen Konstruktion der Rassen ab. Er schreibt:

„In einer sehr berühmten Passage der „Überlegungen zur Judenfrage“ sagt Sartre, „die Präsenz eines Jüdischseins in ihm, eines jüdischen Prinzips analog zu Phlogiston“ mache den Juden in den Augen des Antisemiten zum Juden. Als die Menschen jedoch aufhörten daran zu glauben, dass Phlogiston in der Natur vorkomme, begannen sie nicht etwa zu glauben, Phlogiston sei eine gesellschaftliche Konstruktion. Das soll nur soviel besagen, dass mit der Behauptung, es gebe keine Rassen in der Natur – Rasse aber eine gesellschaftliche Konstruktion sei – gerade nicht bestritten wird, dass es so etwas wie Rasse gibt; damit soll lediglich eine bessere Erklärung geliefert werden, was Rasse tatsächlich ist.“

Ich kann diesen Einwänden von Michaels etwas abgewinnen. Eine politische Organisation und Eintreten gegen den Alltagsrassismus halte ich zwar auch für dringlich. In http://de.wikipedia.org/wiki/People_of_Colour steht: „ist ein positiv verwendeter Begriff, mit dem sich Menschen selbst bezeichnen, die von einer Mehrheitsgesellschaft als nicht-weiß gelten.“ Aber durch eine Verwendung von „Schwarz“ als politischer Selbstbezeichnung geschieht doch wieder eine Subjektivierung von Rasse, ohne daß Rasse als Kategorie in Frage gestellt wird! Davon unbenommen hat jedes Individuum die Möglichkeit, sich als schwarz zu betrachten, in der Kirche zu beten oder in den Puff zu gehen. Zudem: Wenn es z.B. in Deutschland eine „Schwarz-Partei“ geben würde, wie kann man dann noch politische die Etablierung eine suprematistischen „Weiß-Partei“ verhindern?

Du schreibst etwas von einem „weißen“ Betriebssytem, das deinstalliert werden soll. Man muß meines Erachtens darauf achten, daß so eine „Uminstallation“ nicht auf eine Änderung der Identitäten der einzelnen Individuen abzielt, vielmehr tatsächlich zu einer „Betriebs“weiten Verbreitung der Erkenntnis führt, daß es keine Rassen gibt. Einer Änderung auf rein sprachlich-grammatisch-typographischer Ebene demgegenüber kann ich, übrigens ähnlich wie im Fall der von Hubertl angesprochenen Frage der * und † Zeichen für Lebensdaten wenig abgewinnen.

Gruß
Hybscher 21. Juli 2009 um 15:41 Uhr

@Nur noch mal Nachgefragt: Bist du MARK oder Fossa?
andrax 23. Juli 2009 um 2:12 Uhr

Lieber @Rosenkohl,

hab herzlichen Dank für deine Reaktion und deine Fragen!

Mit Benn Michaels bin ich völlig d‘accord! (Nur schade, oder erwartbar, dass die ba-hamas, den Text schon mit ihrer Einleitung in bekannter populistischer Art missbraucht. Das erinnert mich an die unsäglichen Versuche von rechts den pc-Diskurs aus den Vereinigten Staaten hier in Deutschland zu implementieren. An dieser Stelle Grüße an die bahamas: Solidarität mit Israel! Aber unbedingt mit ganz Israel! – In der bahamas-Redaktion scheint Israel einfach nur weiß zu sein.) . Michaels kritisiert die Race Traitor (frei übersetzt heißt das „Rassenverräter“). Ihre Forderung nach „Abschaffung des Weißseins“ verkennt völlig die Realität. Meines Wissens ist Ignatiev – der Protagonist der Race Traitor – ein Weißer . Allerdings habe ich noch nirgends gelesen, dass er sich auch als Weißer positioniert. Ich kenne die Debatte auch aus dem oben angeführten Buch zur kritischen (!) Weißseinsforschung: Eggers et. al. „Mythen, Masken, Subjekte“. Dort – in der kritischen Weißseinsforschung – wird eine ganz ähnliche Kritik an allen Formen der Ontologisierung und Essentialisierung vorgenommen. Gerade auch an die Formen, wie Race Traitor sie vornimmt. Bei Gelegenheit kann ich – oder jemand anderes? – sie gerne noch ausführen. Heute – zu so später Stunde – nur soviel. Grob gesprochen bestehen zwischen Ignatiev und den hier diskutierenden „@mal nachgefragt“ (siehe oben) keine ideologischen Unterschiede, auch wenn „@mal nachgefragt“ ganz offensichtlich nicht die Motivation hat, seine „Rasse“ zu verraten. Die gemeinsame ideologische Grundlage ist jedoch die Vorstellung von Essenz, von etwas Wesenhaften – seine Vorstellungen von einer „richtigen“ Schreibweise rekurriert deshalb auch immer auf die Hautfarbe. Diesen Essentialismus greift Prof. Michels auf und kritisiert ihn wunderbar. Worüber ich geschrieben habe, ist allerdings eine Gesellschaftliche Norm: das „Weißsein“. Diese Norm wird zwar von Weißen kaum wahrgenommen, aber sie bestimmt dominant die Diskurse. Diese Norm führt auch zu bestimmten Handlungen, zur Rassifizierung von Menschen. Michaels sagt ganz richtig, es gibt kein Weißsein. Nicht als Kategorie. Genauso wenig wie es „Rassen“ gibt. Die Tatsache jedoch, auf der es ankommt, ist die, dass durch die Vorstellung – es gäbe „Rasse“ – getötet und wie im Fall von Marwa El-Sherbini, gemordet wird. Dieses Konstrukt ist ein Konstrukt und zwar basierend auf einen Irrtum, wenn wir mit Michaels oder mit Sartre sprechen wollen [Hier gibt es durchaus Kritik ]. (Die Diskussion, um Konstrukt / Irrtum … müssen wir noch extra führen. Wenn ein Architekt ein Haus konstruiert, plant … dann ist sein Handeln genauso Handeln und sein Produkt das Haus, genauso ein Produkt wie das des handelnden Mörders, der aufgrund seines rassistischen „Plans“ / „Wissens“ einen Menschen ermordet. Diskurse, Konstrukte … werden gerade auch in der Linken oft gar nicht als etwas Materielles begriffen. Diskurse sind jedoch „Materialitäten 1. Grades“, Jürgen Link. Und das „Wissen“ für den Hausbau, ebenso wie das „Wissen“ für den Rassismus, das ist geschichtlich und eben gesellschaftlich produziert worden.) Die Tatsache, dass derjenige, der die angegriffene Frau schützen wollte und den Nazi abwehren wollte, nicht den Normen des Weißseins entsprach, führte offenbar dazu, dass der Polizist nicht den weißen Angreifer für den Terroristen hielt, sondern eben den Mann der Ermordeten. Was konstruiert sich (oder irrt) da im Kopf des Polizisten und in dem Kopf des rassistischen Mörders, der Marwa El-Sherbini angriff? Welche Normen spielten für ihre Wahrnehmungen eine Rolle? Um das zu untersuchen, ging die Schwarze Rassismusforschung dahin, nicht immer – wie es weiße Expert_innen noch heute vielfach tun – Schwarze Menschen / People of Color als Objekte der Untersuchung zu nehmen, sondern sie gingen dazu über das Problem bei den Weißen zu suchen. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Michaels das ebenfalls gelingt.

Dann noch mal die Preisfrage: Warum ist die korrekte akademische Schreibweise Schwarze Menschen und weiße Menschen? Wurde diese Schreibweise gewählt, weil es eben nicht um die Hautfarbe geht (antiessentialistisch), oder weil es doch um die Hautfarbe geht (essentialistisch)? Soll damit ein Irrtum ausgeräumt werden, oder folgt die Schreibweise einem Irrtum? Geht es darum Identitäten (vgl. Michaels) festzuschreiben? Und wer identifiziert (wann?) wen mit welchen Konsequenzen? Wer muss mit welchen Identifizierungen leben und warum können Weiße sich das Privileg leisten, nicht einer Identifizierung ausgesetzt zu werden? Wurden wir als Weiße (denke das ist in dieser bisherigen Diskussion so) an der Grenze nach Holland in den letzten Jahren mal nach dem Pass gefragt? – Ich dachte, dass ich mich in dem Text dazu klar geäußert habe. Ich denke aber, dass es auch eine Frage ist, die sich jeder selbst beantworten muss, weil die Antwort darauf sehr viel mit dem Verständnis von der Kritik an weißen Normen zu tun hat.

So weit für heute Nacht & Grüße, andrax

p.s. – zu dem Betriebssystem. ja, nein klar. Analogien sind immer etwas konstruiert. (Das wird mir aber heute Nacht zu philosophisch)

p.p.s. – im Grunde ist das Thema wie alle gesellschaftlichen Themen ganz einfach: Wenn ich jemanden verletze – oder auch nur sehe, dass jemand verletzt wurde, dann ist die Frage, ob und wie ich darauf reagiere. So ist es auch mit unseren rassistischen Artikeln. Wir können wissen, warum wir dort in der Wikipedia eine fast außschließlich weiße Männergesellschaft sind, und warum sich alle anderen bei der Arbeit und bei der Lektüre entsetzlich unwohl fühlen. Das kritische anzugehen, wäre schon die ganze Theorieleistung, die notwendig wäre.
Nur nochmal nachgefragt 24. Juli 2009 um 0:56 Uhr

@Andrax: Könntest Du vielleicht mal kurz herausstellen, auf welche konkreten Fragen Deinerseits ich nicht eingegangen bin? Sich mit „lapidares Lippenbekenntnis“ und „Ich verstehe deine Haltung als einen Versuch, den Rassismus in der Wikipedia weiter abzusichern“ aus der Affäre ziehen zu wollen finde ich jetzt ehrlich gesagt etwas billig. Zumal Du damit einer konkreten Frage meinerseits ausweichst, nämlich meiner Nachfrage zu einem Widerspruch zwischen Deinem Eingangstext und Deinen späteren Erläuterungen. Zumindestens sehe ich einen solchen, wie in meinem vorherigen Beitrag dargestellt, aber möglicherweise kannst Du diesen ja auch aufklären.

