Foucault souverän gewendet

[drift|der Freitag]
baul_cken: abrisse. innen- und außenansichten einsperrender institutionen, edition assemblage

Rezension von Claudia Krieg, 07.12.2011

Etwa 72.000 Menschen sind zur Zeit in deutschen Justizvollzugsanstalten inhaftiert. Die Bilder, die vom “Knastalltag” existieren, changieren irgendwo zwischen den Stereotypen von “Schwerverbrechern in Luxuszellen” oder “armen Schweinen, denen nicht anders geholfen werden kann”. Darüber, wie die Realität dieser mehreren Zehntausend Menschen tatsächlich aussieht, ist wenig bekannt. Die “Innen- und Außenansichten einsperrender Institutionen” wie Gefängnis eine von ihnen ist, müssen unter anderem aus diesem Grund wieder mehr auf die Agenda, befand die Initiative baul_cken aus Hannover. Seit über drei Jahren beschäftigt sich die Gruppe, die gerade den Band abrisse herausgegeben hat, mit der Notwendigkeit einer generellen Auseinandersetzung mit Knast an sich. Was vor 30, 40 Jahren noch selbstverständlich im radikaleren Diskurs war, habe sich, so die Autor_innen, schleichend aus dem linken Themenspektrum entfernt, beziehungsweise den Wandel zur bürgerlichen Position oder auch zur Rückzugsperspektive vollzogen.

Als unter anderem Michel Foucault vor fast 40 Jahren in Frankreich die Gruppe GIP, die Groupe d`information sur les prisons, gründete, war eine der ersten Maßnahmen, mithilfe von Familienmitgliedern von Inhaftierten, Fragebögen in die Haftanstalten zu schmuggeln, um anschließend über die Lebensbedingungen und vor allem die “Untolerierbarkeiten” in den Knästen berichten zu können. baul_cken hat diese Methode aufgegriffen und gemeinsam mit einem Gefangenen Fragebögen entworfen, allerdings nicht um die Menschen “drinnen” zu befragen, sondern die Menschen “draußen” – für die Menschen “drinnen”, so dass diese zum Beispiel etwas darüber erfahren können, was die Menschen “draußen” so über sie denken. Was hier angenehm nüchtern als “Gemeinschaftsprojekt” beschrieben wird, trägt dem Gesamteindruck Rechnung, dass es abrisse gelingt, über den Zustand von Solidaritätsbekundungen hinauszugelangen und eine souveräne Wendung in der Komplexität des Feldes zu vollziehen – hin zu einer kurzen, aber genauen Analyse von Akteur_innen, Interessen und Strategien, aber auch von Aspekten wie Geschlecht und Widerständigkeiten.

abrisse sind eine Zusammenstellung kluger Überlegungen und historischer Einordnungen inklusive retrospektiver Neubewertungen von Versuchen, mit denen sich Knast, Theorien des Ein- und Ausschlusses und einer Kritik daran genähert werden kann. Besagtes Projekt von Michel Foucault oder auch die Beschäftigungen Gilles Deleuzes werden dafür genauso hinzugezogen wie Interviews mit Anwält_innen oder eine Einschätzung des Verlaufs der Diskussion um die sogenannte Sicherungsverwahrung, die abzuschaffen sich deutsche Justizminister_innen wehrten – entgegen dem Verbot des Europäischen Menschengerichtshofs.

Ob nun die eigene Erfahrung oder Nachdenken über “drinnen” und “draussen” ausschlaggebend für ein Interesse an Knast ist, der schmale Band sei allen empfohlen, denen der eine oder andere Laut von sich schließenden Türen quer durch den Kopf hallt.

Links:
http://drift-books.de/politikundgeschichte.html?PHPSESSID=80776e64834943eabc7db3e7a9f37f71
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http://www.freitag.de/community/blogs/clau/knastkritik-und-feministische-geschichte-bei-der-edition-assemblage

Klapperfeld – Frankfurt a. M. | GegenBuchMasse – Oktober 2011:

Die Interviews zum Thema Gefängnis, die vom »projekt baul_cken« auf der Buchmesse geführt und während des Vortrags abgespielt wurden, könnt ihr hier einzeln abspielen.

bau_lücken weblog

projekt baul_cken
Abrisse
innen- und außenansichten einsperrender institutionen
128 Seiten, 12.80 Euro
ISBN 978-3-942885-06-5
Oktober 2011
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Lesungen und Veranstaltungen mit dem Projekt bau_cken:

::contact us at:: baul_cken(a)riseup.net

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