Konferenzbericht: „Rassismus, Wissen(schaft) und Universität“

von Nadja Ofuatey-Rahal

Am 26. – 28. Juni 2009 fand in der Berliner Werkstatt der Kulturen (WdK) die Konferenz „Rassismus, Wissen(schaft) und Universität“ statt. Konzipiert und organisiert worden war sie von einem DozentInnen-/StudentInnen Team der Berliner Humboldt Universität bestehend aus Susan Arndt, Julia Brilling, Ana Keita und Philipp Khabo Köpsell, die sich mit Sharon Dodua Otoo eine tatkräftigen Unterstützerin aus dem Kulturmanagement ins Boot geholt hatten. Die ansprechende Komposition von Performances, Theaterstücken, akademischen Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Arbeitsgruppen bot den über 200 TeilnehmerInnen eine anregenden Diskussionsatmosphäre. Ich selbst war eingeladen, die Konferenz als Beobachterin und Abschlussmoderatorin zu begleiten.

In ihrer Ankündigung hatten die VeranstalterInnen geschrieben: „Rassismus gehört zu den wirkmächtigsten und folgenschwersten historischen Hypotheken, mit denen sich die Welt auch im 21. Jahrhundert auseinander zu setzen hat. Widerstand gegen Rassismus setzt Wissen darüber voraus, wie er entstanden ist, von Weißen in Europa historisch tradiert wurde und bis heute in Sprache, Medien, Wissenschaft und Gesellschaft fortwirkt.“ So motiviert, setzte es sich die Tagung zum Ziel, herauszuarbeiten, wie kolonial entstandenes rassistisches Wissen in der deutschen Gesellschaft – und konkret in deutschen Universitäten und Medien – bis heute prominent fortwirkt und zugleich auch von People of Colour (POC) widerständig herausgefordert wurde und wird.
Indem Rassismus in Deutschland seitens Vertretern der Mehrheitsgesellschaft gern mit dem irreführenden Begriff „Fremdenfeindlichkeit“ gleich gesetzt/auf ihn reduziert und so an das politische Rechtsaußenspektrum delegiert wird, wird er gleichzeitig auch negiert. Physische Aggression gegen People of Colour – so furchtbar und Angst einflössend sie auch ist– repräsentiert aber nur die Spitze des rassistischen Eisbergs, ist nicht der Eisberg selbst. Das Verständnis von Rassismus, auf dem die Tagung aufbaute, beschrieb Susan Arndt in ihrem Eröffnungsvortrag als “europäischen Denktradition und Ideologie, die aus einer weißen Machtposition heraus weiße Ansprüche auf Herrschaft, Macht, Gewalt und Privilegien legitimieren soll.” Auf innovative Weise setzte sich die Tagung in diesem Rahmen das Ziel, die partiell divergierenden, sich aber historisch auch verschränkenden Diskriminierungsgeschichten des Rassismus zusammenzudenken. Eine vergleichende Perspektive auf Rassismus gegen Menschen der afrikanischen Diasporas, Antisemitismus, anti-islamischen Rassismus und Rassismus gegen Sinti und gegen Roma war ein leitmotivisches Anliegen der Tagung. Bei dem Panel zu „Deutschlands rassistische Mythen – Erinnerung als Erzählung gegen Verdrängungsstrategien“ sowie der Podiumsdiskussion “Rassismus in der deutschen Gesellschaft und Widerstand” beispielsweise traten RepräsentantInnen verschiedener rassistisch diskriminierter Communities in einen direkten Dialog über Geschichtlichkeit von Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus und Anti-islamischem Rassismus. Zwar wurde einerseits die Unterschiedlichkeit der rassifizierenden Konstruktionen in ihrer historischen Entwicklung heraus gearbeitet, andererseits konnten aber eben auch die strukturellen Ähnlichkeiten bis in die Gegenwart hinein bezeugt werden. Dabei wurde der „Opferkonkurrenz“ zu keinem Zeitpunkt Raum gegeben.

Historisch tradierter Rassismus in Deutschland, so der Konsens , ist strukturell und diskursiv in Form von Macht, Gewalt und Wissen allgegenwärtig. Ein zentraler Schauplatz sind etwa universitäre Strukturen, wo andere Perspektiven/Stimmen als die der weißen Mehrheitsgesellschaft kaum zu hören sind. Das liegt daran, dass Stimmen von People of Colour unterrepräsentiert bleiben, wo Weiße Abwehrmechanismen entfalten und ihre weißen Räume weiß halten (Wachendorfer). Analog dazu haben in der bundesdeutschen Medienlandschaft, trotz eines „migrantischen“ Bevölkerungsanteils von mittlerweile 20%, nur etwa 1,5% der RedakteurInnen eine migrantische Biografie. Wie sich das auf die Inhalte und Bilder auswirkt, die uns und unseren Kindern in der schulischen wie auch universitären Ausbildung vermittelt werden oder uns über Print, Radiowelle und Bildschirm erreichen, muss hier nicht noch einmal explizit ausgeführt werden.