Welche Schreibweise ich für richtig, angemessen bzw. akzeptabel halte, sollte mittlerweile klar sein: Sowohl „weiß“ als auch „schwarz“ in Anführungszeichen oder kursiv geschrieben. Womit ich ein Problem habe, ist die Großschreibung des Wortes „schwarz“ bei Verwendung als Adjektiv in der Form „Schwarze Menschen“. Das mögen einige Rassismusforscher unter den Soziologen für „akademisch korrekt“ halten, Sprachwissenschaftler sehen das mit Sicherheit anders. Womit wir auch bei dem Punkt wären, welche Experten festlegen sollten, welches die korrekte Schreibweise ist (wobei ich angenommen hatte, dass meine diesbezügliche Haltung bereits klar geworden sein sollte):

Die primäre Kompetenz der Soziologen in diesem Punkt, die ich durchaus nicht bestreite, hat dort ihre Grenzen, wo deren Vorschläge mit den Regeln der Grammatik der deutschen Sprache im Widerspruch stehen. Jemandem, dem sich der Sinn dieser als „akademisch korrekt“ bezeichneten Schreibweisen, bzw. deren Nutzen für das propagierte Ziel, nicht erschließt, das Festhalten-wollen an Rassismus in Sprache und Schrift vorzuwerfen, ist sicherlich kein geeignetes Mittel zur Durchsetzung dieser „akademisch korrekten“ Schreibweisen. Oder mal bildlich gesprochen: Ich habe überhaupt nichts gegen Dein Ziel einzuwenden, hinterfrage aber die Wahl Deines Weges. Du wirfst mir deshalb vor, dass ich Dein Ziel ablehne.

@Hybscher: Leider wieder zweimal falsch, und im übrigen sogar völlig auf dem Holzweg. Es wenige Wikipedianer, von denen ich inhaltlich weiter entfernt bin als den drei von Dir genannten.
andrax 24. Juli 2009 um 11:28 Uhr

@Nur nochmal nachgefragt

Du erinnerst dich an den Eingangs-Test von Judith H. Katz?

Soziologin Judith H. Katz (s. oben „Was kann ich machen, wenn ich noch immer nicht weiß, was Rassismus ist?“):

„Schreiben Sie auf ein Blatt Papier eine Liste, wie Sie sich eine rassistische Gesellschaft vorstellen würden. Fragen Sie sich: Wenn diese Gesellschaft rassistisch ist … Welche Gruppen gäbe es dann? Wer dürfte was und wer dürfte was nicht? Wer würde die Entscheidungen treffen? …“

Wie sähe dann eine weiße Sprachwissenschaft aus? Wer würde dort die Entscheidungen treffen? Sprachwissenschaft sollte objektiv forschen und Sprache als ein Produkt der Gesellschaft begreifen können. Wenn – wie du es wünscht – Sprachwissenschaft axiomatisch und dogmatisch sich an weiße Normen orientiert, dann ist sie nicht mehr neutral und objektiv, sondern bestimmt schon bevor sie forscht, was sie nicht erforschen möchte, um am Ende die gewünschten Ergebnisse zu bekommen. Sie wäre dann rassistisch. Sprachwissenschaft kann nicht den anderen Wissenschaften vorschreiben, wie sie sprachlich ihre Inhalte vermittelt. – Es besteht also auch kein Widerspruch zu meiner Antwort, dass dein Vorschlag oben weder falsch noch richtig ist, weil du den Bezugsrahmen offen gelassen hast. Aus der Perspektive eines rassistischen Sprachwissenschaftler, kann man natürlich „falsch“ oder „richtig“ behaupten.

Zur Erinnerung :

„…Würde die rassistische Gesellschaft, die Sie erfinden, selbst zugeben, dass sie rassistisch ist, oder würde sie behaupten, nur alles so zu organisieren, wie es zum Wohl der Öffentlichen Ordnung [Hier bitte Grammatik ergänzen, Anm. andrax] oder einfach „besser“ oder „normal“ sei? …“ (Judith H. Katz)

Hier geht es aber um rassistische Artikel in der Wikipedia und die Frage, warum Wikipedia ein weißer oder Weißer Club geworden ist und welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Dies ist kein weißes Grammatikseminar, das von „fasch“, „richtig“, „besser“ und „normal“ reden mag.

Aber was hast du überhaupt mit dem Thema zu tun? Scheinbar versteht kaum jemand dein Anliegen. Ich kann nicht erkennen, wie, wo und ob du etwas gegen den Rassismus in der Wikipedia unternehmen möchtest. Vielleicht überlegst du es dir und positionierst dich doch. Sicher versteht man dich „besser“, wenn man sich nicht ausmahlen muss, wer da spricht.
Eintragung ins Nichts 24. Juli 2009 um 11:55 Uhr

Nur nochmal nachgefragt, ich denke nicht, dass „die Sprachwissenschaftler_innen“, wie du unterstellst, einem Verständnis von Sprache anhängen, die vielleicht ein_e Deutschlehrer_in mit Verweis auf den Duden hat. Dass sich Sprache verändert ist wohl banal, und beispielsweise die verschiedenen Versuche feministischer Sprachwissenschaftler_innen, Frauen* sprachlich sichtbar zu machen, nehmen regelmäßig Verletzungen der amtlich gesetzten (und damit u. a. auch „weißen“) Rechtschreibung in Kauf. Hier geht es um die Frage, wie mit Sprache bewusst anstatt unbewusst Politik gemacht werden kann, und da ist die Rechtschreibung sicher kein Tabu, da diese ja genauso Teil der unbewussten Sprachpolitik ist, die es aufzubrechen gilt.

Der Vergleich des Umgangs mit von Geschlechtern und Rassen in der Sprache ist meiner Meinung nach interessant. Während es für die Kategorie Rasse kein biologische Basis gibt, gibt es eine kleine Basis für die Kategorie Geschlecht, da trotz vieler meist ignorierter und oft chirurgisch „korrigierter“ Uneindeutigkeiten eine abgrenzbare Definition möglich ist. Wahrscheinlich ist es aber überhaupt nicht sinnvoll, auf biologische Grundlagen einzugehen, da ja in Bezug auf Sprachpolitik die gesellschaftlichen Konstruktionen und Wahrnehmungen relevant sind, nicht die Biologie. Leider kenne ich die verschiedenen Erklärungsmodelle zur Konstruktion von Geschlecht und Rasse nicht gut genug (z. B. performativ oder durch Sprechakte), um jetzt irgendwelche Schlüsse zu wagen.
andrax 24. Juli 2009 um 12:41 Uhr

Warum über Rassismus reden, wenn man Formalismus betreiben kann?

Konkret. Was hat sich trotz Kritik überhaupt getan in der Wikipedia?

2005 stellte das no-racism.netzwerk fest:

„… Des Weiteren existieren in der deutschsprachigen Wikipedia eine Reihe von Artikeln über vermeintliche „Ethnien“, „Rassen“ oder „Volksstämme“, die rassistische Diskurse aus den letzten beiden Jahrhunderten größtenteils unhinterfragt fortschreiben. Auch wenn der Begriff „Rasse“ in der Wikipedia mittlerweile Größtenteils dem Begriff „Ethnie“ weichen musste, bleiben die dahinter stehenden Denkstrukturen die Gleichen. Veranschaulichen lässt sich die Herangehensweise in diesem Bereich anhand der immer noch vorhandenen „Kategorie Ethnie“. Sie dient, so wird es auf der Seite beschrieben, zur Erfassung der „Stämme und Völker dieser Welt“. Zu finden sind dort Artikel wie „Arier“, „Ostgermanische Völker“ sowie weitere Unterteilungen in „Europäische Ethnie“, „Amerikanische Ethnie“ und „Afrikanische Ethnie“. Unter den Letzteren sind auch „die“ amerikanischen UreinwohnerInnen zu finden, welche – wer hätte das gedacht – unter dem von Columbus geprägten Irrtums-Begriff „Indianer“ firmieren müssen. Auf diese Problematik wurde von kritischen Wikipedia-NutzerInnen bereits mehrmals aufmerksam gemacht. Trotzdem entschied sich eine Mehrheit der an dem Artikel Interessierten erst vor kurzem im Rahmen eines Meinungsbildes für die Beibehaltung des Artikeltitels. Argumentiert wurde dort u.a. mit Karl May, der den Begriff „Indianer“ ja so positiv besetzt hätte, dass er heute gar nicht mehr problematisch sei. …“ (Auszug aus Kritik an der deutschsprachigen Wikipedia, 06. Sep 2005)
Nur nochmal nachgefragt 24. Juli 2009 um 15:21 Uhr

@Andrax: Nur damit ich Dich richtig verstehe: Wenn also Soziologen den Sprachwissenschaftlern sagen, dass „schwarz“ als Adjektiv im Kontext „schwarze Menschen“ groß zu schreiben ist, weil es aus Sicht der Rassismusforschung die einzige „akademisch korrekte“ Schreibweise ist, dann haben die Sprachwissenschaftler das so als Ausnahme von der Regel (Kleinschreibung von Adjektiven) zu akzeptieren, weil sie sich andernfalls als „weiße“ Sprachwissenschaftler axiomatisch und dogmatisch an „weißen“ Normen orientieren und damit rassistisch sind? Und wer die Schreibweise „Schwarze Menschen“ als grammatikalisch falsch (und damit z.B. als ungeeignet für enzyklopädische oder journalistische Texte) bezeichnet, ist automatisch ein Rassist bzw. ein rassistischer Sprachwissenschaftler? Ist das soweit eine korrekte Zusammenfassung Deiner Antwort?

