Call for Papers für “Gegendiagnose 2″

+++for English see below+++

Get well soon. Reihe zu Psycho_Gesundheitspolitik im Kapitalismus
Die Reihe entstand aus dem Bedauern über den Platz, den eine radikale Kritik an den Institutionen und Disziplinen Psychiatrie und Psychologie aktuell einnimmt. Unser Ziel ist es, das Thema Antipsychiatrie wieder zurück in den Kanon emanzipativer Politik zu bringen und inhaltlich zu aktualisieren. Es ist notwendig, sich mit der Reformierung des psychiatrischen Systems auseinanderzusetzen und antipsychiatrische Kritik dem aktuellen Zustand anzupassen. Entsprechend soll die Kritik auch auf die Kategorien von mentaler Gesundheit_Krankheit außerhalb der Anstalt ausgeweitet werden. Zudem wird ein Raum geschaffen, um – in Abgrenzung zum verkürzten Mainstream-Diskurs, welcher vorrangig eine skrupellose Pharma-Industrie am Werke sieht – radikal die gesellschaftliche Funktion des psychiatrisch-psychologischen Systems zu beleuchten. Dabei sind auch die Leerstellen der bisherigen Antipsychiatrie zu füllen. Daher beschäftigt sich diese Reihe vor allem mit Fragen des Zusammenwirkens psychiatrisch_psychologischer Konzepte, mit rassistischen, sexistischen und ökonomischen Unterdrückungsverhältnissen und ihren Wirkungsweisen im neoliberalen Gesundheitssystem.

Zum geplanten 2.Band
Der erste Band „Gegendiagnose“ hatte die Frage nach der Aktualisierung der antipsychiatrischen Theorie zum Schwerpunkt. Viele Beiträge beschäftigten sich mit dem Wirken des psychiatrisch_psychologischen Systems auf die und in der Gesellschaft. Nun möchten wir im zweiten Sammelband den Fokus auf die Selbstbeherrschung und -normierung legen. Uns interessieren also vor allem Momente, in denen „wir“ uns selbst anhand psychiatrisch_pychologischer Kategorien regieren und formen. Aber auch wie Widerstand und Alternativen zum Bestehenden möglich sind. Wir möchten Euch aber auch explizit einladen, Abstracts einzureichen, wenn sich Euer Beitrag nicht in diesem geplanten Schwerpunkt verortet. Zugleich möchten wir das inhaltliche Spektrum erweitern und ganz dem Titel der Reihe gemäß auch Raum für gesundheitspolitische Themen eröffnen, die sich an der unscharfen Grenze zwischen „psychisch“ und „körperlich“ bewegen, gerade da biologistische und neurologische Konzepte in den psychologisch_psychiatrischen Diskursen diese Trennung auflösen.

Leitende Fragestellungen der Beiträge könnten lauten:
- Inwiefern hat sich das psychiatrisch_psychologische System erweitert und ist mittlerweile Alltag aller Menschen und nicht nur derjenigen, die eine Diagnose erhalten haben?
- Wie kann eine aktuelle Analyse der (Wirk)Macht des psychiatrischen_psychologischen Systems aussehen, die auch Formen der freiwilligen Selbstherrschaft bzw. -regierung beinhaltet?
- Welche Rolle spielt das psychiatrisch_psychologische System in der Verschiebung von politischen Konflikten auf die Ebene des einzelnen Menschen?
- Bedeutungen von Diagnosen im Kontext von Anerkennung und Marginalisierung
- Berichte aus der Praxis / von eigenen Erfahrungen
- Spannungen / Konflikte / Ambivalenzen zwischen antipsychiatrischen und anderen  Bewegungen
- Kritik aus heutiger Sicht auf die antipsychiatrischen Theorien der 60er und 70er Jahre
- Welche Techniken und Strategien der Selbstfürsorge haben mir geholfen und was würde ich mir von Unterstützer*Innen wünschen?
- Inwiefern lassen sich Formen der psychiatrisch_psychologischen (Selbst)beherrschung in eine Analyse kapitalistischer Strukturen einordnen, unter Berücksichtigung historischer und lokaler
Spezifika?
- Verknüpfungen psychiatrisch_psychologischen Wissens und entsprechender Konzepte mit Rassismus, Kolonialismus, Sexismus und weiteren Unterdrückungsverhältnissen.

