Es lohnt sich immer, genauer hinzuschauen

Carina von der edition assemblage spricht mit Sharon Dodua Otoo über ihre Bücher, das Schreiben und die besondere Bedeutung von Farben

Erschienen in: bookfair-Zeitung Nr. 03/14. Oktober 2014

Carina: Wie bist du auf die Idee gekommen, die Kapitel in deinem ersten Buch „die dinge, die ich denke, während ich höflich lächle …“ in umgekehrter Reihenfolge anzuordnen? Ist die Geschichte tatsächlich so entstanden, oder hast du sie „richtigherum“ geschrieben und im Nachhinein umgedreht?

Sharon: „die dinge …“ ist bruchhaft entstanden. Als ich angefangen habe zu schreiben wusste ich noch nicht, dass es eine Novelle wird. Ich hatte bis dahin lediglich Gedichte und Kurzgeschichten geschrieben. Ende 2010 schaute ich mir verschiedene Texte an, die ich geschrieben hatte, und setzte mir das Ziel, erstmal drei Kapitel daraus zu machen. Schon da wusste ich, dass es für mich nicht so spannend sein würde, eine „Ob sie sich trennen?“-Geschichte zu schreiben. Vielmehr wollte ich beschreiben, wie es genau zu der Trennung kam. Das finde ich viel interessanter. Da bin ich von Brecht sehr beeinflusst.

Die Idee mit dem Rückwärtsschreiben kam dann relativ schnell. Das war eine Herausforderung, denn obwohl die Geschichte aus der Ich-Perspektive geschrieben ist, war es ab und an wichtig, die Leser_innen Sachen erfahren zu lassen, die die Hauptfigur eigentlich nicht wissen konnte. Aber ich bin mit dem Ergebnis sehr glücklich.

Carina: Dein neues Buch „Synchronicity“ ist eine Adventsgeschichte, die Weihnachten nur am Rande thematisiert. Wie bist du auf diese spannende Idee gekommen?

Sharon: Ursprünglich wollte ich einfach einigen meiner engsten Freund_innen eine Freude machen. Ich habe ihnen im Dezember 2013 jeden Tag ein Kapitel per Mail geschickt. Ich wusste anfangs selber nicht genau, wie die Geschichte ausgehen sollte – es war mir wichtig, wegen der Jahreszeit, dass sie ein „Happy End“ hat, aber der Schluss sollte nicht klischeehaft sein. Manchmal saß ich vor dem Rechner und wusste nicht, wie ich die Protagonistin Cee nun aus dieser Situation rauskriegen soll! Da war das Feedback, das ich zwischendurch bekommen habe, sehr hilfreich. Einige Fragen, die mir zum Beispiel meine Familienmitglieder stellten, haben mich herausgefordert, eine logische Antwort zu finden.

Carina: Cee verliert nach und nach die Fähigkeit, Farben zu sehen, was ihr beruflich und privat einige Schwierigkeiten einbringt. Hätte es auch z.B. ihr Geruchssinn sein können oder haben Farben für dich eine besondere (symbolische) Bedeutung?

Sharon: Mein Geruchssinn ist nicht besonders gut ausgeprägt – daraus wäre keine gute Geschichte geworden! Nein, ich habe bewusst Farben gewählt. Anfangs gefiel mir die Vorstellung, dass sehende Personen, die mein Buch lesen, vielleicht eine zeitlang durch die Gegend laufen und Sachen anders betrachten oder wahrnehmen. Relativ früh habe ich auch über Hautfarben nachgedacht – oder vielmehr über unsere Interpretation von Hautfarben. Zum Beispiel, ob es eigentlich möglich wäre, weiß positionierte Personen ausschließlich an ihrer Körpersprache oder Benehmen zu erkennen, und wenn ja, woran das liegen würde? In „Synchronicity“ suche ich unter anderem auf diese Fragen eine Antwort.

Carina: Wie bist du auf Sita Ngoumou als Illustratorin gekommen? Wie war die Zusammenarbeit mit ihr?

Sharon: Die Zusammenarbeit mit Sita war wunderbar! Ich kannte sie vorher nicht und hatte ihre Bilder bis dahin nur auf Facebook gesehen. Ihre Schwester hatte mir erzählt, dass Sita mit mir wegen eines anderen Projekts Kontakt aufnehmen wollte. Ich habe ihr die Geschichte geschickt und sie war begeistert. Ich finde die Illustrationen genial. Sita schafft es, die Emotionen und Ideen, über die ich schreibe, auf einer ganz anderen Ebene den Lesenden zu kommunizieren. Ich bin wirklich sehr glücklich und fühle mich geehrt, dass „Synchronicity“ ihre Bilder haben darf.