Mein Anliegen hier in diesem Blog war es, Deine Vorschläge hinsichtlich Sinnhaftigkeit und Nutzen kritisch zu hinterfragen – wohlgemerkt, nicht hinsichtlich ihrer Zielsetzung. Da Du den Text in der Wikipedia an diversen Stellen verlinkt hast, war ich davon ausgegangen, dass neben Jubelkommentaren auch Kritik erwünscht ist. Ich hatte angenommen, das sowas durchaus willkommen sein könnte, und dass man dafür nicht gleich mit Phrasen wie „Ich verstehe deine Haltung als einen Versuch, den Rassismus in der Wikipedia weiter abzusichern“ abgekanzelt wird. Aber mir geht es bisher fast genau wie Dir: Ich kann zwar irgendwie erkennen, dass Du was gegen Rassismus in Wikipedia-Texten hast (soweit, so gut) und ihn irgendwie beseitigen möchtest (ebenfalls gut). Allein wie Deine Vorschläge dazu beitragen, dieses Ziel zu erreichen, verschliesst sich mir bisher völlig. Insofern verstehe ich *Dein* Anliegen allenfalls ansatzweise. Und weil Du die Worte „axiomatisch“ und „dogmatisch“ verwendet hast: Axiomatisch und dogmatisch finde ich bisher die Behauptung, eine Schreibweise sei „akademisch korrekt“, weil ein paar Rassismusforscher das so festgelegt haben.
andrax 24. Juli 2009 um 16:04 Uhr

@Nur nochmal nachgefragt – zu der akademisch korrekten Schreibweise (Schwarze Menschen … und „Rasse“ in Anführungzeichen, „N-Wort“ …) gibt es für mich hier gar nichts anderes zu sagen, als dass es die akademisch korrekte Schreibweise ist. Ließ einfach selbst die Fachliteratur und greif mich hier nicht dauernd an. Einen guten Überblick über die Literatur habe ich gegeben, du findest ihn aber auch vor allem in dem Buch der meida watch bloggerin und Journalistin Noah Sow. Ihr Buch – Deutschland Schwarz Weiße – ist im mit der Wikipedia eng verbundenen Bertelsmann Verlag erschienen und du kannst es zurzeit auch günstig als Taschenbuch bei Goldmann erwerben. Das wissenschaftliche Standardwerk zur kritischen Weißseinsforschung in Deutschland ist Mythen, Masken, Subjekte von Eggers et. al. – auch dieses Buch ist seit 2005 auf dem Markt und ich kenne keinen grundsätzlichen Abhandlungen über das Thema, in dem nicht auf das Werk hingewiesen wird. Also, tut dir den Gefallen und ließ dort nach, was die korrekte akademische Schreibweise ist. Du kannst auch Seminare und Tagungen besuchen und und und …

Und zur Erinnerung: Wer ist der Experte? Mach doch einfach den Test. Ist doch ganz einfach.

Judith H. Katz – Test:

„Schreiben Sie auf ein Blatt Papier eine Liste, wie Sie sich eine rassistische Gesellschaft vorstellen würden. Fragen Sie sich: Wenn diese Gesellschaft rassistisch ist … Welche Gruppen gäbe es dann? Wer dürfte was und wer dürfte was nicht? Wer würde die Entscheidungen treffen? Wer würde wobei benachteiligt und bevorzugt? … Wer würde bestimmen, welche Inhalte und Zustände offiziell anerkannt werden und welche nicht? Wer müsste wem Rede und Antwort stehen? Welche Gruppe müsste sich vor welcher Gruppe nicht erklären und rechtfertigen? …“

Warum also begibst du dich in der Position, dass man dir wieder und wieder zu erklären habe, was die akademisch korrekte Schreibweise ist?
Nur nochmal nachgefragt 24. Juli 2009 um 17:06 Uhr

Ich denke mal, diese Diskussion führt zu nix Verwertbarem. Wenn Du anderen Dogmatismus vorwirfst, aber offensichtlich nicht erkennst, dass ein Satz wie „zu der akademisch korrekten Schreibweise … gibt es für mich hier gar nichts anderes zu sagen, als dass es die akademisch korrekte Schreibweise ist.“ nichts anderes als ein „Es ist so, weil es so ist“-Dogmatismus in Reinkultur, weiss ich auch nicht mehr, was ich dazu noch schreiben soll.

Normalerweise würde ich das ganze trotz aller unausgeräumten Differenzen mit „Danke, war trotzdem interessant und lehrreich, mit Dir zu diskutieren“ beenden, weil auch eine Diskussion ohne Ergebnis oft zu neuen Erkenntnissen oder Einsichten führt. Das würde in diesem Fall aber nicht der Wahrheit entsprechen. Eher sowas wie „War frustrierend und ernüchternd, mit Dir zu diskutieren“.
andrax 24. Juli 2009 um 20:17 Uhr

@nnn, Deinen Vorschlag, nur ‚grammatikalisch sinnvolle’ Schreibweisen zuzulassen, finde ich ignorant.

Dein Vorschlag würde u.a.

a) wiederum Schwarze Menschen als „schwarze“ Menschen rassifizieren,
b) die Ablehnung von Schwarzen Menschen und People of Color , aufgrund körperlicher Merkmale kategorisiert zu werden, ignorieren,
c) den Fakt einer akademisch korrekten Schreibweise – billigend – abwerten, nur weil sie von Schwarzen Wissenschaftlern erarbeitet, eingefordert und durchgesetzt wurde.

Leider hast du auch keine Argumente angeführt, warum du eine ‚grammatikalisch korrekte’ Schreibweise besser geeignet wäre, weiße Deutungshoheit und die damit verbundenen rassistischen Strukturen zu hinterfragen.

Dabei ist auch noch nicht einmal geklärt, warum Sprachwissenschaftler ein Problem damit haben sollten, gesellschaftlich als für sinnvoll erkannte Schreibweisen zu akzeptieren, zu akzeptieren. @Eintragung im Nichts hat die Offenheit der Sprachwissenschaft für diese Themen angesprochen. Gleichwohl wäre eine rassismuskritische Aufarbeitung der Geschichte deutscher Sprachwissenschaft sinnvoll.

Wir in der Wikipedia können uns jedoch frei entscheiden, ob wir rassistischen Schreibweisen Vorrang geben wollen, vor – immerhin – „akademisch korrekten“ Schreibweisen.
Arcy 24. Juli 2009 um 22:41 Uhr

Es ist schon merkwürdig wie sicher dein Urteil einerseits ist und wie Du aber gerade im Hinblick auf die Wikipedia unbestimmt schwammig das mögliche (unbelegt!) Löschen deines Beitrages als erstes Statement einsetzt. Wo kamen also entsprechende Löschungen solcher Beiträge in der WP schon einmal vor? – Arcy
Simplicius 25. Juli 2009 um 3:26 Uhr

Zum Begriff „Ethnie“ im Sinne von eigener Sprache, Kultur und Geschichte: es gibt weltweit gut 210 Staaten, die anerkannt sind oder de facto existieren, aber laut National Geographic 2005 immerhin 6.912 Sprachen, die aktiv genutzt werden.

Der Begriff „Ethnie“ kann positiv konnotiert sein, als etwas, das man beschützen sollte, oder auch negativ als etwas, was zu Interessenskonflikten, Vorurteilen, Separatismus und Progrom führt.

Die Begriffe „Genozid“ und „Ethnozid“ laufen etwas parallel nebeneinander, weil es Raphael Lemkin aufgrund des Widerstands der Sowjetunion nicht gelang, auch die Vertreibung unter dem Begriff „Genozid“ subsummieren zu lassen.

Zum Rassismus zähle ich die Vorstellung bzw. Behauptung, Wesenszüge seien angeboren, und es gebe höherwertige Kulturmerkmale und höherwertige genetische Merkmale. Es ist eine pseudowissenschaftliche Fortschreibung der Angst vor dem/den Fremden.

Ich sehe daher die Fronten nicht allein zwischen „weiß“ und „schwarz“. Es mag auch Teil der eigenen Prägung zu sein, dass man die Dinge lieber einfacher hätte, als sie sind.

Simplicius
Rosenkohl 25. Juli 2009 um 13:39 Uhr

(nur nochmal nachgefragt, warst Du früher in Fürth und jetzt in Berlin, und sind Zitronenfalter Deine Lieblingsschmetterlinge?)

Herr Andrax

Michaels hat in dem Aufsatz von 1997 an Ignatievs Projekt des Rassenverrates kritisiert, daß es Rasse wie Klasse verhandele, also „Klasse in Rasse, d.h. die Beziehung zu den Produktionsmitteln in eine Identität und die Abschaffung des Privateigentums in die Abschaffung des Weißseins“ verwandele.
Übrigens erstreckt sich diese Kritik von Michaels auch auf den Wahlkampf der Demokraten, siehe http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2008/jun/11/uselections2008.useconomicgrowth . Den Kommentar beendet Michaels, indem er der Politik die von Martin Luther King formulierte Forderung nach Verteilungsgerechtigkeit anempfiehlt.
Es erhebet sich allerdings die Frage: Geht Ignatiev das Problem des Rassismus nicht auf eine direkte, konkrete Weise an, und hat er darin nicht auch recht?
Habe ein Interview von 1996 mit Ignatiev angesehen (http://www.pariahnt.org/downloads/zmagitvw.pdf, es ist auch über den Google-Viewer lesbar).