Die aufgeworfenen Fragen sind keineswegs vollständig und lediglich als Anregungen zu verstehen. Auch gibt es noch kein fixes Konzept, sodass wir explizit dazu einladen, eigene Ideen anzubringen. Worauf wir allerdings bei der Auswahl der Artikel wertlegen, ist neben einfacher Sprache,  eine herrschaftskritische Reflexion des methodischen Zugangs und der eigenen gesellschaftlichen/beruflichen/Betroffenen-Positionierung im jeweiligen Themenfeld1. Auch erwarten wir die Bereitschaft, mit uns gemeinsam am jeweiligen Artikel zu arbeiten, sofern das für die inhaltliche Ausrichtung des Sammelbandes nötig scheint. Ganz besonders möchten wir Menschen, welche eigene Erfahrungen im psychiatrisch_psychologischen System haben, einladen, Beiträge einzusenden.

Einsendung von Abstracts
Um die inhaltliche Ausrichtung eines Beitrags besser einschätzen zu können, bitten wir bis zum 01.05.2017 um die Einsendung einer halb- bis einseitigen Skizze, die das Thema erläutert und den methodischen Zugang reflektiert, an: getwellsoon@riseup.net

Über diese E-Mail-Adresse könnt ihr uns gerne auch für Rückfragen und Unsicherheiten kontaktieren. Wir werden euch dann bis Juli mitteilen, ob wir an dem Artikel Interesse haben oder ggf. Nachfragen zu dessen inhaltlicher Ausrichtung. Die angenommenen Artikel sollten zu November 2017 fertig sein. Für die Artikel ist eine Länge von etwa 3000-4000 Wörtern (10-15 Seiten) vorgesehen. Es wird ein Lektorat von uns und unseren Unterstützer*Innen geben. Wir sind darum bemüht alle Artikel aus verschiedenen Perspektiven lektorieren zu lassen. Die Veröffentlichung peilen wir im Herbst 2018 an.

Zu den Herausgeber*Innen
Alex ist als Ally in antipsychiatrischen Kontexten unterwegs, übt sich im peer-suport und versucht seinem politischem Selbst-Anspruch in Lohnarbeitsstrukturen treu zu bleiben.

Cora ist als Ally in antipsychiatrischen Kontexten unterwegs und hat den ersten Band mitherausgegeben.

Esto macht als Ally viel Support in ihrem engsten/familiären Umfeld und hat im ersten Band einen Artikel veröffentlicht.

Kim ist Ally, in antipsychiatrischen Zusammenhängen aktiv und hat den ersten Band mitherausgegeben.

1 Damit meinen wir allerdings nicht, dass wir erwarten oder gar voraussetzen, dass Autor*Innen sich als XY „outen“ in ihren Beiträgen, falls es nicht selbst so gewählt wird. Uns ist wichtig, dass vor allem nicht-betroffene Autor*Innen ihre Perspektive beim Schreiben bedenken.

Get Well Soon. Series about Psycho_Healthpolitics under Capitalism
The series is motivated by a frustration with the place that a radical critique of the institutions and disciplines of Psychiatry and Psychology currently occupies within emancipatory social criticism. During the 1960s and 1970s, a critical assessment of these institutions and their power/knowledge was a constituent element of leftist societal analysis. Today, in contrast, most of the left has little to offer in reply to a “professional” authority in moments of personal crisis or madness. In our view, it is necessary to come to grips with the profound changes in the mental health system over the last decades, and to develop a critique that matches the current conditions. We thus aim to create a space for radical commentary on the social function of psychiatry and psychology and so contribute to filling some of the lacunae that the antipsychiatric movement currently faces. We see this space in explicit opposition to the superficial critique of the pharmaceutical industry’s “ruthlessness” presented in mainstream discourse.
Therefore, a particular focus of this series will be the intersections of psychiatric_psychological concepts with oppressive racist, sexist, and economic power
relations as well as their effects within a neoliberalised health care system.