Carina: Sowohl „die dinge …“ als auch „Synchronicity“ sind verhältnismäßig kurze Geschichten, die aber eine große Bandbreite an Themen aufgreifen. Ist das eher Zufall oder ist es eine bewusste Entscheidung für eine stark verdichtete Erzählweise?

Sharon: Das ist kein Zufall. Ich bin eine sehr ungeduldige Person (Ich glaube ehrlich gesagt, dass ich eine undiagnostizierte ADHS habe. Ich habe einfach das Glück, Situationen vermeiden zu können, wo das auffallen könnte). Es war schon eine große Herausforderung für mich, länger als eine Woche am gleichen Text zu schreiben. Und selbst dann schreibe ich eher Textbausteine oder Puzzlestücke. Ich finde, ich habe gemogelt!

Carina: Die Protagonistin von „die dinge …“ ist sehr widersprüchlich, sie ist zwar durch die Erzählperspektive die Identifikationsfigur der Geschichte, aber sich mit ihr zu identifizieren ist schmerzhaft. Wie fühlte es sich für dich beim Schreiben an, aus ihrer Perspektive zu erzählen? Und ist die deutlich sympathischere und reflektiertere Cee auch ein Stück weit eine Gegendarstellung dazu?

Sharon: Das freut mich, dass du findest, dass die beiden Frauen sehr unterschiedlich sind! Ich war mir selber nicht so ganz sicher. Sie haben schließlich vieles gemeinsam – wohnen beide in Berlin, sind beide Mutter … Die Protagonistin von „die dinge …“ zu schreiben hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich finde, sie ist jemand, die wir alle in Wirklichkeit auch sind – haben wir nicht alle widersprüchliche Aspekte in uns? Vielleicht schaffen wir es besser, diese zu verbergen … Die meisten Menschen, die ich kenne sind einfach so: Sie wollen geliebt und geschätzt werden und fühlen sich nicht wirklich von ihrem Mitmenschen verstanden. Sie (re)agieren aus einem Schmerz heraus und merken – wenn überhaupt – viel zu spät, dass wir alle am strugglen sind. Dazu fällt mir ein Zitat ein, das mir hilft, gelassener mit Menschen umzugehen. „Everyone you meet is fighting a battle you know nothing about. Be kind – always.“

Cee sollte eigentlich eine Gegendarstellung sein. Auch sie hat ihre Ecken und Kanten. Ich glaube es ist einfacher, sich als Leser*in mit Cee zu identifizieren, weil sie selber zur Änderung bereit ist.

Carina: Mir gefällt an deinen Büchern besonders, dass es auch beim zweiten und dritten Lesen noch viel zu entdecken gibt, dass ganz Entscheidendes nur subtil angedeutet wird. Das birgt aber auch die Gefahr, dass diese Dinge vielleicht nicht wahrgenommen werden. Ist dir das denn wichtig, oder reicht es dir auch, wenn deine Bücher „nur“ als schöne Literatur gesehen werden?

Sharon: Aber that’s real life no? Ich würde sagen, es lohnt sich immer genauer hinzuschauen, genauer hinzuhören. Ok … fast immer.

Carina: Was liest du selbst gerade, beziehungsweise was ist dein derzeitiges Lieblingsbuch?

Sharon: Ich lese sehr langsam und darum lange nicht so viel wie ich gerne lesen würde. Gerade bin ich bei Deniz Utlu „Die Ungehaltenen“ – der zweite Teil gefällt mir bisher am meisten, besonders die träumerischen Teile, die hier und da durch die Geschichte gestreut sind. Neulich habe ich eine Rezension zum Buch gelesen, die mir sehr geärgert hat, da Utlu nicht als Schriftsteller wahrgenommen wurde (und sein Werk nicht als Roman), sondern als „irgendwas mit Migrationshintergrund“. Der Kritiker schien davon auszugehen, solche Autor_innen können per Definition nichts wirklich Relevantes schreiben. Ich weiß, dass ich auch in solche Schubladen gesteckt werde. Tja, wenigstens habe ich wirklich eine Migrationsgeschichte – ich bin hierher aus GB gezogen. Utlu wurde allerdings in Hannover geboren!

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