Igantiev nennt als rassistische Strukturen das Schulsystem, welches die Kinder, auf der Grundlage vorgeblich objektiver fairer aber in Wirklichkeit rassistischer Tests auf verschiedene Karrieren vorbereite, und dabei Schwarzen die niedrigeren Berufe (Armee, Gefängnis, Lagerarbeiter) zuweise, weiter die Gewerkschaften, welche in bestimmten qualifizierten Berufszweigen die Vererbung von Arbeitstellen in Industriebetrieben innerhalb einer Familie durchgesetzt hätten, wodurch Schwarze ausgeschlossen würden, schließlich die Gerichte, welche einen überproportionalen Anteil an Schwarzen zu Gefängniskarrieren verurteilen würden, etwa aufgrund laut Ignatiev rassistischer Drogengesetze (Der Besitz von Crack werde schärfer als der von Kokain bestraft). Er spricht von einem priviligierten Club der Weißen, zum Beispiel wenn weiße Polizisten weißen Autofahrern das Bußgeld erlaßen, und fordert die Leute dazu auf, aus diesem System auszutreten, indem sie sich nicht mehr als Weiße bekennen und auf die mit der „Clubmitgliedschaft“ verbundenen Vorteile verzichten.
Als konkrete, unmittelbare Maßnahme sind Ignatievs Vorschläge meines Erachtens einleuchtend. Allerdings hat auch Michaels mit seiner Kritik an Ignatievs Ansatz recht. Zum Beispiel: Wenn Schulen tatsächlich „farbenblind“ werden, dann reproduzieren sie aber nach wie vor bessere Bildungschancen für reiche Kinder; wenn es in einem Betrieb nicht mehr möglich sein wird, die Abeitsplätze von Vater auf Sohn zu vererben, dann ist das System zwar weniger „weiß“, zugleich aber wird Markt und Leistung durchgesetzt.

Du schreibst: „Worüber ich geschrieben habe, ist allerdings eine Gesellschaftliche Norm: das ‚Weißsein‘. Diese Norm wird zwar von Weißen kaum wahrgenommen, aber sie bestimmt dominant die Diskurse. Diese Norm führt auch zu bestimmten Handlungen, zur Rassifizierung von Menschen.“

Es ist zu versuchen, scheint mir, den Status der drei gesellschaftlichen Elemente kapitalistische Produktion, Staat und Rassismus zueinander zu klären. Die materielle Grundlage bildet zunächst die Produktion, welche derzeit kapitalistisch organisiert wird. Auf der Basis dieser kapitalistischen Produktion entsteht der Staat, welcher in relativer Unabhängigkeit vom Kapital besteht, aber gleichzeitig zur Stablisierung des Kapitals beiträgt. Der Staat ist von seinem idealistischen Selbstanspruch her zunächst universalistisch und „farbenblind“. Anders als zu Zeiten des Nationalsozialismus, der Sklaverei oder der Apartheid sind vor dem Gesetz alle Menschen gleichberechtigt, (wobei es immer Abstufungen gibt, etwa zwischen Bürgern und Ausländern). Im staatlichen Sinne ist Weißsein also gerade keine Norm. Der Rassismus kann meines Erachtens nur als Reaktion auf die Auswirkungen der (stetigen, in unterschiedlichen Formen erscheinenden) Krise des Kapitalismus verstanden werden. Der Mörder von Marwa El-Sherbini hatte sich vor der Tat mehrfach gegen Einwanderung positioniert. Bei der Serie von Anschlägen Anfang der neunziger Jahre war es ähnlich: Die sogenannte Wiedervereinigung überdeckte einen Zustand der kapitalistischen Überproduktion, Fabriken in der ehemaligen DDR mußten schließen, die Arbeitskraft der Jugendlichen war entwertet. Um überhaupt in die Gesellschaft einzutreten, eignet sich ein Teil der Jugendlichen reaktionäre Modelle der Vergangenheit neu an. Wenn sie dann eine provokative, rassistische Straftat begehen, richtet sich der Appell direkt an den Staat. Im Falle einer Tataufklärung und Gefängnisstrafe werden sie zumindest körperlich vom Staat aufgenommen und versorgt, samt Märtyrerstatus in der rechten Szene (siehe auch den Hegel-Studenten Horst Mahler). Darüberhinaus ist es ihnen möglich, durch rassistische Anschläge politische Ziele, z.B. Asylrechtsverschärfungen durchzusetzen. Diese Änderungen des Rechtes grenzen zwar faktisch in der Tat Schwarze, Muslime, Asiaten, oder Arme usw. aus. Aber formal bleibt das staatliche Rechtssystem nach wie vor den universellen Menschenrechten verpflichtet.

An der Rede vom „Weißsein als gesellschaftlicher Norm“, welche „die Diskurse dominiert“ möchte ich also kritisieren, daß hier ein zu undifferenziertes Modell zugrunde liegt. Es unterscheidet nicht zwischen Staat und Gesellschaft, und auch nicht zwischen den gültigen Rechtsnormen und den bei einem Teil der Bevölkerung anzutreffenden reaktionären Ideologien (von daher macht meines Erachtens auch der Ausdruck „weißes Israel“ keinen Sinn für einen Staat, der gerade Menschen aus allen Erdteilen und aller Hautfarben Aufnahme bieten möchte).
Der diskurstheoretische Ansatz führt nach meinem Eindruck zu einer psychologisierenden Rekonstruktion (z.B. wird der Rassismus im Kopfe des Mörders von Marwa E-Sherbini verortet), und blendet den gesellschaftlichen Hintergrund aus, daß es sich bei rassistischen Ausfällen auch um staatlich vermittelte Bewältigungsstrategien der kapitalistischen Produktionskrise handelt.

Gruß
andrax 25. Juli 2009 um 17:58 Uhr

Lieber Herr ;) Rosenkohl,

das ist eine guter und intensiver Beitrag. Zum Teil hast du mich missverstanden – ich versuche es aufzuklären –, zum Teil muss ich dir widersprechen. Aber ich war und bin noch mit einer Antwort an Arcy (http://unrastwildcat.blogsport.de/2009/07/23/wie-vermeide-ich-es-rassistische-artikel-zu-schreiben/#comment-107) beschäftigt und möchte mir auch für eine Antwort noch mehr Zeit nehmen. Nur kurz: „Weißsein“ / „Rasse“ sind natürlich nicht die einzigsten Konzepte, mit denen Menschen versklavt, ausgebeutet, ausgegrenzt, beherrschbar … gemacht werden sollen. Als Identitätskonzepte kommen (ich bleibe mal etwas in der kritischen Weißseinsforschung) auch die Konzepte von Geschlecht und Klasse hinzu. (Jetzt wechsele ich zu speziellen Formen der Kritik – z.B. Foucault) Der Staat ist in dem ganzen Geflechten dieser Konzepte – die auf ihre Formen der Wissensproduktion (Diskurse) basieren – eine sehr wesentliche Institution. Aber aus der linken Kritik am Stalinismus und dem Marxismus-Leninismus … ist ja gerade das Bewusstsein entstanden, dass es Produktionsmittel (salopp mein Begriff) von Macht gibt, die noch über den Staat stehen, und nicht nur ihn mit Macht/Wissen (andere Kritiken sprechen von Ideologie etc.) druch ziehen, sondern selbst die einzelen Menschen. Es gibt also nicht nur die Institution Staat, die mit Repression (Racial profiling, Abschiebung, „Ausländer“gesetzen …) Rassismus institutionalisieren, sondern auch die Individuen werden dazu gezwungen sich mit „herrschenden“ Konzepten von „Weißsein“, Geschlecht, Klasse … zu identifizieren: das Individuum wird Subjekt. Und als konstruiertes Subjekt (Identifizierung mit einem Konzept: „Admin sein“, „Deutsch sein“, „Mann sein“, „Frau sein“ …) verinnerlichen wir selbst Herrschaftstechniken, die in keinem Gesetzbuch stehen müssen: „Wenn ich krank werde, dann bin ich selbst schuld, ich hätte ja bei meinem harten Job ausreichend Sport treiben müssen“. Diese machterhaltende Selbsttechnik funktionier z.B. nach dem neoliberalen Konzept „Prävention“, dass das Denken der Menschen von anderen Ursachen ihrer angeschlagenen Gesundheit ablenkt: die Arbeitsbedingungen, die Umweltverschmutzung … – statt etwas gegen diese Ursachen zu wehren, lassen sich die Leute durch die Anti-Raucher-Kampagne ein schlechtes oder eben gutes Gewissen abholen. Es wirkt. Subjektkonstruktion durch Identitätspolitik spielt jedoch beim strukturellen Rassismus (z.B. wenn man die Gesellschaft anhand der Norm „Weißsein“ analysiert) eine große Rolle. – Auf das Thema können wir auch später noch in der Theorie kommen. „Israel …“ – ja, sehe ich genauso – wollte das ja auch damit ausdrücken. Umgekehrt, es war eine Kritik an Farbenblinde in der ba-hamas und anderen extrem Weiß genormten Positionen. — hm, nochmals kurz zu staat/klasse/bewusstsein … gibt es und gab es in Kuba, der DDR, der SU keinen Rassismus und Antisemitismus? Okay. Gibt es keinen Rassismus bei Linken oder Antirassisten …? Doch, den gibt es (siehe folgenden Beitrag).

Bis bald, vielleicht beteiligen sich ja noch mehr an dieser interessanten Diskussion.

Grüße, a.
– bitte nicht alle Begriffe in diesem Beitrag auf die Goldwage legen, dazu ist er zu husch-husch geschrieben worden -
andrax 25. Juli 2009 um 18:01 Uhr

@Arcy
„Wo kamen also entsprechende Löschungen solcher Beiträge in der WP schon einmal vor?“

zu: dem 1. Kommentar

Die Löschung solcher Beiträge und vor allem ihre Abwehr sind Legion. Zu nächst, haben solche Beiträge eine Chance und wo nicht? Wo gehören sie hin und wo landen sie?

