Bevor Linke Gespenster umgehen lassen,

wird nicht immer so nachdrücklich über dessen Namen spekuliert wie im Fall von Marwa El-Sherbini.
Nach mittlerweile drei Wochen ist allmählich auch in den letzten Ecken bekannt geworden, dass es sich hierbei um mehr als nur einen spektakulären Fall handelt, in dem ein juristischer Rachemord in öffentlichen Räumen des Deutschen Staates begangen wird. Es war ein rassistischer Mord an einer arabischen Frau, die der Täter schon ein Jahr zuvor rassistisch beleidigt und dabei direkte Bezüge zu ihrem – am Kopftuch offenbar erkennbaren – muslimischen Glauben gemacht hatte. Zuletzt im Gerichtssaal macht er der Migrantin verbal deutlich, dass, wenn die NPD erstmal an der Macht ist, Schluss mit der Migration sei. Was hätte sie überhaupt hier verloren (vgl. http://www.zeit.de/2009/30/Islamophobie)? Sie wehrt sich schon seit einem Jahr juristisch und kämpft im Sinne des Antidiskriminierungsgesetzes um eine angemessene Bestrafung des Täters. Bekanntlich geschieht dies nur in den seltensten Fällen. Die Kämpfe gegen Rassismus und Rassismen im Alltag setzen sich zwischen und innerhalb subalterner Klassen eher fernab von bürgerlichen Verhandlungskonformitäten und staatlichen Gesetzlichkeiten durch. So wehren sich Migrantinnen und Migranten auch den Bedingungen entsprechend auf eine spezifische Art und Weise. Daher sind viel mehr Menschen, die als nicht mehrheitsdeutsch auffällig werden, alltäglichen Rassismen im Alltag und in Institutionen ausgesetzt als dokumentiert wird. Weitaus weniger Menschen werden allerdings während eines Mordgeschehens in einem Gericht, den etwa ihr Mann zu verhindern versuchte, selber wegen den augenscheinlichen Migrationshintergründen von der polizeilichen Staatsgewalt fälschlicherweise angeschossen. Die Details wie auch der Rest der Geschichte sind bekannt.
Die Medien verhalten sich zunächst distanziert. Es heißt, dass ein so genannter Russlanddeutscher eine junge Araberin ermodert hat. Der Kampf der Kulturen auf “deutschem Boden“ als Ausschlussverfahren aus einem funktional tüchtigen, sich quasi aus sich selbst heraus reproduzierendem deutschen Gesellschaftskorpus scheint zunächst geeignet. Schnell wird ein Ethnisierungsprozess von den Massenmedien eingesetzt, der den politischen Gehalt der rassistischen Tat zu verdecken versucht. Dass es keine Rassen, rassische Merkmale oder Ethnien an sich gibt, sondern Rassismus als soziales Verhältnis innerhalb spezifischer Konjunkturen und politischer Ethnisierungsprozesse durchzusetzen versucht wird, zeigt sich hier besonders deutlich. „Deutschland“ bemüht sich krampfhaft, den Täter semiotisch abzuschieben. Der nach völkisch institutionellem Recht deutsche Staatsbürger sieht in den Medien prompt weniger deutsch aus. Politisch betrachtet erscheint die sehr umstrittene vom Think tank, Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung, durchgeführte Bestandsaufnahme von Integration heute im Anschluss an den Nazimord mit Blick auf die nationalen Anstrengungen das Deutsch-Sein zu rehabilitieren, besonders hämisch (http://www.berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Zuwanderung/Integration_RZ_online.pdf),. In der Studie „Ungenutzte Potentiale“, in der erstmals einzelne migrantische Gruppen mit ethnisierenden Definitionsmechanismen und artifiziellen Legitimierungsprozessen separiert und der Stand ihrer „Integration“ anscheinend geprüft wird, heißt es, dass die große Gruppe der Aussiedler gute Integrationswerte aufweise und sich aktiv um die Integration in die deutsche Gesellschaft bemühe (vgl. http://www.berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Zuwanderung/Integration_RZ_online.pdf).