The Second Volume
The first Book ‘Gegendiagnose’ put the focus on an update of anti-psychiatric theories.
Many items dealt with the functioning of the psychiatric_psychological system into society. With the second part, we’d like to put the focus on self-control and self-normalization. We are mainly interested in the ways in which ‘we’ govern and form ourselves in relations to psychiatric_psychological categories. We are similarly interested in ways of resistance and alternatives to and against the existing system and structures. Nonetheless, we’d like to encourage you to send your abstracts in, even if they are not in this planned emphasis. Likewise, we’d like to extend the textual range in the meaning of the title of our book-series and like to open it up for health-political topics, which walk the thin line between ‘psychological’ and ”physical’. Especially because biologistic and neuronal concepts question this separation.

Topic Suggestions
• In which ways, did the psychiatric_psychological system expand and is now part of the
everyday life and not just relevant for those which were diagnosed?
• What would an up-to-date analyses look like, which criticizes the power of the
psychiatric_psychological system and includes voluntarily chosen self-control?
• What does the psychiatric_psychological system in the projections of political
conflicts into the tier of a single person(s health) mean?
• What is the meaning of diagnoses in the context of recognition and marginalization
• Reports of own experiences
• Tensions/ Conflicts/ Ambivalences between anti-psychiatric and other movements
• Todays critical view about the anti-psychiatric theories of the 60′s and 70′s
• Which techniques and strategies of self-care did help me and what would I wish for
from my supporters?
• In which way is it possible to include psychiatric_psychological (self-)control in an
analysis of capitalistic structures combined with historical and local specifics
• Correlations between psychiatric_psychological knowledge and racism, colonialism, sexism and other ways of oppression
The raised questions are in no way finished and should only be seen as suggestions.
There is no final concept yet, which is why we explicitly invite you, to bring foreword
your own ideas. However, when selecting articles,  simple language is important to us, as well as a critical-sovereignty reflection of the used method and a reflection of ones own social/job-wise/involved-position in the respective topic1. Furthermore, we expect
the willingness to work together with us on the specific papers, as far as it seems
necessary for the fitting into the textual direction of the book-series. We’d like to especially
invite people with own experiences in the psychiatric_psychological system to send us papers.

Submission of abstracts
To give us a better chance to orientate the content of your book contribution, we like you to ask to send us a short, half a page or a page long sketch, which describes your topic and
your methodological approach to:
getwellsoon@riseup.net
You can also use this email address to contact us anytime you have any questions or
insecurities. We will tell you in July if we are interested in your article or if we have comments about its content. Accepted articles should be finished in November 2017. Their length should be 3000 to 4000 words (10-15 pages). We and our supporters will proofread the articles. We’ll make every effort to get each article proof read from different perspectives. The release is scheduled for autumn 2018.
The book will be published in German. All english articles will be translated into German by us and professional supporters.

About the publishers
Alex is active in anti-psychiatric contexts as an ally He is practices by supporting others
and tries to fulfill his personal political demands in structures of wage labor.

Cora is active in anti-psychiatric contexts and has published the first book in the series.

Esto is doing support work in her local environment and has published an article in the firstbook of the series.

Kim is active in anti-psychiatric contexts and has published the first book in the series.

1 We don’t mean, that we expect or even insist, that authors* ‘reveal’ themselves in their articles, if they don’t choose to do so. But it is important for us, that notinvolved authors* reflect upon their own perspective.
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