Susan Arndt zu Götz Alys Reaktion auf das May Ayim Ufer

Widerspruch von Susan Arndt zum Beitrag „Straßenschänder in Kreuzberg” Straßenschänder in Kreuzberg1 von Götz Aly in der Berliner Zeitung. Mit einer Straßenumbennenung erinnert in diesem Monat Berlin an die Sklaverei und die Verbrechen in der ersten deutschen Kolonie Groß-Friedrichsburg (Siehe Berlin erinnert an den Sklavenhandel). In seiner BZ-Kolumne greift der Historiker sehr drastisch die Aktivistinnen an, die für eine Erinnerung an die Verbrechen der Sklaverei in Berlin eintreten. Mit der Um­be­nen­nung des Grö­ben­ufer im Ber­li­ner Be­zirk Fried­richs­hain-​Kreuz­berg in May-​Ayim-​Ufer wurde in Deutsch­land erst­mals eine Per­spek­ti­v­um­kehr voll­zo­gen: Statt eines Ko­lo­ni­al­ak­teurs wird einer Ak­ti­vis­tin gegen Ko­lo­nia­lis­mus und Ras­sis­mus ge­dacht. In die­sem Monat sol­len die Stra­ßen­schil­der aus­ge­tauscht wer­den.

Offener Brief:

Götz Aly meint, “Geschichte ist kein Selbstbedienungsladen zum aktuellen Gebrauch”. Natürlich stellt die Umbenennung von Straßen ein Politikum dar, ebenso aber auch die Beibehaltung von Straßennamen. Denn, anders als Aly meint, verändert sich Geschichte – die von Menschen immer wieder neu aufgeschrieben, rekonstruiert und inszeniert wird – ständig, nur die Vergangenheit bleibt gleich. Wenn er nun jene, die er herablassend als “gesinnungsstarke Straßenumbenenner” bezeichnet, in die Tradition totalitärer Weltanschauungsdikaturen stellt, muss man sich schon fragen, ob dies auch ein nachträgliches Plädoyer dafür ist, die Umbenennungen der zahlreichen Straßen und Plätze nach 1945, die in nationalistischer Gesinnung nach Adolf-Hitler genannt wurden, zu kritisieren. Wer wollte schon daran zweifeln, dass Hitler und seinesgleichen zur “jeweiligen Epoche” deutscher Geschichte zählten? Und wer würde schon glauben, dass eine Straße, die seinen Namen tragen würde, etwas anderes als ein wohlwollendes Gedenken an den Nationalsozialismus und die Shoa symbolisieren solle. Natürlich hat jede Zeit ihre eigene Legitimation, Straßen- und Platzbenennungen vorzunehmen. Denn diese Eigennamen sind nicht nur tote Monumente einer vergangenen Zeit, sie tragen ganz wesentlich zur unbewussten Identitätsbildung bei. Sie sind Meilensteine der Erinnerungspolitik und weisen als solche den Weg in die Zukunft. Es ist also längst allerhöchste Zeit, Namen, die für die deutsche und europäische Kolonial- und Rassismusgeschichte stehen, aus dem Gedächtnis der Straßennamen zu streichen. Und das von-Gröben-Ufer zählt definitiv zu diesen Straßen. Otto Friedrich van der Gröben war ein Akteur im europäischen Terror gegen Afrikaner und Afrikanerinnen. Es war der koloniale Geist, der Otto Friedrich van der Gröben ein Denkmal setzte. Will man sich ihm widersetzen, ist die Straße umzubenennen. Gerade um das Erinnern dabei nicht zu vergessen, liegt nichts näher, als die Straße nunmehr nach May Ayim zu benennen. Als Historikerin und international renommierte Lyrikerin stellte sie sich dem Vergessen in den Weg und kämpfte dabei gegen einen Rassismus an, der sie krank machte. Anders als Aly es verleumderisch und unerträglich darstellt, war es eben nicht einfach nur ihre Krankheit, sondern auch eine deutsche Gesellschaft, die sie nie anerkannte, die sie den Selbstmord wählen ließ. Und genauso steht die Groß-Friedrichsburg – ob der Historiker Aly dies nun glauben mag oder nicht, aber dies ist nun auch nicht sein Fachgebiet – als Erinnerungsort für Millionen Afrikaner und Afrikanerinnen, die aus ihrer Heimat in die Amerikas deportiert wurden, um westliche Reichtümer zu erwirtschaften. Millionen kamen dabei um, noch ehe sie von Weißen in den Amerikas oder auch Europa zu Sklaven und Sklavinnen gemacht wurden und damit zu Arbeitskräften ohne Tarifvertrag, ohne Lohn, ohne Freizeit, ohne ein Recht auf den eigenen Körper, ja sogar ohne ein Recht darauf zu leben. Wenn Götz Aly van der Gröben zum friedliebenden Reisenden stilisiert und der Friedrichsburg als Koloniechen spricht, als sei es eine Puppenstube, und nicht der Ort, an dem Afrikaner und Afrikanerinnen über Monate hinweg eingepfercht wurden und massenhaft starben, verleugnet und bagatellisiert er Geschichte. Eine solche Verharmlosung und Verteidigung von weißer Gewalt gegen Schwarze ließ den NS-Experten Götz Aly sogar im Rahmen einer Pressekonferenz erklären, dass die Zwangssterilisierung von Afrodeutschen im Nationalsozialismus eine Bagatelle war, weil es nur wenige waren, und diese rassisch motivierten Verstümmelungen der Nazis zudem aus der Perspektive der Zeit heraus zu verstehen seien. Schließlich hätten die Franzosen ja massenhaft Schwarze Soldaten in die Region “gejagt”. Als ihm widersprochen wurde, weil der Rassenwahn der Nazis (der gegenüber Schwarzen eingeschlossen) nun mal durch nichts zu rechtfertigen ist, verließ er schreiend den Raum. Nicht die Umbenennung der Straße ist eine Schande, wie Götz Aly meint, sondern Götz Alys schrille, unsachliche, uniformierte und ideologisch verbohrte Argumentationsweise über Kolonialismus und Nationalsozialismus, die ihn ganz offensichtlich reflexartig Verbrechen an Afrikaner_innen und Menschen afrikanischer Herkunft als außerhalb der Kategorie “Verbrechen gegen die Menschlichkeit” verorten lässt.

Dr. Susan Arndt (Anglistin/Afrikawissenschaftlerin)
Goethe-Universität Frankfurt/M.

Reaktionen:
Stimmen zu dem Hetzartikel von Götz Aly gegen das May-Ayim-Ufer, stellt die Redaktion des braunen mob e.v. zusammen. Das Blog des braune mobs ist mittlerweile zur der wichtigsten Anlaufstelle für medienkritische Leser_innen geworden, die sich gegen rassistische Inhalte in den Medien wehren.
Update:
Götz Aly geht am Gröbenufer baden | By Richard Heigl

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