Von Bedeutung ist das politische und gesellschaftliche Interesse der Herrschenden daran, rechte Ideologie in diesem Fall zu „entdeutschen“. Vor diesem Hintergrund stellt sich für die unter den hiesigen Verhältnissen agierende – und gleichwohl sehr heterogene – Linke und ihrer Praxis die zentrale Frage, wieso sie von dieser inflationären Politik derart betroffen und beeindruckt ist, denn so richtig demonstriert, gemahnt und Politik gemacht, hat einfach niemand. Das ist dem Übergriff spezifisch und es sollte im Zusammenhang zum Mord mindestens genauso darüber nachgedacht werden. Die Ereignisse gilt es nun zu politisieren, denn unabwendbar waren die letzten drei Wochen auch Ausdruck der politischen Misere – oder diplomatischer – der Krise linker Gruppen und ihrem politischen Verhalten zu herrschenden rassistischen Verhältnissen. Die willensstarke Demo gegen Nazis am 18. Juli in Berlin, deren Anlass der gewalttätige Mordversuch von vier Neonazis an einem linken Aktivisten war, und auch die vielen spontanen und dynamischen Aktivitäten in der Mobilisierungswoche sind ein starkes Signal gegen Rechts. Im selben Moment spitzt sich das Problem des Antirassismus und Rassismus als Orte von Kritik und Praxis in Germany allerdings mit besonderer Vehemenz deutlich zu, auch wenn breite Teile der Linken den Nazimord an einer Araberin ähnlich wie die Mitte der Gesellschaft lieber verdrängt haben, was geneigte Beobachtende auch als zurückhaltende Reserviertheit bezeichnen können. Schließlich hat irgendetwas an dem Mord nicht gepasst und bevor mensch etwas Kritisierbares tut und sagt, sagt mensch in linken Kreisen bekanntlich ja lieber gar nichts.
Irgendwann kam die Nachricht ja dann doch mit aller Wucht hier an, und zwar erst mit der religiös verdichteten Aneignung des Themas von der ägyptischen, der iranischen und anderen Regierungen im Orient. Die islamische Hetze wiederum, die die Menschen in Ägypten in Forderungen etwa wie „Deutschland muss sterben“ formulierten, wurde hier schnell thematisiert. Der Mord eines Nazis an einer Migrantin, ja sogar an einer Frau, die mehr oder weniger bewusst feministisch und antirassistisch vor Gericht gekämpft hatte, nach wie vor weniger. Die religiöse Beschlagnahmung eines rassistischen Mordes hat insbesondere auch durch das Ausbleiben von kritischen Aneignungs- und Politisierungsversuchen die Überhand gewonnen, was in Zeiten einer allgemeinen „Verreligiösierung“ der Gesellschaften für emanzipative Entwicklungen gewiss kein Fundament bietet. Zu befürchten sind Rückschläge, die sich möglicherweise in einem Erstarken von rassistischen und antisemitischen Übergriffen wie auch staatlichen Kriminalisierungen von Migrantinnen und Migranten in Deutschland ausdrücken. Dass nicht nur der Osten, der Balkan, sondern auch die USA trotz change, Frankreich mit saint Sarko und auch Deutschland neue Konjunkturen der Symbiose zwischen Nationalismus und christlicher Nächstenliebe mit Nachdruck einzuläuten versuchen, sollte einer kritischen Analyse von Nationalismus, die sich im Zuge der neuen internationalen Verhältnisse reorganisiert, nicht entgangen sein. Hierbei werden auch neue Konjunkturen des Rassismus durchgesetzt. Und wenn die Opfer eines islamfeindlichen, rechten Rassismus religiöse Opfer sind, derer mensch sich nur am Rande und nur zögerlich annimmt, dann stehen wir wahrscheinlich vor einer neuen Geschichtsetappe, deren weiße und eurozentrische Klassenfarbe sich ein weiteres Mal distinguieren kann.
Vor dem Hintergrund des Mordes an Marwa El-Sherbini hätte die Linke ein linkes antinationales und antirassistisches Gespenst umgehen lassen können!

Ceren Türkmen, Berlin – Im Juli 2009

Siehe auch Rassismus in der Leistungsgesellschaft

This entry was posted in Memory and tagged , , , , , . Bookmark the permalink.

Hinterlasse eine Antwort