Inhalt mit Leben füllen. Wir sind die Vielfalt im Literaturbetrieb.

Editorial: bookfair Nr. 03/14

In einem Verlag zu arbeiten, die Entstehung eines Buches mitzuerleben und aktiv zu gestalten ist
eine wunderschöne Arbeit.
Es fängt an mit einem Gespräch, einer Idee, vielleicht gibt es sogar schon ein Manuskript. Jedes Mal ist es spannend, sich auf den neuen Text einzulassen: den*die Autor*in zu unterstützen, am Aufbau und an der Sprache zu feilen, Organisatorisches zu planen, sich auf ein Cover zu einigen, das Buch zu setzen und zu gestalten … hunderte von Emails gehen hin und her, es wird diskutiert,
geplant, gearbeitet. Dann wird gedruckt, und wenn schließlich das Paket mit den fertigen Büchern eintrifft, ist das jedes Mal ein bisschen wie Weihnachten.

Was könnte überhaupt noch schöner sein?
Naja, es gibt viele Faktoren, die beeinflussen, ob mensch sich bei der Arbeit wohl fühlt. Ein ganz wichtiger ist sicherlich, dass die Tätigkeit selbst Spaß macht, sinnvoll und und wichtig erscheint.
Doch was hilft das alles, wenn da ein*e Chef*in sitzt, der*die alles allein bestimmt, wenn die unterschiedlichen Aufgabenbereiche so spezialisiert und isoliert sind, dass der*die Einzelne gar keinen
Bezug mehr zum Ganzen hat? Oder wenn die Kolleg*innen immer auch Konkurrent*innen sind? Oder wenn wirtschaftlicher Druck dazu führt, dass Massentauglichkeit, Verkaufbarkeit zum alleinigen Bewertungsmaßstab eines Buchprojekts wird?

Wie also arbeiten, um diese Probleme nicht zu haben?
Viele machen sich selbstständig, werden der*die eigene Chef*in. Andere wollen aber lieber gemeinsam arbeiten und organisieren sich als Kollektiv. Ob das auf dem Papier nun eine Genossenschaft ist, der Wirtschaftsbetrieb eines Vereins, eine GmbH oder was auch immer spielt dabei eine untergeordnete Rolle, wichtig ist viel mehr, wie das Ganze mit Inhalt und Leben gefüllt wird.
Es müssen Wege gefunden werden, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung gemeinsam zu tragen und dabei Raum zu lassen für die Individualität jedes*jeder Einzelnen. Das klappt aber sehr gut, wenn sich alle aufeinander einlassen und für sich selbst den passenden Platz im Kollektiv finden. Und wenn dann alle ihre unterschiedlichen Fähigkeiten, Wünsche und Vorstellungen einbringen, sich gegenseitig unterstützen, voneinander lernen und sich gleichberechtigt und ehrlich kritisieren können, bereichert das nicht nur das Arbeitsklima ungemein, sondern verbessert die Qualität und erhöht die Vielfalt des Programms.
Eine weitere Besonderheit der solidarischen Ökonomie ist es, dass die Gemeinschaftlichkeit nicht auf den eigenen Betrieb beschränkt ist. Viele kleine, linke Verlage machen zum Beispiel Werbung füreinander, stehen sich bei inhaltlichen Fragen und technischen Problemen mit Rat und Tat zur Seite oder organisieren gemeinsame Veranstaltungen; Übersetzungsrechte und ähnliches werden, sofern der*die Autor*in einverstanden ist, eher im Austausch oder umsonst als gegen Geld vergeben. Diesen Umgang pflegen wohl die meisten Kollektive miteinander, und auch ähnlich denkende Menschen, die zum Beispiel in ihrem Verlag, ihrer Druckerei arbeiten oder vielleicht als Grafiker*innen selbstständig sind, teilen oftmals diesen Anspruch der Solidarität und gegenseitigen Hilfe.
Wo Geld verdienen nicht das Ziel ist, sondern nur Mittel zum Zweck – nämlich weiterhin gute Bücher zu machen –, sind ausgefahrene Ellenbogen völlig überflüssig: Gemeinsam sind wir nicht nur stärker, wir haben auch mehr Spaß.
Bücher, die in einem solchen Umfeld entstehen, haben etwas Besonderes an sich. Die Begeisterung der Menschen, die daran arbeiten, zeigt sich oft in kleinen Details wie beispielsweise außergewöhnlichen Schreibweisen, liebevoll gestalteten Covern oder einem etwas anderen Blickwinkel auf ein Thema. Und selbst kleine Fehler zeigen schließlich nur, dass gerade ein Mensch in seine Aufgabe hineinwächst.
Kleine, unabhängige Verlage sind wichtig: für die Menschen, die dort arbeiten, und für alle Menschen, die Bücher lieben – denn Themen und Herangehensweisen, die bei „den Großen“ keine Chance haben, finden hier ihre Nische und bereichern die Literaturlandschaft.

carina, edition assemblage

Die Zeitung könnt ihr hier online lesen.

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