Rassismus in der Wikipedia betrachte ich als ein grundlegendes Problem, dass letztlich alle in diesem Projekt auf ihre Weise betrifft. Aber wir hatten schon viele grundsätzliche Themen (z.B. Autorenrechte, Arbeitsklima, Undemokratische Umgangsformen …), für die es letztlich keinen angemessenen Ort gab. Die Strukturen dafür fehlen. Wichtige Themen werden z.B. auf der so genannten Seite für Adminnotizen diskutiert und entschieden. Der Ort ist wegen der zugespitzten Machtsituation dort ungünstig, wurde aber schon häufig zur Anlaufadresse für grundsätzliche Probleme. Ich kenne keinen Beitrag, der ans Eingemachte geht und dort länger überlebt hätte. Das Diskussionsverbot wurde dort unter Strafandrohung regelmäßig mit formalistischen Begründungen abgewürgt. „EOD – Sonst Sperre …“

Deshalb muss man sich Nischen für solche Beiträge suchen. Dort gehören sie aber letztlich nicht und sicher sind sie dort auch nicht. Ein Beispiel, von dem ich extrem betroffen war:

* [ Der Diderot-Club]
Der Club war ein wichtige Anlaufadresse für Kritiken und grundsätzliche Fragen aller Art, konnte aber nur im quasi privaten Raum einer privaten Nutzerseite eingerichtet werden. Die Diskussionen dort konnten so natürlich nach belieben ignoriert werden.
Trotzdem musst der Diderot-Club sich gegen zwei heftig geführte Löschanträge, eine unbeschränkte Löschung, einer komplett Leerung sowie eine Schließung vom 27.1.2009 bis zum 9.5.2009 wehren. Diese Demonstration der Verfügungsgewalt seitens der Administration (es sind Hunderte, die sich beständig gegenseitig ihrer Privilegien versichern, in dem sie im Kollektiv jegliche Widersprüche und Kritik gegenüber ihren Amtskollegen aktiv abbügeln oder dies passiv durch Ignoranz und Wegschauen unterstützen) findet auch im Kleinen ganz alltäglich statt. Wer das einmal erlebt hat, weiß und soll nach dem Wikipedia-System wissen, das unbequeme – ja überhaupt inhaltliche und strukturelle – Themen in der Wikipedia nicht zur Diskussion stehen können.

Aber es geht also gar nicht nur um Löschung. Es geht darum, dass Diskussionen – falls sie überhaupt zugelassen werden – in Nischen vertrieben werden, damit aus ihnen keine Konsequenzen folgen. Es geht darum, dass nach solchen Repressionserfahrungen ohnehin eine Selbstzensur statt findet, will man überhaupt sich noch weiter in der Wikipedia bewegen.

Mit diesem Beitrag hier habe ich mich für einen Neustart der Diskussion quasi im „Exil“ entschieden. Diesen Beitrag im media-watch-blog von unrast zu stellen, entsprach dem Wunsch, vor dem Hintergrund gemachter Erfahrungen frei und ohne Repressalien und Vandalismus eine ernsthafte Diskussion über den Rassismus in der Wikipedia als ein strukturelles Problem zu führen. Ich hätte mir auch andere Orte vorstellen könne: den/das – gram. korrekt – Wikipedia inside blog von günter schuler.

Weitere Gründe, die Diskussion (auch) außerhalb zu führen, sind die folgenden:

Rassismus in den Medien, im Internet von web.2.0, in sozialen-Netzwerken ist nicht allein ein Problem von Wikipedia. Austausch von Erfahrungen und eine Übergreifende Diskussion mit anderen Medienschaffenden halte ich deshalb auch für die Entwicklung der Diskussion in der Wikipedia für sinnvoll.

Des Weiteren wird Rassismus in der Wikipedia nicht als strukturelles Problem begriffen.
Das hat fatale Konsequenzen.

Was ist struktureller Rassismus?
Struktureller Rassismus lässt sich am einfachsten an der Dominanz von „Weißsein“ darstellen. Die Formel heißt: Weiße halten weiße Räume weiß .
Die effektivste Methode ist, alles aus der eigenen weißen Perspektive wahrzunehmen, ohne diesen weiße Hochsitz als eine anmaßende, herrenrechtliche Aussichtsplattform zu benennen. Wenn man in der Position ist, selbst zu bestimmen, was falsch, richtig, wahr, korrekt, akademisch, intelligent, exzellent, schön … ist, dann ist das ein Privileg.
Um dieses Privileg zu verteidigen, wird von weißer Seite seit Jahrhunderten das Privileg nicht beim Namen genannt, sondern behauptet, die eigenen Normen für falsch, wahr, schön, wichtig seien universell, wissenschaftlich, neutral, sachlich, für das Gemeinwohl notwendig und „objektiv“.

Was sind also die Normen in einer weißen Wikipedia?

Die wichtigsten Normen sind „keine Persönlichen Angriffe“ und „Neutralerstandpunkt“ (NPOV).

Beide Normen werden in der Wikipedia extrem weiß gehandhabt.
Beispiel Antirassismus. Wikipedia ist selbstverständlich ein antirassistisches Projekt. Aber es ist ein fast reiner weißer Club. Beides zusammen ist eine ganz fiese Form, Rassismus abzusichern.
Wenn jemanden auffällt, dass ein Artikel nur aus der weißen Perspektive geschrieben wurde (z.B. die vielen romantischen Artikel über exotische „Stämme“, „Mullaten“, „Neger“ oder Afrikaforscher … ), fühlen sich Wikipedianer diffamiert, ausgegrenzt, ja rassistisch angegangen, wenn sie auf ihre rassistischen Artikel und Ausdrücke angesprochen werden. Aus dem schwierigen Versuch, das Problem inhaltlich zu diskutieren, reagieren die für ihre weiße Farbenblindheit Kritisierten schnell mit der Wahrnehmung, sie seien „persönliche Beleidigung“ worden. Es reicht dabei in der Regel schon das Thema Rassismus, Antisemitismus … anzusprechen und als schnelle Abwehr wird der Schluss gezogen, sie als Autoren, als Verteidiger eines „gut geschriebenen“ Artikels, als Adminmalocher für die „alle“ „User“ etc. würden von ihren Kritikern „persönlich beleidigt“, als „Rassiten bezeichnet“, mit Nazis verglichen …

Die von Weißen zum Schutz von Weißen Antirassisten eingeführte Regel: „wer jemanden persönlich beleidigt wird aus der Wikipedia ausgeschlossen“, bewirkt auch genau das, was sie – unbewusst – bezwecken soll: Sie hält die Wikipedia weiß und fern von aller Kritik, die diese – nicht nur – weiße Normen aufrecht erhält.

Also. Wenn ich über Rassismus als strukturelles Problem in der Wikipedia diskutieren möchte, so wird das niemals innerhalb der Wikipedia möglich sein. Bei jeder Formulierung werde ich mir die Frage stellen müssen: „Und? Werde ich gleich missverstanden? Wird der Kritisierte aufgrund meiner Kritik sich in die Pose des als ‚Rassisten beschimpften‘ begeben und damit meine Bestrafung und den Ausschluss aus der Wikipedia fordern?“ – Auf der so genannten „Vandalismus-Seite“ erleben wir täglich diese Dramen. Und Kritiker wie Brummfuss passiert es an jeder Ecke, dass versucht wird, ihre Aussagen so zu verstehen, dass sich daraus der Strick eines „er hat mich Rassist, Nazi …“ genannt wird.
Weiße wie Ulitz, Brummfuss, Jesusfreund … und mir mag so eine Tortour über Jahre gelingen – sie greifen mich niemals existentiell an. Ganz anders stellt sich das Problem für jüdische Autor_innen, People of Color da, Schwarze Wikipedianer_innen … – während ich lediglich Zeuge von Rassismen bin, erleben sie diese.

Passing in der Wikipedia
Wer sich nicht den weißen „Neutralitäts„-Regeln und „Nenn mich nicht Rassist„-Regeln unterwerfen lassen möchte oder unterwerfen kann, wird schnell die harten Konsequenzen des Ausschlusses erfahren oder der wird es aus Selbstschutz vermeiden, sich länger in der Wikipedia aufzuhalten. Für People of Color, Schwule oder Frauen …,
die trotzdem so sehr an der Arbeit in der Wikipedia (z.B. an ihren Themengebieten, in denen sie faktisch aber selten anerkannt die Expert_innen sind) hängen, bleibt nur noch eine
besonders anstrengende Art sich in der Wikipedia zu bewegen übrig: Die Mühle des Passings. D.h., er oder sie versucht sich so zu verhalten,
dass seine / ihre Regelvertöße gegen die weiße – und andere dominante – Normen nicht auffallen. Das geht solange gut, wie er oder sie nicht im Konflikt mit den Privilegien der weißen Wikipedianer kommt. Einige sehr taffe Frauen in der Wikipedia mussten irgendwann merken, dass ihre Existenz in dieser Männergesellschaft Wikipedia nicht ewig ertragbar ist. Wenn mensch nicht allen Konflikten und Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen kann, dann kommt irgendwann der Point of no return: Bleibe ich, oder muss ich mich jetzt selbst verleugnen, um nicht weiter gedisst und am Ende rausgeschmissen zu werden.

Das sind die Hintergründe, warum ich mir zurzeit eine sichere Diskussion über den strukturellen Rassismus in der Wikipedia vorstellen kann. Das die Diskussion gelöscht würde, ist dabei nur eine der harmlosesten Vorstellungen. Ärger finde ich die begründeten Erwartungen, dass Leute wegen ihre offenen und ernsten Beiträge zur Debatte dort gemobbt und angegriffen werden. Passiert mir das ganz persönlich, so wäre das noch nicht einmal das Schlimmste, weil ich mir letztlich immer meiner weißen Privilegien sicher sein kann. Denn ich bin zwar Zeuge des Rassismus in der Wikipedia, aber ich muss ihn nicht an der eigenen „Haut“ erleben. Wirklich existentiell ist dieses Problem natürlich für alle, die diese weißen Privilegien in der Wikipedia – auch bei einem Marsch durch die weißen Institutionen – nie erlangen könnten, solange der Rassismus in der Wikipeda nicht als strukturelles Problem angegangen wird.

