Berlin erinnert an den Sklavenhandel

Mit der Umbenennung des Gröbenufer im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg in May-Ayim-Ufer wurde in Deutschland erstmals eine Perspektivumkehr vollzogen: Statt eines Kolonialakteurs wird einer Aktivistin gegen Kolonialismus und Rassismus gedacht. In diesem Monat sollen die Straßenschilder ausgetauscht werden.

Drei Jahrzehnte Stützpunkt für den Sklavenhandel
Das Gröbenufer wurde 1895 nach Otto Friedrich von der Groeben (1656-1728) benannt. Im Auftrag des “Großen Kurfürsten” begründete der Offizier an der “Goldküste” des Golfes von Guinea, im heutigen Ghana, 1683 die brandenburgisch-preußische Handels-Kolonie Großfriedrichsburg. Die durch von der Groeben angelegte Festung diente der “Brandenburgisch-Afrikanischen Kompanie” für knapp drei Jahrzehnte als Stützpunkt für den Sklavenhandel. Bis zur Aufgabe der Kolonie im Jahre 1717 wurden von Brandenburg-Preußen mindestens 20.000 Menschen in die Karibik verschleppt und auf Sklavenmärkten verkauft.

May Ayim: Pionierinnen der kritischen Weißseinsforschung in Deutschland
May Ayim (1960-1996) war eine deutsche Dichterin, Pädagogin und Aktivistin der afrodeutschen Bewegung. Ab 1984 lebte sie in Berlin, wo sie eine Ausbildung als Logopädin machte und als Lehrbeauftragte an mehreren Hochschulen arbeitete. Sie gilt als eine der Pionierinnen der kritischen Weißseinsforschung in Deutschland. [BER: Koloniales Erbe]

Gröbenufer
Aus einem Dossier von Joshua Kwesi Aikins, Christian Kopp

Das Gröbenufer im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg wurde 1895 nach Otto Friedrich von
der Groeben (1656-1728) benannt. Der Offizier gilt als Begründer der brandenburgisch-preußischen Handelskolonie „Großfriedrichsburg“ – ein Küstenstreifen am Golf von Guinea (im heutigen Ghana), der im Namen des „Großen Kurfürsten“ Ende des 17. Jahrhunderts kolonisiert wurde. Die Straße erhielt ihren Namen im Zuge der Rückbesinnung auf kolonial-deutsche Traditionen während der Kolonialbestrebungen des Deutschen Reichs Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts. Die durch von der Groeben errichtete Kolonie diente der „Brandenburgisch-Africanischen Compagnie“ für knapp drei Jahrzehnte als Stützpunkt für den transatlantischen Sklavenhandel.
Von der Groeben erhielt im Jahre 1682 das Kommando über zwei Fregatten der brandenburgischen Flotte. An der Westküste Afrikas schloss er sogenannte „Schutzverträge“ mit lokalen Herrschern ab. Mit dem vermeintlich beiden Seiten dienlichen „Vertrag“ wurden die AnwohnerInnen zum Bau der Festung, zu Arbeitsleistungen für den Kommandanten und zur Wahrung des brandenburgischen Handelsmonopols verpflichtet.4 Die sogenannten „Schutzverträge“ stellten eine euphemistische Umschreibung für durch Täuschung, Betrug und unter Gewaltandrohung erwirkte Landnahme dar. Die Verrechtlichung über Verträge war eine Legitimierungsstrategie, die auch eine sprachlich-ideologische Komponente enthielt: In einer paternalistischen Geste versprachen die Verträge ‘Schutz’. Dieser bezog sich allerdings nicht auf
den Schutz der Bevölkerung vor Gewalt und Kolonialisierung, sondern auf den Schutz vor anderen europäischen Kolonialmächten und bestand in der Praxis nicht etwa im deklarierten Schutz der Bevölkerung, sondern im Schutz deutscher Machtansprüche und Machterhaltung.
So hissten am 1. Januar 1683 v.d. Groebens Soldaten nahe des Dorfes Poquero die brandenburgische Flagge und ließen dort die Feste „Großfriedrichsburg“ sowie eine Reihe kleinerer Militärstationen in der Umgebung errichten. Afrikanische Angreifer wurden mit Hilfe brandenburgischer Kanonen in die Flucht geschlagen.
In Großfriedrichsburg tauschten die Brandenburger fortan Gold und Elfenbein gegen europäische Feuerwaffen, Alkohol, Eisen, Glasperlen und Stoffe. Von Beginn an am gewinnbringendsten war allerdings der Sklavenhandel. Schon die der Besitzergreifung vorangehende Erkundungsexpedition der Kapitäne Bartelsen und Blonck hatte den Auftrag, einige Menschen zu versklaven und nach Berlin zu bringen.
Diese mussten im Status der Sklaverei unter der rassistischen Bezeichnung „Hofmohren“ an den Höfen des europäischen Adels arbeiten. Auch die erste Fracht der durch von der Groeben nach Afrika geführten Fregatte „Churprinz von Brandenburg“ bestand aus SklavInnen. Sie wurden nach Mittelamerika verschifft, wo Brandenburg durch den Ankauf eines Stützpunktes auf der (zu diesem Zeitpunkt zu Dänemark gehörenden) Insel Sankt Thomas bald schon den für den transatlantischen Dreieckshandel notwendigen Anlaufpunkt erwarb. HistorikerInnen schätzen, dass die „Brandenburgisch-Africanische Compagnie“ über die Jahre bis zu 30.000 Menschen in die Sklaverei verschleppte.5 6

Anmerkungen:
4 Die männlichen Anwohner waren besonders um ihre Frauen und Töchter besorgt. Von der Groeben und der von ihm ernannte Kommandant versprachen, diese Sorge zu respektieren – sofern einzelne Frauen zur Heirat mit ihnen gezwungen würden.
Schließlich „heirateten“ beide die 9-jährigen Töchter lokaler Herrscher. Siehe: M. Ullmann (Hg.) Texte zur Brandenburgisch-Preußischen Kolonialgeschichte: Otto v.d. Groeben, Guineische Reisebeschreibung, Heft 3 (1992), S. 49.
5 Stelzer, H.G. „Mit herrlichen Häfen versehen“. Brandenburgisch-preußische Seefahrt vor dreihundert Jahren, 1981, S. 155 ff.
6 Zu von der Groeben siehe weiter: A. Jones, Brandenburg Sources for West African History, 1680-1700; A. Weindl “Die
Kurbrandenburger im ‘atlantischen System’, 1650-1720″, Arbeitspapiere zur Lateinamerikaforschung, II-03.

Weiter Informationen:
Die alltägliche Gegenwart der kolonialen Vergangenheit. Von Joshua Kwesi Aikins
bundeszentrale für politische bildung – Afrikanische Diaspora

Berlin Postkolonial

DEPO Deutschland postkolonial erinnern und versöhnen e.V.

der braune mob
der braune mob e.v. ist ein Verein, der von Schwarzen Menschen gegründet wurde, die in den deutschen Medien und/oder Öffentlichkeit tätig sind.

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