Rassismusforschung: Wer repräsentiert, wer wird repräsentiert?

Rassismus wird in den Medien und auch in der Forschung nur selten als traumatisierende Handlung und Struktur (vgl. Grada Kilomba 1) begriffen. Das hat fatale Folgen für diejenigen, die dabei er- und beforscht werden. So setzt jede Forschungsmethode “ein formales Denkmodell voraus, das bestimmte Erkenntnisse zulässt und – das gehört dazu – andere ausschließt”2. Daraus ergeben sich eine Reihe von kritischen Fragen gerade für die weiße Forscher_in.

Toni Morrison schrieb dazu:
»Mein Projekt ist ein Bemühen darum, den kritischen Blick vom rassischen Objekt zum rassischen Subjekt zu wenden; von den Beschriebenen und Imaginierten zu den Beschreibenden und Imaginierenden; von den Dienenden zu den Bedienten.«3 (Toni Morrison: Im Dunkeln spielen. Weiße Kultur und literarische Imagination. Reinbek 1995. , S. 125)

Während Toni Morrison bereits 1992 an sehr prominenter Stelle4 auf diese Thematik aufmerksam machte, gehen bislang nur sehr wenige weiße Forscher_innen selbstkritisch auf ihr ein.

Mit dieser Schieflage beschäftigen sich nur wenige Autor_innen (s. Bücherliste unten). Aktuell beschäftigt sich damit der Beitrag von Astrid Albrecht-Heide (2009) “Versuch der Aufklärung von Motivlagen von Forschenden innerhalb historisch hergestellter Hierarchien von Täter-Opfer-Konstruktionen” aus einer kritischen weißen Perspektive , den ich hier an einigen Punkten vorstellen möchte.

Können sich weiße Forscher_innen die Macht anmaßen, zu definieren, wann und ob Rassismus vorliegt (Definitionsmachtfrage)? Astrid Albrecht-Heide:

Wissenschaft und Forschung werden über die hier zur Debatte stehende Definitionsmachtfrage auch zu einer Veranstaltung der Repräsentation. In dieser Veranstaltung werden, offen oder »verdeckt«, eine Reihe von Fragen beantwortet. Broden und Mecheril haben die folgenden, mühelos erweiterbaren im Migrationskontext entwickelt:
»Wer repräsentiert, wer wird repräsentiert?
Wer ist sichtbar und anerkannt?
Wer ist nicht sichbar?
Wer darf und kann sich selbst repräsentieren?
Wer darf und kann sich nicht selbst repräsentieren?
Wer ist befugt, über Andere zu sprechen und andere zu repräsentieren?
Wer gilt als legitime Sprecherin einer Gruppe?
Wer gilt als nicht legitimer Sprecher?«
(Broden und Mecheril 2007, S. 146)

Weiße10 deutsche Forscherinnen und Forscher sehen sich in der Regel durchaus anmaßend als Generalisten in ihren Fachgebieten (vgl. Minh-ha 1989, S. 287); sie geben sich die unausgesprochene Erlaubnis, über die eigene Gruppe und über »andere« Gruppen wissenschaftlich zu arbeiten (vgl. Schwarzbach-Apithy 2005, bes. S. 2598). Die Anderen bzw. durch »othering« zu Anderen gemachten – u. a. von Julia Reuter (2002)9 im Deutschen als »VerAndern« bezeichnet – werden im gleichen Kontext in der Regel nur als Spezialisten und Spezialistinnen in eigener Sache gesehen. 1 Doch müssen sie hier nicht selten mit einem hegemonialen Befangenheitsvorbehalt rechnen, weil sie zu nahe dran seien (Wachendorfer 1998, S. 525).

(…) Eine Forschung über Ausgegrenzte und Rassifizierte12 ist okkupativ, und »über« ist im Wortsinne zu verstehen (vgl. u. a. Ahmed 200011).