Was können wir gegen den strukturellen Rassismus in der Wikipedia konkret tun?

1. Denke ich, Weiße müssen sich in der Wikipedia ihrer Privilegien bewusst machen und daraus Konsequenzen ziehen. Wir sollten klein anfangen;) So wäre eine der wichtigsten Konsequenzen die, dass – konkret in der Artikelarbeit – alle dort anzutreffenden weiße Perspektiven deutlich gemacht werden. (Eigentlich eine Selbstverständlichkeit von der Philosophie des N.P.O.V., dass ja gerade die Offenlegung der in den Artikeln vorhandenen Perspektiven erfordert.
2. Fangen wir noch kleiner an: Es sollte ein Qualitätshinweisschild geben, der Artikel – vergleichbar mit dem Bausstein „Deutschlandlastig“ – mit dem Hinweis-Bausstein „Dieser Artikel ist aus einer vorwiegend (oder alleinigen) weißen Perspektive geschrieben“ versieht. Damit wäre die fehlende „Neutralität“ (fehlende Benennung der Perspektive, was fasst nur bei weißen Artikeln passiert) bzw. das neutral maskierte Weiß dieser Artikel sichtbar.

Das sollte für dieses Wochenende mal an konkreten Strukturveränderungsmaßnahmen reichen.

Grüße, — ~~~~
Simplicius 25. Juli 2009 um 22:10 Uhr

Ich finde die Formel „Rassismus gleich Weißsein“ zu einfach. Es gibt viel zu viele Differenzierungen.

Die Latinos in den USA sind weiß. Im ehemaligen Jugoslawien sind alle Ethnien weiß. In manchen Regionen gibt es Hass gegen weiße Amerikaner und Europäer. Die unterschiedlichen sozialen Gruppen in Deutschland sind weiß, aber manche versuchen immer noch arm mit genetisch weniger intelligent gleichzusetzen. In Israel existiert auch eine Sozialordnung nach Herkunftsland, Westeuropa weiter vorn, weiter hinten ehemalige Sowjetunion und schlussendlich Äthiopien.

Ich glaube, es ist eher so: „Wir da oben, ihr da unten“. Nicht selten spielen auch materielle Interessen eine Rolle. Wer das Glück hat, zur richtigen Gruppe zu gehören, hält sich für auf natürliche Weise privilegiert. So kriegt er es beigebracht. Das zu hinterfragen, ist wichtig. Aber man kann diesen Prozess nicht an der Farbe festmachen, wenn es um Macht, Land und Geld geht.
andrax 26. Juli 2009 um 0:24 Uhr

nee, so einfach ist es auch nicht: Weißsein (Wikipedia) – oder so:
„Weißsein und Rassismus – kritische Weißseinsforschung gut erklärt“
Vielleicht ist es dann klarer.

Das Konzept ist einfach weiter gedacht, als die Vorstellung, Rassismus habe immer etwas mit „Rasse“ zu tun. Gefragt wird einfach nach den Ursachen, die rassistisches Wissen produzieren. „Weiß“ ist das Konstrukt und die Norm. Die Aussage ist dabei – wie bei „Rasse“ – das es kein „Weißsein“ gibt, aber eine Welt rassistischer Normen, die sich an hand der Kategorie „Weißsein“ gut untersuchen und darstellen lässt. Das hat schon sehr viel Aussagekraft und zwings vor allem mal die Verusacher des Rassismus mit sich selbst auseinander zu setzen. Ist doch erschreckend, dass alle Antirassisten sind aber Rassismus gar nicht wahrnehmen. Schon gar nicht wird begriffen, dass Rassismus eine Struktur ist und sich nicht auf psychologisch hergeleitete Vorurteile reduzieren lässt.

Was hälst du den von dem Vorschlägen konkret zu werden?

Grüße, a.
Simplicius 29. Juli 2009 um 11:25 Uhr

Mir erscheint die Theorie auf der Formel „schwarz-weiss“ zu populärwissenschaftlich und usa-spezifisch, um daraus etwas Konkretes ableiten zu können. Wer wen diskriminiert, ist eine Frage der Machtverhältnisse und nicht der Farbe. Neutraler müsste man von Gruppe A und Gruppe B sprechen.

In fast jeder Gesellschaft gibt es eine Vielzahl von Ethnien. Auch ein Zwei-Gruppen-Modell ist also noch zu platt.

Durch aufgezwungene und auch freiwillige Separation und unabhängig von der Herkunft entstehen entstehen noch jede Menge weiterer sozialen Gruppen. Es wären also jeweils auch Rassismus und Klassismus zu differenzieren, obwohl bei ähnlichen sozialen Dynamiken unterliegen.

Diskriminierung an den Pigmenten festmachen zu wollen, ist ein denkbar schlechter Start.
andrax 29. Juli 2009 um 14:10 Uhr

hi simpl,

sind die Kommentare hier wirklich von dir? – Es gab schon diverse Fakes bei schwarze feder und bei uliz.

Falls es deine Beiträge sind, dann hast du das „Weißsein“-konzept vollständig missverstanden. Es geht ja gerade überhaupt nicht um Hautfarbe, sondern um eine gesellschaftliche Norm „Weiß“, die vom dominanten Teil der Gesellschaft festgelegt wird. Sie folgt aus einer kolonialen Tradition und bestimmt ihre Privilegien in dieser Gesellschaft. Weißsein ist also als eine Untersuchungskategorie zu verstehen, die strukturellen Rassismus offen legt und damit Vorteile gegenüber Ansätzen hat, die Rassismus nur als ein Problem einer „Ethnie“ und/oder als Problem von psychologisch erklärtren Vorurteilen begreift. . – Diese Kritik ist also unbedingt nicht als Affirmation und Befürwortung von Separation etc. umzudeuten oder misszuverstehen. Das passiert eigentlich nur jemanden, der sich nicht als Antirassist versteht, oder sich weigert, seine eigenen Privilegien in der Gesellschaft kritisch zu hinterfragen. Beides trifft bei dir ja nun absolut nicht zu, so wie ich dich kenne. Deshalb bin ich sehr verwundert.

Es ist im Übrigen diese weiße-Norm, die Gesellschaften als „Ethnie“ oder „Rasse“ konstruiert und homogenisiert. Sprechen wir etwa von der „Ethnie“ der Preußen oder der Wikipedianer? Nein. Wer spricht aber von der „Ethnie“ der „Nubier“? Aus welcher Perspektive betrachtet Leni Riefenstahl „ihre“ „Ethnie“? Passiert das umgekehrt, dass Schwarze Photographen weiße Wikipedianer als eine „Ethnie“ ästhetisieren …? Nach welcher Norm also, leistet sich unsere Gesellschaft die Frechheit, sich Bildbände von „Ethnien“ in die Bücherregale zu stellen – oder entsprechende Artikel in der Wikipedia. Wenn hier eine Kritik wirkungsvoll sein will, dann braucht sie gute Analyse-Werkzeuge, mit der sichtbar wird, wer hier welche Normen anwendet und sich damit das Privileg leistet, sich über Menschen wie du und ich zu amüsieren etc. – Mir stinkt diese „Völkerschau“ in der Wikipedia mächtig!

„Diskriminierung an den Pigmenten festmachen zu wollen, ist ein denkbar schlechter Start.“ Rassistische Diskriminierung orientiert sich immer an körperlichen Merkmalen. Hier geht es doch genau darum, die strukturellen Formen dieser Rassifizierungsprozesse zu kritisieren und aufzuzeigen, wer sie konstruiert hat. Und, wer hat sie konstruiert? Und wie lange muss mensch darauf hinweisen, wer noch immer Menschen aus der Gesellschaft ausschließt, weil sie nicht der eigenen (nenne die Farbe selbst) Norm entsprechen?

Die Kritik am strukturellen Rassismus (darum geht es in der kritischen Weißseinsforschung) unterschlägt auch keine anderen Unterdrückungsformen wie Klasse oder Geschlecht. Aber glaubst du, dass es in einer klassenlosen Gesellschaft keinen Rassismus geben kann? Also warum das Denken, mit der Kritik am strukturellen Rassismus anzufangen, wäre ein „denkbar schlechter Start“?

Grüße, a.

P.S.: Falls ihr Probleme mit dem Kommentarfeld habt, könnt ihr euren Kommentar auch per email (s. Impressum) schicken. die Moderation stellt sie dann für euch online. Offensichtlich (liegt es an den Fake-Aktionen hier?) rutschen manche Kommentare direkt in den Spam-Filter. So erging es mir. Also: besser vorher spreichen und notfalls per email.
Otis Che Fortune 29. Juli 2009 um 15:59 Uhr

Wer noch immer nicht weiß, was Rassismus ist?
Rassismus ist Gewalt wie Sexismus, Nationalismus, Patriotismus und noch am unerkanntesten der Speziesismus, der Tiere zu etwas anderem macht als das Säugetier Mensch
andrax 30. Juli 2009 um 13:23 Uhr

darkmatter Journal versus Wikipedia: race and the hierarchy of knowledge

http://www.darkmatter101.org/site/2009/06/05/darkmatter-journal-versus-wikipedia-race-and-the-hierarchy-of-knowledge/

Auf welches „Wissen“ gründet eine weiße Wikipedia eigentlich?
multikultur 31. Juli 2009 um 0:05 Uhr