Wenn dann noch erschwerend die Leugnung der Tatsache durch die Mehrheitsgesellschaft hinzu kommt, dass Weißsein – genau wie Schwarzsein auch- ein rassifiziertes Konstrukt ist – allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass Weißsein in Deutschland derart wirkmächtig/selbstverständlich zur Norm erhoben wurde, dass es unbenannt/verschleiert bleiben darf und somit synonym mit Objektivität, Expertenschaft, Macht, Vernunft und Recht verwendet wird –, dann kann schmerzlich erahnt werden, wie immens der Raum des Ungesagten, Ungehörten, Unrepräsentierten wirklich ist.

Die seit Beginn der 1990er Jahren in den USA initiierte Wendung in der Rassismusforschung weg von People of Colour, hin auf diejenigen Strukturen und Subjekte, die Rassismus verursachen und von rassifizierenden Prozessen profitieren, wird in Deutschland Kritische Weißseinsforschung genannt und hat als Forschungsrichtung in deutschen Universitäten bislang nur zaghaft Fuß gefasst.

Ihrem Unmut Luft über die Lage an den Berliner Universitäten machten dann Schwarze, Weiße und POC- Studenten der unterschiedlichen Studienrichtungen in einer großen Diskussionsrunde zum Thema „Rassistisches Wissen und Rassismus an der Universität – politischer Anspruch und wissenschaftlicher Rahmen“. Für sie ist Hochschule kein neutraler Raum, sondern ein Ort der Ausübung von (Vor-) Herrschaftsansprüchen, verkrusteter Strukturen, von Denk- und Lehrkonzepten als Konsequenz eines traditionellen weißen Dominanzanspruchs. So mussten auch junge WissenschaftlerInnen aus anderen Teilen Deutschlands, insbesondere am Beispiel der deutschsprachigen Ethnologie im Rahmen des Panels „Rassismus und Wissen(schaft)“ fest stellen, dass es in ihrem Fach zum einen eine erstaunliche Kontinuität in der Forschung während und nach dem Ende des Nationalsozialismus gab, dass der Trend zur Ethnisierung und Homogenisierung der von Weißen als ‘Anders’ konstruierten ungebrochen ist und der Perspektivwechsel weg vom Ethnozentrismus, auch unter Einbeziehung der Selbstidentität des Forschenden, nicht vollzogen wurde.

Doch es ging auch in die Praxis. MenschenrechtsaktivistInnen aus den Reihen der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD), Afrodeutscher Frauen (AdeFra), der jüdischen Gemeinschaft sowie der Sinti & Roma berichteten über ihre Arbeit der letzten Jahrzehnte und stellten ihre unterschiedlichen Widerstandsstrategien dar, sei es im politischen Aktivismus, der Jugendarbeit, der Publizistik, auf juristischem Wege oder in der Kulturarbeit.

PraktikerInnen aus der Anti-Rassismus- und der Empowermentarbeit, der Theaterpädagogik, der Publizistik und der Kunstproduktion referierten aus Ihrer Berufserfahrung. Und schließlich verpackten PerformerInnen, AutorInnen und Theaterleute mit Spoken Word, Performances, Lesungen und Satire die kritische Analyse des Rassismus und einen erprobten Widerstand gegen ihn in poetische und performerische Darbietungen, die Kopf, Herz und Lachmuskeln gleichermaßen beanspruchten. Insbesondere möchte ich hier die Arbeiten von Philipp Khabo Köpsell (u.a. „Dein Afrika und Albtraum – ein besseres Spendengesuch“), Sharon Dodua Otoo (Writing in my Stepmother Tongue) und Mutlu Ergün („sesperado im vollen effekt”) erwähnen, deren Darbietungen mich persönlich sehr beeindruckt und berührt haben. So sehr in dieser 3-tägigen tour de force die Köpfe auch qualmten, es wurde auch viel gelacht und Mut gemacht. Letztlich bleibt die Hoffnung, dass diese Veranstaltung nicht die Letzte ihrer Art bleiben wird und sich daraus vielleicht in Zukunft ein regelmäßiges Format entwickeln wird.

Nadja Ofuatey-Rahal

München, im Juli 2009

Zu den beitragenden WissenschaftlerInnen, AktivistInnen und Studierenden zählten: Joshua Kwesi Aikins, Susan Arndt, Tina Bach, Jonas Berhe, Navina Njiabi Bolla-Bong, Julia Brilling, Janina Chetty, Chandra Milena-Danielzik, Aicha Diallo, Dirk Eilers, Mutlu Ergün, Kien Nghi Ha, Ana Keita, Natasha A. Kelly, Philipp Khabo Köpsell, Franziska Kramer, Grada Kilomba, Armin Massing, Tania Meier, Sheila Mysorekar, Andrés Nader, Katharina Oguntoye, Patricia Redzewski, ManuEla Ritz, Magnus Rosengarten, Jan Severin, Juliane Strohschein, Noah Sow, Daniel Strauss, Anna Weicker, Siraad Wiedenroth, Mai Zeidani.

Zum Thema siehe auch die Literaturliste “Weißsein“. Diese Titel können bei der edition assemblage bestellt und bezogen werden.

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