Astrid Albrecht-Heide verweist auch auf die Bemächtigungs- und Abwehrstrategien weißer Wissenschaflter_innen hin und führt dazu eine umfangreiche Liste an:

In Summa rechne ich damit, weil auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Menschen sind und Wissenschaft eine menschliche Herrschaftsveranstaltung ist, dass ich es in meiner Arbeit auch mit Bemächtigungs- und Abwehrstrategien zu tun habe, wie:
- Immunisierung und Selbstimmunisierung
- Wahrnehmungsstörungen
- Wahrnehmungsverweigerungen
- Interessenverschiebungen
- Beziehungslosigkeit
- projektive Delegationen zwischen Begehren und Angst
- Dethematisierungen und Ausblendungen
- Täter-Opfer-Umkehr u. a. über die mögliche Identifikation mit den Verfolgten und Ausgegrenzten, der aber eigentlich eine Täteridentifikation zugrunde liegt
- Ablenkungsmanöver
- Verantwortungsentledigungsmechanismen
- Okkupationen usw.

Der hier vorgestellte Beitrag von Astrid Albrecht-Heide: “Versuch der Aufklärung von Motivlagen von Forschenden innerhalb historisch hergestellter Hierarchien von Täter-Opfer-Konstruktionen” ist aktuell erschienen in : Adriane Feustel, Inge Hansen-Schaberg, Gabriele Knapp [Hg.]: Die Vertreibung des Sozialen, Frauen und Exil Band 2, München (edition text und kritik) 2009, S. 200-215

Nicht nur Leser_innen, denen dieses Thema gänzlich unbekannt ist, empfehle ich:
Noah Sow
Deutschland Schwarz Weiß Der alltägliche Rassismus.

Willi Bischof

  1. Vgl. u.a. Grada Kilomba: Plantation Memories. Episodes of Everyday Racism. [zurück]
  2. Astrid Albrecht-Heide (2009): “Versuch der Aufklärung von Motivlagen von Forschenden innerhalb historisch hergestellter Hierarchien von Täter-Opfer-Konstruktionen” in: Adriane Feustel, Inge Hansen-Schaberg, Gabriele Knapp [Hg.]: Die Vertreibung des Sozialen, Frauen und Exil Band 2, München (edition text und kritik) 2009, S. 200-215 [zurück]
  3. zitiert aus Astrid Albrecht-Heide (2009) [zurück]
  4. Sie zählt zu den bedeutendsten Vertreterinnen der afroamerikanischen Literatur und erhielt 1993 den Literaturnobelpreis für ihr Gesamtwerk. [zurück]
  5. WACHENDORFER, URSULA: Soziale Konstruktion von Weiß-Sein. Zum Selbstverständnis Weißer TherapeutInnen und BeraterInnen. In: del Mar Castro Varela, Maria u. a. (Hrsg.): Suchbewegungen. Interkulturelle Beratung und Therapie. Tübingen 1998 [zurück]
  6. BRODEN, ANNE / MECHERIL, PAUL U. A. : Migrationsgesellschaftliche Re-Präsentationen. Eine Einführung. In: Broden, Anne /Mecheril, Paul u. a. (Hrsg.): Re-Präsentationen. Dynamiken der Migrationsgesellschaft (pdf). Düsseldorf 2007 [zurück]
  7. MINH-HA, TRINH T.: Woman, Native, Other. Writing Postcoloniality and Feminism. Bloomington et al. [zurück]
  8. SCHWARZBACH-APITHY, ARETHA: Interkulturalität und anti-rassistische Weis(s)heiten an Berliner Universitäten. In: Eggers, Maureen Maisha u. a. (Hrsg.):Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland. Münster 2005 [zurück]
  9. REUTER, JULIA: Ordnungen des Anderen. Zum Problem des Eigenen in der Soziologie des Fremden. Bielefeld 2002 [zurück]
  10. kursiv hervorgeboben im Original: weiß [zurück]
  11. AHMED, SARA: Strange Encounters – Embodied Others in Post-Coloniality. London 2000. [zurück]
  12. Rassifizierung bezieht sich auf das Verständnis von »Rasse« als sozialer Konstruktion. Ähnlich wie bei der sozialen Klasse liegt dieser Konstruktion im weißen Europa ein gewaltsamer historischer und kultureller Herstellungsprozess zu Grunde, zu dem insbesondere der europäische Kolonialismus gehört (vgl. u. a. Melber 1992). Anmerkung: Astrid Albrecht-Heide 2009. Ebd. [zurück]

Zum Thema siehe auch die Literaturliste “Weißsein“. Diese Titel können bei der edition assemblage bestellt und bezogen werden.

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