Ich war beim Lesen des Hauptartikels bereits absolut fassungslos und konnte mir die Kommentare beim besten Willen nicht mehr in ihrer Gänze geben. Mal so ’ne Frage am Rande an euch Super-Nicht-Weissen: Habt ihr euch schon mal Europa angeschaut und dann Afrika? Nicht? Ok. Dann muss ich euch leider euer Weltbild rauben: es gibt durchaus Unterschiede zwischen Weissen und Schwarzen. Warum zur Hölle sollte man die dann nicht mittels Sprache beschreiben „dürfen“? Was ist denn letztendlich der SINN von Sprache? Und wer bestimmt sowas? Der liebe Gott? Sorry, an den glaub‘ ich aber nicht… Also bestimmt es der Artikelschreiber? Der ist mir aber leider genauso egal. Was nun?
multikultur 31. Juli 2009 um 0:14 Uhr

Sofort gelöscht… OK, ich weiss, äh SCHWARZ, dass das jetzt nur der Admin sieht. Aber mal Butter bei die Fische, das kann doch alles nicht dein Ernst sein. Schieb mir mal ne Mail. Ich glaub das einfach nicht, dass jemand so einen Artikel IM ERNST verfassen könnte. Ohne Scheiss. Hast du Zugang zu, äh, Medien (oder sowas)?
nabal 03. August 2009 um 22:22 Uhr

http://nabal.blogsport.de/2009/08/03/hochtrabendes/trackback/

angeregt durch den Artikel „Wie vermeide ich es rassistische Artikel zu schreiben“
kritische masse 05. August 2009 um 14:10 Uhr

http://kritischemedientagemuenster.blogsport.de/2009/08/05/versuche-der-blogger-integration-in-einer-doppelten-zeitungskrise/

Als Lesetipp empfohlen, freie und schwebende Grüße vom Elefanten k.m.
Simplicius 16. August 2009 um 22:44 Uhr

Hallo Andrax, der obige Beitrag war von mir.

Ich finde das Motto „Weißsein“ zu klischeehaft. Es mag für die USA in den 1970er Jahren der geeignete Aufhänger und Anstoss gewesen sein. Trotzdem kann sich Rassismus genauso auch „schwarz gegen weiß“, „weiß gegen weiß“, „weiß gegen schwarz“ abspielen.

Ich sehe im Konzept von Ethnien und regionalen Identitäten zunächst mal ein Konzept des Respekts vor Kulturen. Das läuft auf mehrere tausend Gruppen weltweit hinaus.

Die Großunterteilung in weiß, gelb und schwarz nach dem Schema von Egon von Eickstedt finde ich zu pauschal. Sie hatte ihren Höhepunkt in den 30er Jahren. Die Übergänge zwischen den „Rassen“ sind fliessender. Die Formen von Rassismus, Klassismus und Konflikten sind es auch.

Simplius
kritische masse 17. August 2009 um 18:41 Uhr

@Simplius

du bist da auf eine ganz falsche Fährte gelandet. Der Artikel fußt ja gerade auf die Kritik, Menschen wegen körperlicher und kultureller Merkmale in Kategorien zu fassen. Das wurde auch vielfach erklärt, obwohl der Text und die Literatur das sehr anschaulich und deutlich machen. Und wo hast du Rassismus erfahren? Als „Weißer“? (Ich unterstelle dir das mal)

Grüße, k.m.
kritische masse 17. August 2009 um 18:43 Uhr

Ein lesenswerter Beitrag auf derFreitag:
Ein Jud bleibt immer ein Jud – 1. Teil von Wolfram Heinrich

http://www.freitag.de/community/blogs/wolfram-heinrich/ein-jud-bleibt-immer-ein-jud—1-teil

Nico B. 24. August 2009 um 18:36 Uhr

Hallo Andrax,

Ich bin ehrlich gesagt ziemlich verwundert darüber, wie du hier argumentierst, und mag mich deshalb gar nicht auf die von dir geforderte „Positionierung“ einlassen. Du präsentierst hier einen theoretischen Ansatz als den einzig vertretbaren und blockst jede Kritik daran ab – „Diese Kritik ist also unbedingt nicht als Affirmation und Befürwortung von Separation etc. umzudeuten oder misszuverstehen. Das passiert eigentlich nur jemanden, der sich nicht als Antirassist versteht, oder sich weigert, seine eigenen Privilegien in der Gesellschaft kritisch zu hinterfragen“.

Das ist eine schäbige Argumentationsweise und genügt keinerlei wissenschaftlichem Anspruch. Sankrosankte Sätze haben in der Sozialwissenschaft nichts verloren, natürlich darf man deinen Ansatz als affirmatorisch kritisieren ohen dadurch in Verdacht zu geraten, mangelhaft antirassistisch zu sein. Was mir in deinen ganzen Beiträgen oben fehlt ist eine Herleitung, warum „Schwarzer Mensch“ weniger rassistische Zuschreibung enthält als „schwarzer Mensch“ oder weniger rassistisches Konstrukt sein sollte. Solange du das aber nicht zeigst verbleibt das ganze auf der Ebene billiger linguistischer Spielerei und bewirkt eben genau gar nichts in der täglichen Auseinandersetzung mit Rassimus.

Es würde mich einmal interessieren, wie du Rassismen jenseits der Spielart „Europa vs. Afrika“ mit deinem Ansatz greifbar machen willst, etwa in Afghanistan Paschtunen/Harara, den alten japanischen Rassismus gegenüber den Chinesen, den arabischen Rassismus gegen Schwarze etc. pp.

Gruss, Nico
andrax 26. August 2009 um 16:26 Uhr

hallo nico,

danke für deinen beitrag. leider reden wir beiden von zwei verschiedenen dingen, und dass passiert hier – und wohl bei dem thema generell – sehr häufig.

a) ich rede nicht von hautfarben

deshalb die politische, sebstbestimmte schreibweise: Schwarz (groß, kein Verweis auf körperliche Merkmale) – das wurde aber in dem Beitrag und von mir hier oft erklärt. natürlich kann ich das nicht so gut wie die angegeben Literatur und die Links.

b) du hast mich also bereits missverstanden. kann ja passieren – ist ja auch nicht für jeden selbstverständlich, wenn Schwarze es ablehnen, über ihre Hautfarbe einsortiert zu werden.

c) Was aber bei dem wissenschaftlichen Ansatz der „kritischen Weißseinsforschung“ eben nicht verleugnet werden soll, ist dieses: es gibt keine „Rasse“. Es ist allein dem Rassismus (z.B. Menschen anhand ihrer Hautfarbe einzuteilen oder ihnen deshalb irgendwelche Fähigkeiten zu- oder abzusprechen) der die Kategorie „Rasse“ benötigt. Es ist allein die nicht zu leugnende Tatsache rassistischer Gewalt (wie Ausgrenzung, Versklavung etc.), die dazu führt, sich mit der Hautfarbe zu beschäftigen. Es sind die rassistischen Verhältnisse, die es notwendig machen, trotzdem über „Rasse“ zu sprechen. Irgendwo heißt es: Es gibt keine „Rassen“, aber dieser rassistische Diskurs über „Rassen“ ist nicht nur rein sprachlich, sondern auch spürbar und die Realität beeinflussend, deshalb kann man diese Realität („Rasse“, wegen seiner Schwarzen – egal in welchen Abstufungen – Hautfarbe rassifiziert zu werden …) nicht ausblenden.

d) Deshalb muss man hinschauen und darüber reden und dabei doch deutlich machen, dass es nicht angeht, Menschen nach ihren körperlichen oder kulturellen Merkmalen zu bewerten … – die akademisch korrekt und politisch geforderte sprachliche Lösung, die gefunden wurde ist eben diese Schreibweise: Schwarze Deutsche … (groß), weiße Deutsche (klein). „Rasse“ in Anführungszeichen.

Zu: „Es würde mich einmal interessieren, wie du Rassismen jenseits der Spielart „Europa vs. Afrika“ mit deinem Ansatz greifbar machen willst“

Nun, die kritische Weißseinsforschung hat ja lange benötigt, um auch hier in den weißen Wissenschaftskanon anzukommen. Im Gegensatz zu anderen Ansätzen, wie der Vorurteilsforschung etc., hat sie den Vorteil, dass sie Rassismen als ein normatives Konzept (Weißsein) analysieren kann. Wenn Normen gebildet werden, wie nur wieße Wissenschaft ist objektiv und überhaupt „wissenschaftlich“ (das geschieht ja nach dem Herrenrechtprinzip ja sogar so gut, dass diese Wissenschaftler nicht mal sehen müsse, dass es eine weiße Wissenschaft ist), dann wird damit auch erklärt, wie die Abstufungen und die Ränder aussehen. So konnte es selbst den weißen Iren bei ihrer Einwanderung in die Vereinigten Staate passieren, dass sie von den super Weißen als nicht zugehörig zu der weißen „Rasse“ betrachtet wurden. Als auszubeutende billig Arbeiter passten sie nicht in die Norm der weißen Dominanzgesellschaft und galten eine zeitlang als nicht-weiß mit vielen dieser Konsequenzen. Wer die Macht hat, Normen zu setzen, wie das über Wissen (Wer und was gehört zur Norm, wer ist nicht normal …) und was mit den Rändern und Außenlagen passiert, dass kann auch gut bei Jürgen Link oder Michael Foucault nachgelesen werden. Vergleichbar arbeitet die kritische Weißseinsforschung, also der Ansatz. Und so lassen sich und werden, die von dir angesprochenen Rassismen untersuchen.

Welchen Ansatz erscheinen dir geeigneter und welche Erklärungen erhältst du dort für deine Fragen dort?
Rosenkohl 31. August 2009 um 15:04 Uhr

Herr Andrax

Indem sie sich auf die postmoderne Theorie beruft, verläßt die kritische Weißseinforschung eine materialistischen Theorie der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Statt von der gesellschaftlichen materiellen Produktion, und von der Reproduktion der Produktionverhältnisse auszugehen, also von dem, was man wirklich verändern kann und muß, und also dem, was zu ändern sich tatsächlich lohnt, stattdessen geht die postmoderne Theorie von Identitäten und Erzählungen aus. Damit erreicht sie nicht einmal das theoretische Niveau, wie es Marx und Engels um 1845 mit http://de.wikipedia.org/wiki/Die_deutsche_Ideologie erreicht hatten.

Es gibt Rassismus in der Gesellschaft. Aber er steht (wie ich neulich oben versucht hatte zu erklären) im Gegensatz zum Staat, und seinem Selbstbild. Die Wissenschaft ist von ihrem Selbstanspruch her, und im Gegensatz zur Zeit vom neunzehnten Jahrhundert bis etwa 1945, ebenfalls nicht mehr rassistisch. Wissen und Macht sind eben nicht das gleiche, sondern getrennte Sphären. Rassismus ist allerdings ein strukturelle Realität, etwa in der Arbeitswelt, vor allem infolge der internationalen Arbeitsteilung und Trennung in arme und reiche Länder, und (wie ich neulich oben versucht hatte zu erklären) innerhalb der westlichen Gesellschaften in Form reaktionärer konformistischer Rebellionen.

Die kritische Weißseinsforschung wie Du sie darstellst verwischt diese Differenzen und Strukturen, indem sie Weißsein als angebliche zentrale, teilweise unbewußte Ideologie der westlichen Gesellschaft behauptet.

Die kritische Weißseinsforschung kann dadurch nicht zwischen verschiedenen Formen des Rassismus unterscheiden und kann meines Erachtens nicht die historische und gesellschaftliche Besonderheit des Antisemitismus erklären. Stattdessen erscheint alles als ein und derselbe „weiße Rassismus“. Eine „unbedingte Solidarität mit Israel“ ist von diesem Standpunkt aus nicht mehr möglich, weil eine Solidarität stets unter der Vorbedingung und dem Vorbehalt eines übergeordneten Antirassismus steht.

Die kritische Wießseinsforschung verkennt meines Erachtens, daß der Antisemitismus eben nicht nur eine Form des Rassismus ist, vielmehr die rassistische Ausprägung nur eine historisch begrenzte (bis etwa 1945) Form des Antisemitismus war. Gerade die aktuelle, nichtrassistische Form des Antisemitismus, wie sie sich äußert in der Bedrohung Israels durch Islamisten, besonders die Hamas und den Iran, gerät offenbar leider aus dem Blick oder wird relativiert.

Im Effekt werden so Weißsein und Schwarzein essentialisiert und das Schwarzsein als positive Gegenidentität gegenüber dem Weißsein aufgebaut. Diese Form der Argumentation führt derzeit in der Praxis konkret dazu, daß die Ausstellung http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Dritte_Welt_im_Zweiten_Weltkrieg nicht am zunächst vorgesehenen Ort gezeigt werden kann, der Berliner Werkstatt der Kulturen, weil in dieser Ausstellung die Rolle von „nichtweißen“ Unterstützern des Nationalsozialismus darstellt, insbesondere des palästinensischen Geistlichen http://de.wikipedia.org/wiki/Mohammed_Amin_al-Husseini oder auch des ägyptischen Königs http://de.wikipedia.org/wiki/Faruq.

In der Begründung dieser Austellungsabsage, wie sie z.B. auch von der „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“ unterstützt wird (http://blog.derbraunemob.info/wp-content/uploads/2009/08/ISD_Stellungnahme_WdK.pdf) gerät nach meiner Einschätzung die Kritik am „Weißsein“, und der Wunsch nach einem positiven Bild des „Schwarzseins“ in einen Gegensatz zu einer objektiven historischen Darstellung.

Gruß Rosenkohl
andrax 31. August 2009 um 16:44 Uhr

Lieber Rosenkohl,

Danke für deinen Beitrag. Allerdings erscheint mir daran einiges unlogisch und mit Vorrausetzungen unterlegt, die nicht zutreffen.

a) Es geht ja genau nicht um Hautfarbe (siehe meinen Beitrag vorstehend). Essentialisierung ist ja gerade ein besonderes Phänomen des Rassismus.
b) Ich kann mich in Sachen Rassismus mangels Durchblick leider sehr wenig auf Marx beziehen. Es wäre schön, wenn du dazu etwas genaueres sagen kannst.
c) Rassismus ist strukturelle in dieser Gesellschaft verankert. Das scheinst du ja auch so zu sehen. Aber wer behauptet, dass nur der Rassismus abgeschafft gehört? Allerdings sollten wir damit beginnen, genauso wie mit allen anderen strukturellen Formen von Gewalt, von Unterdrückung und von Ausgrenzung.
d) Wir sollten alle dabei angewandten Herrschaftstechniken analysieren und überwinden. In meiner Vorstellung einer kommenden, freien und demokratischen Gesellschaft – mit dem Begehren im Kommunismus lässt sich dabei sehr viel anfangen, aber auch falsch machen (sehr schön dargestellt bei Bini Adamczak: Kommunismus) – sollte es weder ökonomische Ausbeutung noch Rassismus und Antisemitismus oder das Patriarchat und so vieles geben, das hier zu erwähnen wäre.
e) Mir ist kein Beispiel von Autor_innen aus dem Bereich kritischen Weißseinsforschung bekannt, die eine Revolutionstheorie vorgelegt hätten. Mir ist auch nicht bekannt, dass hier die Theorie der Postmodernen eine größere Rolle spielt. Poststrukturalistische Einflüsse und Kritiken an der Moderne finde ich hingegen schon. Die finde ich allerdings auch bei fortschrittlichen Marxist_innen. Aber wir reden ja hier nicht über Jaques Derrida’s – Marx‘ Gespenster?
f) Jaques Derrida’s – Marx‘ Gespenster Ich lese mich dagerade erst ein und finde zum Beispiel bei Alfred Schobert’s Analysen und Essays.Extreme Rechte – Geschichtspolitik – Poststrukturalismus das hier passende Zitat „Noch nie in der Geschichte der Erde und der Menschheit haben Gewalt, Ungleichheit, Ausschluß, Hunger und damit wirtschaftliche Unterdrückung so viele menschliche Wesen betroffen.“ ( Jacques Derrida) – Ich denke, das könnte eine Betrachtung sein, das unsere Anliegen vereint.

Dann trägst du hier einen aktuellen Konflikt um die o.g. Ausstellung hinein. Es ist eine große Kunst, die Genauigkeit und Ernsthaftigkeit bei einem solchen Konflikten aufzubringen, bei denen weiße und insbesondere weiße Deutsch mit ihrer mangelnden Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte oft nur reflexhaft reagieren und dabei kein Problem haben, Ofergruppen gegeneinander auszuspielen. Interessanterweise habe ich genau an dem Ort auf einer Rassismustagung, wo es jetzt um diese umstrittene Ausstellung geht, das gute Gegenbeispiel erlebt: „Eine vergleichende Perspektive auf Rassismus gegen Menschen der afrikanischen Diasporas, Antisemitismus, anti-islamischen Rassismus und Rassismus gegen Sinti und gegen Roma war ein leitmotivisches Anliegen der Tagung.“ . Du verweist selbst auf die Presseerklärung der Initiative Schwarzer Deutsche und des media blogs der braune mob. Eine Ausstellung, die etwas mit Erinnerung und Gedenken zu tun hat. Das sollte in diesem Land Konsens sein, dass Opfern und Kollaborateuren nicht gemeinsam gedacht wird. Deshalb ist die Reaktion sehr angemessen „Hier gilt bekanntlich, dass Menschen die das NS-Regime bekämpften nicht im gleichen Atemzug mit KollaborateurInnen genannt werden. Die weltweite Kollaboration mit dem NS-Regime sollte thematisiert werden – allerdings in einem angemessenen Rahmen. In diesem Zusammenhang von Zensur zu sprechen, ist deshalb ebenso empörend wie falsch.“ (http://blog.derbraunemob.info/wp-content/uploads/2009/08/ISD_Stellungnahme_WdK.pdf) Das kann ich nur unterstreichen. Die Kritik seitens der Werkstatt der Kulturen sollte man deshalb sehr ernstnehmen. Ich bin erst durch deinen Beitrag auf den Konflikt aufmerksam geworden, denke aber, dass die Angriffe auf die Werkstatt der Kulturen gleich zwei Problem deutlich machen:
1. werden schon wieder nicht Selbstverständlichkeiten, die aus dem NS gezogen werden könnten, beachtet.
2. Passieren die Angriffe wie selbstverständlich, ohne sich mit der Perspektive und Situation der Betroffen zu beschäftigen.

Das scheint mir ein doppeltes Problem von weißer deutscher Abwehr zu sein.

Überhaupt sehe ich, dass sich der Hass des anti-islamischen Rassismus sich in Deutschland auch besonders mit einer Abwehr in der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte speist. Was früher vielen Antiimperialisten passierte, die eigene Geschichte auf die Konflikte in Israel und Palästina zu projizieren, dass passiert vielen Linken auch heute, mit umgekehrten Vorzeichen (vgl. Gerhard Hanloser: Bundesrepublikanischer Linksradikalismus und Israel – Antifaschismus und Revolutionismus als Tragödie und als Farce). Wir sollten schon damit leben, diese komplexen Zusammenhang möglichst gut zu analysieren. Aber wir – sprich ich – sind dafür keine Experten. Deshalb sollte man sich auch mit den Argumenten von Philippa Ebéné und der Initiative Schwarzer Deutscher und mit denen von ihnen aufgeworfenen Fragen und Themen doch sehr genau beschäftigen und sich einwenig auskennen, bevor man sich solche Urteile anmaßt. – Schon gar nicht sollten wir uns anmaßen, wie du schreibst, dabei im Besitz der “ objektiven historischen Darstellung“ zu sein. Dieser Konflikt zeigt ja gerade deutlich, dass immer noch Opfer der NS unseren „objektiven“ Ansprüchen gehorchen müssten. Das ist ein deutsches Herrenrecht und gehört abgeschafft.

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